Posts Tagged ‘Kommunismus’

[Konferenz] Westeuropäische Kommunisten als Kritiker des Sowjetkommunismus – Potsdam 06/15

28. Mai 2015

Im Zentrum der Konferenz stehen Personen aus West- und Nordeuropa, die, aus der kommunistischen Bewegung kommend, nach 1945 zu Kritikern des sowjetischen Modells und der daran orientierten Staatenwelt wurden.
Vorrangig über personengeschichtliche Zugänge sollen Brüche im Denken und Handeln von Akteuren untersucht werden, die sich der kommunistischen Weltanschauung und Politik verpflichtet hatten. Zwar erodierten deren Grundlagen zunehmend, besaßen aber gleichwohl eine erst langsam nachlassende Bindekraft. Jenseits von Kampfbegriffen wie dem des Renegaten wird der Blick auf teils prominente, teils weniger bekannte Persönlichkeiten geworfen, die nach ihrem Bruch mit dem Sowjetkommunismus ihren Platz in einer vielgestaltigen demokratischen Linken fanden.

Eine vorherige Anmeldung zur Konferenz ist nicht erforderlich. Konferenzgebühren werden nicht erhoben.

Veranstalter: Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF Potsdam); Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg (FZH)
Termin/Ort: 18.06.2015-19.06.2015, Potsdam, Großer Seminarraum des ZZF Potsdam, Am Neuen Markt 9d, 14467 Potsdam
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Musik für die Massen – zur Biographie des Arbeitersängers Ernst Busch.

1. Oktober 2012

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Ernst Busch 1946 (Foto: Abraham Pisarek. Deutsche Fotothek‎, Lizenz: CC Share Alike 3.0 Germany) via Wikimedia Commons)

Rezension von Ralf Hoffrogge (Eine Kurzversion erschien im September 2012 in der Zeitschrift „Analyse und Kritik“, AK Nr. 575)

„Er rührte an den Schlaf der Welt…“ – diese Zeilen von Johannes R. Becher bezogen sich auf Lenin – doch eingeprägt haben sie sich durch die Stimme von Ernst Busch, der sie in einer einzigartigen Interpretation um die Welt schickte. Daher ist es mehr als angemessen, wenn Jochen Voit diesen Liedtext zum Titel seiner jüngst erschienenen Biographie des Arbeitersängers wählte. „Mit Worten, die Blitze waren“ lautet die nächste Zeile des Liedes, und auch diese mag man getrost auf Ernst Busch beziehen. Denn für viele Zuschauer war es in der tat ein elektrisierendes Erweckungserlebnis, wenn er Texte von Erich Weinert, Bertolt Brecht und Johannes R. Becher schmetterte, die diese oft eigens für ihn verfaßten. Manch einer soll nur wegen seiner Musik zum Marxisten geworden sein. Ernst Busch war letztlich wohl der einzige Sänger, der politische Generationen wie die Weimarer KPD der 20er Jahre, die DDR-Aufbaugeneration ab 1945 und die westdeutschen 68er gleichermaßen zu begeistern vermochte.

Dies gelang nicht nur mit markiger Stimme und Agitprop-Texten. Auch die Kompositionen seiner Lieder mußten einzigartig sein, und sie waren es. Der Schönberg-Schüler Hanns Eisler, mit dem Ernst Buch zeitweise in einer Künstler-WG zusammenlebte, komponierte zahllose Stücke eigens für ihn, darunter Klassiker wie „Das Solidaritätslied“ oder „Roter Wedding“. Es war diese kongeniale Zusammenarbeit mit der lyrischen und musikalischen Avantgarde seiner Zeit, die den Ruhm der Sängers begründete.
Denn vom 19. Jahrhundert bis in die Zeit des ersten Weltkrieges waren Arbeiterlieder künstlerisch meist schlicht gestrickt, meist bloße Umdichtungen gängiger Volkslieder und Soldatenlieder. Erst das Trio Brecht-Eisler-Busch hob den proletarischen Gesang in den 1920er Jahren auf ein ganz neues Niveau. Sie hinterließen Musik für die Massen – zeitkritische Propagandaschlager, die es mitunter fertig brachten, auch als zeitlose Kunstwerke zu wirken.

Im Jahr 2010, Dreißig Jahre nach dem Tod des Künstlers und 110 Jahre nach seiner Geburt im norddeutschen Kiel legte Jochen Voit die erste kritische Biographie des Arbeitersängers vor. Kritisch – das bedeutet, dass Voit sich der Rolle Buschs als Legende, Idol und Staatskünstler der DDR bewußt ist, ihr aber nicht auf dem Leim geht. Er vermeidet die Versuchung jedes Biographen, seinen Protagonisten unkritisch zu überhöhen oder zu dämonisieren. (more…)

Gramsci: Everything that Concerns People (1987)

26. Juli 2012

Eine Dokumentation über Antonio Gramsci (1987)

Entdinglichung

Gramsci: Everything that Concerns People, ein Film, produziert von Mike Alexander und Douglas Eadie für Channel4 (Scotland), wissenschaftliche Beratung von Tom Nairn, hat tip to Cedar Lounge Revolution:

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Deutungskämpfe in der griechischen Zeitgeschichte

23. April 2012

Memorial for executed EAM rebels during World War 2, Platia Agiou Markou, Zakynthos City, Greece 01

Memorial for executed EAM rebels during World War 2, Platia Agiou Markou, Zakynthos City. By Christaras A, CC-Lizenz, via Wikimedia Commons


Griechenland ist nicht nur Schauplatz sozialer Kämpfe. Auch geschichtspolitisch gibt es eine anhaltende Kontroverse um die Deutung die Befreiung Griechenlands von der Besetzung durch die deutschen Faschisten (1941-1944) und dem anschließenden Griechischen Bürgerkrieg (1946-1949). Im Zentrum steht die Bewertung der von Kommunisten dominierten Nationalen Befreiungsfront (EAM) und der dazugehörigen Befreiungsarmee (ELAS).

Dazu hat Kaspar Dreidoppel 2009 eine Studie publiziert, die nach eigenen Aussagen „das in Wissenschaft und Öffentlichkeit dominierende m.E. allzu romantische Bild der EAM“ dekonstruieren will. Sein Buch Der griechische Dämon. Widerstand und Bürgerkrieg im besetzten Griechenland 1941-1944 wurde Anfang dieses Jahres von Adamantinos Skordos auf H-Soz-u-Kult besprochen. Gregor Kritidis hat sich daraufhin die Studie angesehen und eine kurze Einschätzung geschrieben: (more…)

Geschichte als Graphic Novel: Tina Modotti – Eine Frau des 20. Jahrhunderts

25. September 2011

Tina Modotti in the 1920 film The Tiger's Coat.

Spätestens seit der Publikation von „Maus“, für die der Autor Art Spiegelman 1992 mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, sind Graphic Novels ein ernst genommenes und honoriertes Genre der Literatur. Spiegelman bewies, dass man auch in comicartiger Form Lebensgeschichten erzählen und dabei spielerisch Wissen vermitteln kann. Barbara Eder, die am Soziologischen Institut der Universität Wien zur Thematik promoviert, geht davon aus, dass sich das Medium Graphic Novel zur Erzählung einer Lebensgeschichte sogar besser eigne, da

die extrem brüchige Erzählform von Comics – mit den leeren Räumen zwischen den Bildern – einer Biographie, die nicht linear verlaufen ist, möglicherweise mehr entspricht als eine literarische Erzählung.

Der spanische Comiczeichner Ángel de la Calle scheint dies ähnlich zu sehen und wählte jene Form, um das bewegte und sagenumwobene Leben der politischen Künstlerin Tina Modotti nachzuzeichnen. Bereits im Jahr 2003 erschien der erste Teil der zweibändigen Graphic Novel auf Spanisch und erhielt einige Auszeichnungen. Nun wurde er von Timo Berger ins Deutsche übersetzt und, zusammengefasst als Doppelband, beim Rotbuch Verlag herausgegeben. (more…)

Slavoj Žižek über die Dialektik des Alten und Neuen (2009)

11. Juni 2011

Andy Miah: Slavoj Zizek in Liverpool (2008), Lizenz: CC, Q.:Wikimedia Commons

Ein interessantes Fundstück von Slavoj Žižek. Der bekannte politische Philosoph formulierte in seinem Vortrag auf der Marxismus-Konferenz in Bloomsbury 2009 folgenden Gedanken:

I would like beginn with Adorno, who at the very beginning again of his Three studies of Hegel rejects this traditional, patronizing question „What is still alive and what is dead in Hegel?“ According to Adorno such a question presupposes an arrogant position of a judge who can graciously concede „Yes, this is maybe still actual for us today“.

But Adorno points out, when we are dealing with a truly great philosopher, the question that be raised is not, what can this philosopher tell us, but the opposite one, what are we – our contemporary situation – in his eyes? How would our epoch appear to his – or her of course – thought?

And the same should be done with communism. Instead of asking the obvious stupid question „But is the idea of communism still pertinent today? Can it still be used as a tool for the analysis and political practise?“ one should ask the opposite question: How does our predicament today look from the perspective of the communist idea? This is the dialectic of the old and the new.

Wer den Text bei Adorno sucht, wird ihn nicht genau so finden, wie er hier von Žižek formuliert ist. Er hat die Grundidee wesentlich weiter ausgeführt und illustriert. Žižek will eine Perspektivenverschiebung, die es erlaubt, sowohl Vergangenes in seinen historischen Kontext zu setzen als auch überzeitlich Gültiges zu formulieren. So lässt sich meiner Meinung nach auch sinnvoll über Fort- und Rückschritte diskutieren, ohne von einem inhärenten Sinn der Geschichte oder einem Fortschrittsautomatismus auszugehen – oder gegenwärtige Verhältnisse zu rechtfertigen

Meiner Meinung nach wird man schnell in Schwierigkeiten geraten, wenn man wie Žižek den Ansatz  auf  eine ganze historische Bewegung überträgt. Im Fall des Kommunismus kann man zwar von bestimmten Grundideen ausgehen, aber man wird auch umgehend konkretisieren müssen, welchen oder wessen Kommunismus man genau meint.  Der Bezug auf eine konkrete Person (z. B. Philosoph) oder eine eingrenzbare Gruppe erscheint mir für diesen Zugriff auf die Geschichte sehr wichtig. (more…)

HKWM-Artikel zur Kommunismus-Debatte

8. Januar 2011

Die Hysterie der öffentlichen Reaktionen, die der Beitrag von Gesine Lötzsch in der Zeitung junge Welt über die Wege zum Kommunismus ausgelöst hat, sagt auch viel über die Defizite der historisch-politischen Bildung in Deutschland aus. Eine Gesellschaft, die über eine gerechtere und demokratischere Ordnung nachdenkt, wird aber um die Auseinandersetzung mit der historischen Erfahrung kommunistischer Bewegungen nicht herumkommen.

Als Ausgangspunkt für eine vertiefte Auseinandersetzung kann ich vor allem den Artikel „Kommunismus“ im neuesten Band des Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus (HKWM) empfehlen.  Den Artikel gibt es auch zum Download, kostet allerdings 7 Euro.

Aktualisierung: Der Artikel ist von der Rosa-Luxemburg-Stiftung auf dieser Seite neben vielen anderen interessanten Informationen zum Download bereitgestellt worden.

Dahin gehen, wo’s wehtut

27. Oktober 2010

Und erstmal erzählen, bevor man sich abgrenzt. Drei Thesen zu einer „kritischen Geschichte“ der Bundesrepublik und ihrer Kritiker.

Auch mal die anderen als Radikale im öffentlichen Dienst analysieren: Hans Globke in seinem Büro 1963. Deutsches Bundesarchiv, Commons Bundesarchiv

„Kritische Geschichte“ heißt für mich, ans Eingemachte zu gehen. Und zwar nicht nur an Orte, für die sich der „Mainstream“ aus allerlei politischen und wissenschaftlichen Gründen nicht sonderlich interessiert, sondern auch an solche, wo er sich nicht so recht hintraut.

Wer so richtig kritisch sein will, kann sogar noch einen Schritt weitergehen. Und bei „Mainstream“ nicht nur an die in Forschung und Feuilleton herrschende Meinung denken, über die sich so trefflich schimpfen lässt, sondern auch an solche Themen und Ansätze, für die sich als kritisch verstehende Historikerinnen und Historiker aus allerlei Gründen bisher nicht sonderlich interessiert haben. Oder eben an solche, an die sie sich noch nicht so recht ran trauten.

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