Posts Tagged ‘Pädagogik’

Schule und Kinder und Geschichte

7. November 2010

Mit einiger Verspätung will ich kurz auf ein Handbuch der Berliner Initiative Kritische LehrerInnen hinweisen. Genaugenommen ist der Titel „Kritische LehrerInnen. Kein Handbuch„. Wie auch immer, es gibt einen aktuellen Einblick in das politische Feld Schule und Bildung, das in der von der politischen Linken eigentlich lange vernachlässigt worden ist. Die Beiträge dieses Buchs thematisieren Herrschaft und Disziplinierung, ihre Leitbegriffe sind Schul- und Gesellschaftskritik.

Es dauerte offenbar mehrere Jahrzehnte, um den gescheiterten Reformprozess der 1970er Jahre zu verarbeiten. Das Handbuch ist für mich ein Hinweis auf erste Ansätze, Vermittlung, Schule und Bildung vor dem Hintergrund der heutigen Herausforderungen neu zu denken. Was aus meiner Sicht bedeutet, nicht uninspiriert die Losungen der 70er Jahre zu widerholen, sondern die damaligen Initiativen und Teilerfolge der Bildungsreform als „aufzuhebendes“ historisches Erbe zu verstehen. „Aufheben“ in einem Hegelschen Sinn: Nicht nur bewahren oder retten, sondern auch verändern.

Ein zweiter Hinweis für neue Denkbewegungen in dieser Richtung ist für mich der von Klaus Weber herausgegebene Sammelband „Kinder“ (texte kritischer psychologie 1) aus dem Argument-Verlag. Sehr spannend zu lesen und mit vielen Impulsen zur Entwicklung eines pädagogischen Selbstverständnisses.

Aber nicht nur in Pädagogik und Psychologie tut sich langsam wieder was, auch auf unserer kg-Mailingliste ist in den letzten Wochen Interesse an neuen Formen historisch-politischer Bildung und an einer alternativen Geschichtsdidaktik angemeldet worden.

Wohin diese Reise führt ist noch nicht klar. Mein Verdacht ist aber, dass wir uns von vielen eingefahrenen Vorstellungen, was wie in der Schule vermittelt werden soll, verabschieden müssen. Ich nehme ein Beispiel: Natürlich möchte ich eine Schule, die sich im Geschichtsunterricht den Kapitalismus, seinen Folgen und seiner historischen Entwicklung zur Brust nimmt. Aber das ist die Sicht eines 39-jährigen Lefty. Vielleicht wäre es aber wichtiger, ab und zu über Ein- und Ausgrenzung zu sprechen oder darüber, wie so etwas wie Solidarität entsteht. Und was würde das inhaltlich für den Geschichtsunterricht bedeuten? Sicher ist, dass wir mehr Möglichkeiten bieten müssen, damit sich Schülerinnen und Schüler „ihre“ Geschichte selbst aneignen können und einordnen lernen. Dazu muss das Thema „interessant“ sein, also die Schülerinnen und Schüler auch selbst betreffen.

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Wissenschaft über Bilder vermitteln: Otto Neurath

29. August 2010
Ausschnitt aus dem Atlas "Gesellschaft und Wirtschaft" (1930)

Ausschnitt aus dem Atlas "Gesellschaft und Wirtschaft" (1930)

Der österreichische Philosoph und Ökonom Otto Neurath (1882-1945) gilt als Wegbereiter der wissenschaftlichen Visualisierung und wurde durch seine revolutionäre Methode der Bildpädagogik bekannt.

Frank Hartmann schreibt in einem lesenswerten Einführungsartikel über Neurath:

Otto Neurath war ein Pionier in vielerlei Hinsicht: in seinen Schriften finden sich Beiträge zu Nationalökonomie, Soziologie, Wissenschaftstheorie und Sozialphilosophie. Beachtlich ist jedoch vor allem sein revolutionärer kommunikationstheoretischer Ansatz, der die Rolle der Kommunikation in der Entstehung des modernen Menschenbildes reflektiert. Im weiteren Kontext einer „wissenschaftlichen Weltauffassung“ artikulierte er eine Frühform der Medienpädagogik, die er als Fortsetzung des Aufklärungsprogramms verstanden hat: der Kampf gegen die Abstraktionen der Metaphysik sollte durch eine kommunikationstechnische Rückkehr zum Ikonischen […] ausgetragen werden.

Anders gesagt: Wissenschaftliche Ergebnisse und komplexe Zusammenhänge sollten etwa über Infografiken einer breiten Bevölkerungsschicht vermittelt werden. Wie sich das Otto Neurath konkret vorstellte, ist in dem jetzt online verfügbaren Atlas Gesellschaft und Wirtschaft. Bildstatistisches Elementarwerk (1930) zu sehen (Tipp von: entdinglichung).

Zwar ist die heutige Medienwelt heute eine völlig andere als in den 1920er und 1930er Jahren. Die bildliche Vermittlung wissenschaftlicher Ergebnisse in die breite Bevölkerung, aber auch Vermittlung entsprechender Inhalte innerhalb der Wissenschaften, bleibt nach wie vor aktuell. Neurath hat hier wichtige Ansätze erarbeitet, die angesichts des neuen Kommunikationsmediums „Social Web“ weiter entwickelt werden müssten.

Frank Hartmann (1997): Sprechende Zeichen. Otto Neuraths revolutionäre Methode der Bildpädagogik, in: Electronic Journal Literatur Primär