Archive for the ‘Uncategorized’ Category

„Wir haben schon mal angefangen ..“ – Als Freies Radio noch illegal war

3. März 2016

aufkleberEin Beitrag von Jan Bönkost (Bremen)

Im Juni 1980 wird die „Republik Freies Wendland“ auf dem Bohrplatz 1004 mit einem der bisher größten Polizeieinsätze der BRD geräumt. Die aus dem gesamten Bundesgebiet angereiste Presse muß dafür das Gelände verlassen. Als erster wird ein NDR-Reporter unter Gewaltandrohung vom Platz entfernt, weil er live im Radio von der Räumung berichten wollte. „Anweisung von oben“ heißt es von der Polizei: „Wenn der Bademeister das Bad schließt, dann kommt auch kein anderer mehr rein“.

Doch der Ausschluß der Öffentlichkeit wird von Radio Freies Wendland durchbrochen. Den ganzen Tag über berichtet der illegale Sender live vom Dorfplatz der Atomkraftgegner*innen: „Das wichtigste ist ja, daß das ganz, ganz viel Leute mitkriegen, direkt, wie das hier abläuft, was für eine Stimmung unter uns ist und daß von uns keinerlei Gewalt ausgeht.“ Der gesamte Landkreis hängt am Radio. Erst kurz bevor die Räumung abgeschlossen ist, vergraben die Radiomacher*innen ihr Mikrofon, um nicht entdeckt zu werden.

Schon mit der Erfindung der drahtlosen Telegraphie an der Wende zum 20. Jahrhundert hatte die deutsche Reichsregierung sichergestellt, daß niemand ohne ihre Zustimmung den Äther nutzen konnte. Nach 1945 setzten die Westalliierten dann gegen alle deutschen Restaurationsbemühungen das Monopol eines „überparteilichen“ öffentlich-rechtlichen Rundfunks durch. Dieser sollte nicht mehr von der Regierung gesteuert, sondern von „gesellschaftlich relevanten Gruppen“ wie etwa Parteien, Gewerkschaften und Kirchen kontrolliert werden. Unter der Doktrin des „politischen Gleichgewichts“ wurde dabei fortan alles in Frage gestellt, was im Rundfunk von einem gesellschaftlichen Mehrheitskonsens abwich. Das Gefühl der Protestbewegungen der 1960er und 1970er Jahre, in den etablierten Medien keinen Platz zu haben, fand hierdurch auch im Rundfunk seinen Nährboden.

Der komplette Beitrag ist in CONTRASTE vom März 2016 erschienen. Diese Ausgabe hat den Schwerpunkt „Freie Radios – ihre Gegenwart und Geschichte“.

Der komplette Artikel ist hier als PDF zugänglich.


CONTRASTE ist die einzige überregionale Monatszeitung für Selbstorganisation. CONTRASTE dient den Bewegungen als monatliches Sprachrohr und Diskussionsforum.

Entgegen dem herrschenden Zeitgeist, der sich in allen Lebensbereichen breit macht, wird hier regelmäßig aus dem Land der gelebten Utopien berichtet: über Arbeiten ohne ChefIn für ein selbstbestimmtes Leben, alternatives Wirtschaften gegen Ausbeutung von Menschen und Natur,
Neugründungen von Projekten, Kultur von „unten“ und viele andere selbstorganisierte und selbstverwaltete Zusammenhänge.

Des weiteren gibt es einen Projekte- und Stellenmarkt, nützliche Infos über Seminare, Veranstaltungen und Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt.

CONTRASTE ist so buntgemischt wie die Bewegungen selbst und ein Spiegel dieser Vielfalt. Die Auswahl der monatlichen Berichte, Diskussionen und Dokumentationen erfolgt undogmatisch und unabhängig. Die RedakteurInnen sind selbst in den unterschiedlichsten Bewegungen aktiv und arbeiten ehrenamtlich und aus Engagement.

Wer CONTRASTE erstmal kennenlernen will, kann gegen Voreinsendung von 7,50 EUR in Briefmarken /Schein ein dreimonatiges Schnupperabo bestellen. Dieses läuft ohne gesonderte Kündigung automatisch aus.


Illustration: Aufkleber des Radio Zebra (Bremen, 1981). Quelle: Archiv der sozialen Bewegungen Bremen.

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CfP: Künstlerischer und politischer Aktivismus (Arbeitstitel)

29. Januar 2016

Call for Papers, PERIPHERIE, Ausgabe 144 (erscheint November 2016)

Im Heft 144 möchte sich die PERIPHERIE schwerpunktmäßig mit der Verschränkung von künstlerischem und politischem Aktivismus auseinandersetzen. Die Begegnung, das Zusammenspiel, die Vermischung von künstlerischer Aktion und sozialer Bewegung ist kein neues Phänomen.
Von Künstler_innen bzw. Bild- und Graphikexpert_innen gestaltete Transparente, Flugblätter, Plakate und Wandbilder geben politischen Inhalten eine ästhetische Form. Gleiches gilt auch für engagiertes Liedgut, Prosa, Lyrik, Graffiti, Film und Fotografie. Performative Konzepte wie das Theater der Unterdrückten stellen temporäre Aktionsräume im öffentlichen Raum her, die auf Missstände hinweisen und in denen mit alternativen Handlungsweisen experimentiert wird. Auf ähnliche Weise intervenieren Aktivist_innen der Kommunikationsguerilla, um Zonen zu produzieren, in denen Unsichtbares sichtbar wird. Auch die in den letzten Jahren populär gewordenen Urban-Gardening- oder Guerilla-Gardening-Projekte greifen unmittelbar in die Stadtgestaltung ein, schaffen neue soziale Handlungs- und Kommunikationsräume. Zugleich aber werden sie als Kunstform in das warenförmige Betriebssystem Kunst aufgenommen, beispielsweise auf der letzten documenta in Kassel.

Weiter im PDF 144_CfP-Kuenstlerischer-und-politischer-Aktivismus

Expertise „Lesbische Existenz 1945-1969. Aspekte der Erforschung gesellschaftlicher Ausgrenzung und Diskriminierung lesbischer Frauen…“

13. November 2015

cover_lesbische_existenzEndlich ist die Expertise „Lesbische Existenz 1945-1969. Aspekte der Erforschung gesellschaftlicher Ausgrenzung und Diskriminierung lesbischer Frauen mit Schwerpunkt auf Lebenssituationen, Diskriminierungs- und Emanzipationserfahrungen in der frühen Bundesrepublik“ als Printprodukt erschienen.

Sie wurde von Christiane Leidinger im Auftrag der Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung bei der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen erarbeitet und im  Dezember 2014 abgeschlossen.

Leidinger bietet darin einen Forschungsüberblick zu Cis-Lesben, gibt Hinweise zu (potentiellen) Quellen sowie Datenbanken und macht Vorschläge für mögliche Forschungsprojekte, u.a. zu kollektiver Organisierungsgeschichte, zu Subkultur, zu Lesben und „Fürsorge“, zu Psychiatrie, zu Straf-/verwaltungsrechtlichem Vorgehen, zur juristischen und medialen Konstruktion sowie Studien zu und mit folgenden sozialen Gruppen: Lesben of color, lesbische Arbeitsmigrantinnen, working class/poverty Lesben und Lesben mit Behinderungen.

Die 124 Seiten umfassende Publikation kann über die Senatsverwaltung kostenlos bestellt werden (e-mail: broschuerenstelle@senaif.berlin.de ).

Die Online-Version der Expertise (Nr. 34/2015) finden sich unter folgendem Link als pdf (3,4 MB) zum Download:
https://www.berlin.de/lb/ads/schwerpunkte/lsbti/materialien/schriftenreihe/

Erinnerungen und Re-Analyse. Industrielle Arbeit und soziale Kämpfe auf den Werften und in der Automobilindustrie seit den 1970er Jahren

15. Juli 2015

Workshop. Do., 24. September 2015, 11–18 Uhr, Göttingen.

Veranstalter: Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen (Re_SozIT) & Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin, IMPRS Moral Economies of Modern Societies

English version here in the PDF.
Die zeitgeschichtliche wie sozialwissenschaftliche Forschung hat sich in den vergangenen Jahren dem Strukturbruch in der Arbeitswelt zugewendet. Die Herausbildung neuer Arbeitsformen und -inhalte, der Bedeutungsverlust des sogenannten Normalarbeitsverhältnisses sowie die Entgrenzung und Informalisierung von Arbeitsverhältnissen lassen dies dringlich erscheinen. Wichtig für die Debatte um die Herausbildung neuer Konturen der Arbeitswelt ist dabei nicht zuletzt die Analyse betrieblicher sozialer Konflikte um Löhne und Arbeitsstandards sowie um Rationalisierungs- und Auslagerungsprozesse. In unserem Workshop werden wir insgesamt sechs Forschungsprojekte vorstellen, die Perspektiven auf Entwicklungen in der Schiffsbau- und Automobilindustrie zwischen Ende der 1960er Jahre und Anfang der 2000er Jahre werfen, wobei unterschiedliche Dimensionen sozialer Konflikte und ihrer Kontexte (gesundheitliche Belastungen am Arbeitsplatz, gewerkschaftliche Organisierung, Einführung von Gruppenarbeit, Leiharbeit und Migrationsverhältnisse) diskutiert werden. In der Diskussion werden dabei auch methodische und materiale Zugänge thematisiert: Die Forschungen beruhen neben den üblichen historischen Quellenanalysen auf empirischen Oral-History-Studien sowie der sekundäranalytischen Bearbeitung sozial-wissenschaftlicher Primärdaten, und sie beziehen insofern unterschiedliche disziplinäre wie theoretische Grundlagen ein. (more…)

Im Zweifel für den Zweifel [Rezension]

11. Juli 2015

643Peter Nowak bespricht auf dem Rezensionsportal „kritisch-lesen“

AutorInnenkollektiv Loukanikos (Hg.): History is unwritten. Linke Geschichtspolitik und kritische Wissenschaft

Er schreibt, die „25 dort veröffentlichten Aufsätze geben einen guten Überblick über den Stand der linken Geschichtsdebatte in Deutschland.“ Nowak weiter: So werden „im Buch „History is unwritten“ tatsächlich für eine emanzipative Theorie und Praxis wichtige Fragen gestellt. Es bleibt zu hoffen, dass die Debatte auch mit den politischen Aktivist_innen fortgesetzt wird, die trotz guter Vorsätze auf der Konferenz nur sehr begrenzt möglich war.“

Die komplette Buchkritik hier entlang.

Noch eine Anmerkung zur Rezension. Die geplante Teststrecke von Daimler-Benz war für Boxberg in Nordbaden vorgesehen, welches wiederum nicht in Bayern liegt (wie Nowak schreibt), sondern in Baden-Württemberg. Die Protestbewegung nannte sich nach dem Bundschuh (nicht Buntschuh). Siehe auch: http://www.traumaland.de/downloads/talteststrecke.pdf oder http://www.traumaland.de/html/teststrecke.html.

Landwehr über Adam, Lepanto und die FAS

6. Januar 2015

Knackige Kritik von Achim Landwehr an Konrad Adam, der sich in der FAS an der Verteidigung des Abendlandes verhob. Thanx

Soundtrack zum Ersten Weltkrieg – Einstürzenden Neubauten und die Vertonung von Geschichte

30. Dezember 2014

Die Einstürzenden Neubauten (Album: Lament, 7.11.14, BGM) haben die Geschichte des Ersten Weltkriegs vertont: beeindruckend, verstörend, mitreißend und: eine Erinnerung für HistorikerInnen, an der Sprache und an den Erzählungen kritischer Geschichte zu arbeiten, klar und deutlich zu sein, ohne zu propagieren, damit sie verständlich bleibt und sich versendet…

Zum Tod von Stuart Hall (1932-2014)

11. Februar 2014

Stuart Hall (1932-2014), Quelle: Wikimedia Commons

Gestern starb Stuart Hall, Medienwissenschaftler, postkolonialer Kulturkritiker, Historiker und Anti-Rassismus-Aktivist im Alter von 82 Jahren. Der Guardian veröffentlichte einen ausführlichen Nachruf plus einer Reihe von älteren Beiträgen und Interviews.

Neben einer Liste seiner Werke finden sich auf der englischen Wikipedia Links zu Interviews und Videomitschnitten seiner Vorlesungen.

Blackadderisierung des Ersten Weltkriegs – Scharfe Debatten in Großbritannien

13. Januar 2014

Während der Erste Weltkrieg in Deutschland auch zum 100sten seines Beginns kaum die Gemüter erregt, ist in Großbritannien ein heftiger Streit um die Deutung dieses Ereignisses entbrannt. Protagonisten sind derzeit Michael Gove, Tory Education Secretary, und Richard J. Evans, Regius Professor for History in Cambridge. Gove und Evans sowie eine Reihe anderer Historiker streiten sich schon seit dem letzten Frühjahr über die Vorstellungen des Schulministers über die Art und Weise, wie Geschichtsunterrricht betrieben werden soll, nämlich: patriotisch, frontal, einheitlich. Was er nicht will, ist auch klar: Diskussion, Komplexitäten, Kritik und Analyse. Gove wirft „linken Historikern“ eine Banalisierung des Heldentums britischer Soldaten vor, im Stil der BBC-Serie „Blackadder“.

Hier zwei Artikel von Evans im New Statesman im März und Mai 2013 und einer im Guardian letzter Woche; außerdem Michael Gove in der Daily Mail im Januar 2014.

Northern Black Racer, Coluber constrictor constrictor, detail of head as snake was „periscoping“ near a sidewalk. Location: Durham County, North Carolina, United States. Quelle: Wikimedia Commons; Foto: Patrick Coin. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic license.

Wenn in Deutschland ein solcher Schulminister auch nicht Not tut, eine Debatte über die Darstellung der Ersten Weltkriegs wäre sehr wohl hilfreich – bevor sich alle wieder auf die Geschichte der Kriegpolitik und der Diplomatie konzentrieren und die soziale Tiefenschärfe, auch in ihrer globalen Dimension (Spanische Grippe, Hungerkrisen in den afrikanischen Kriegsgebieten usw.), verloren geht.

[UPDATE] Als Heinemann den Dienst quittierte

4. Juli 2013

Markus Mohr rezensiert im ND vom 4. Juli 2013
Dominik Rigoll: Staatsschutz in Westdeutschland. Von der Entnazifizierung zur Extremistenabwehr. Wallstein Verlag, Göttingen. 524 S., geb., 39,90 €.

Unter der Überschrift „Staatsschutz in Westdeutschland – Im Visier: Studenten, Kommunisten und Antifaschisten“ schreibt Mohr: „Ausgehend von der Doktrin »Antitotalitarismus versus Antifaschismus«, verfolgt Rigoll in vier Kapiteln die Entwicklung des Staatsschutzes von der Wiederbewaffnung zu dessen Neujustierung in den 1960er Jahren, die er als »Liberalisierung ohne Lernprozess« charakterisiert. Die folgende Dekade habe in Ausführung des Radikalenerlasses vom Januar 1972 quasi unter dem Motto »Mehr Demokratie fürchten« gestanden. Dies habe bei prominenten ausländischen Kritikern wie dem französischen Politikwissenschaftler und Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels Alfred Grosser zu Sorgen über eine Abkehr der Bundesrepublik von westlichen Werten geführt.
Rigoll weist überzeugend nach, wie umstritten in der politischen Klasse der Bundesrepublik selbst die konkrete Ausgestaltung des Staatsschutzterrains gewesen ist. Es sei nicht zuletzt die begründete Furcht vor einer Militarisierung und Renazifizierung gewesen, die den ersten Innenminister Adenauers, Gustav Heinemann, 1950 zum Rücktritt und den ersten Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Otto John, 1954 zur Flucht in die DDR bewogen haben.“
Die komplette Rezension ist hier online.

[UPDATE] Artikel auf ZEIT Online vom 21. Juli zum Buch (mehr)