Posts Tagged ‘Bayern’

Dokumentation zur bayerischen AIDS-Politik

19. März 2014

Der ehemalige Leiter des Augsburger Gesundheitsamtes Johannes Georg Gostomzyk hat im Historischen Lexikon Bayerns Ende vergangenen Jahres eine Dokumentation der AIDS-Politik des Freistaates Bayern veröffentlicht, die besonders wegen ihrer klaren, kurzen und sachlichen Darstellung hochinformativ und lesenswert ist.

Die historische Katastrophenforschung argumentiert, dass an Katastrophen Mentalitäten wie unter einem Brennglas sichtbar werden und sich gesellschaftliche Tendenzen (etwa der Sozialdisziplinierung) kurzfristig bündeln und verstärken, was z.T. zur Entstehung obrigkeitlicher, staatlicher und manchmal autoritärer Strukturen führt. Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive ist zu ergänzen, dass es vor allem auf die in einer Gesellschaft hegemonialen Deutungsangebote ankommt, ob ein natürliches, technisches oder gesellschaftliches Ereignis auch zu einer Katastrophe mit weitreichenden sozialen Folgen wird.

Ein Beispiel aus der unmittelbaren Zeitgeschichte ist das Auftreten von HIV-AIDS. Zuerst 1981 in Kalifornien diagnostiziert löste und löst die Krankheit weitreichende gesellschaftliche und kulturelle Reaktionen aus. Die medizinische Erfolge, die die Krankheit am Ausbruch hindern bzw. die Symptome unterdrücken helfen, und die Wirkung von Aufklärungskampagnen führten in den letzten Jahren zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse vieler HIV-Infizierter. Die Krankheit wurde dadurch in der öffentlichen Wahrnehmung zu einem Problem des globalen Südens und wird in die gängige Erzählung von dessen Rückständigkeit intergriert.

Wie Gostomzyk zeigt, verfolgte die bayerische Staatsregierung (verantwortliche Staatssekretäre ab 1986 Peter Gauweiler; ab 1989 Günter Beckstein) ab Mitte der 1980er Jahre einen Sonderweg innerhalb der BRD.

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Karl Bosl in Cham abmontiert

30. November 2011

Wie die Süddeutsche Zeitung (sueddeutsche.de, 29.11.2011, 12:20) gestern berichtete und der Nachrichtendienst für Historiker verlinkte, hat der Stadtrat von Cham vergangene Woche beschlossen Karl Bosl (1908-1993) die Ehrungen durch seine Geburtsstadt abzuerkennen. Ummittelbar danach wurde das Straßenschild des nun ehemaligen Prof.-Karl-Bosl-Platzes abmontiert. Gleiches soll mit einer 50.000 Euro teueren Bronzebüste Bosls geschehen, die die Stadt 2003 aufgestellt hatte.  Zuvor hatte der Stadtrat den Stadtarchivar Timo Bullemer beauftragt, Vorwürfe zu prüfen, Bosl habe seine Rolle als Widerstandskämpfer während der NS-Zeit erfunden.

Bosl – Erneuerer der Bayerischen Landesgeschichte im Sinne einer Struktur- und Sozialgeschichte in den 1950er und 60er Jahren –  war seit 1930 Mitglied des Stahlhelm gewesen, im Mai 1933 in die NSDAP, in den NS-Lehrerbund und danach auch in die SA eingetreten. Der Historiker Matthias Berg verweist in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft darauf, dass Bosl zunächst keine aktive Rolle in den NS-Organisationen eingenommen habe, die Mitgliedschaft  sogar nach Wohnungswechseln einschlafen ließ. Nach seiner Promotion 1938 allerdings erwies sich Bosl als linientreuer Nachwuchsforscher und übernahm ein Forschungsprojekt des SS-Ahnenerbes zur Lehensgeschichte. Dass dem jungen Bosl keine Dozentur zuerkannt wurde, lag viel eher daran, dass das Kriegsende nahte, als an einer vermeintlich Widerstandstätigkeit, wie Bosl nach 1945 vorgab. Um eine Einstufung als ‚Mitläufer‘ zu verhindern, gab Bosl unter Eidesstatt an, er sei Mitglied des Ansbacher Widerstands gewesen. Zeugen oder Quellenbelege gibt es dafür keine. Im Gegenteil deuten die von Berg  untersuchten Akten auf eine ‚mustergültige‘ Wissenschaftlerkarriere und Vernetzung im NS-Wissenschaftsapparat hin, die vor allem über die Beziehung zu seinem Lehrer Karl-Alexander v. Müller ging.

Vgl. Matthias Berg, Lehrjahre eines Historikers. Karl Bosl im Nationalsozialismus, in: ZfG 59 (2011) 1, S. 45-63.

Revolution 1848/49 in Bayern – Buchverlosung

26. Juni 2010

Ich habe von Hermann Reiter fünf Ausgaben seines Buchs „Die Revolution 1848/49 in Bayern“ (1998) bekommen, die ich unter den Leserinnen und Lesern dieses Blogs verlosen darf  🙂

Das Verfahren ist einfach: Wer an der Verlosung teilnehmen möchte, schreibt einfach eine E-Mail an info@kritische-geschichte.de mit der Adresse, wo ich das Buch hinschicken kann. Einsendeschluss ist der 11. Juli 2010. Die Gewinner werden per Los ermittelt, die Bücher verschickt, E-Mails und alle Adressen lösche ich anschließend wieder.

Das Buch ist aus meiner Sicht ein echtes Standardwerk der Politik- und Sozialgeschichte der Revolution in Bayern. Vom Zugriff her vergleichbar der Revolutionsgeschichte von Paul Frölich, die ich vor ein paar Wochen vorgestellt habe. Dazu gehört auch unbedingt die im Netz verfügbare, hervorragende Quellenedition. Reiter räumt mit vielen Mythen der konservativen bayerischen Geschichtsschreibung auf. Das Buch ist aber weniger als allgemeiner Überblick zu verstehen. Für den ersten Eindruck reichen die Kapitel „Bayern im Vormärz“ und „Die Krise von 1847“. Die komprimierte Darstellung ist aber ideal für alle, die sich in diese Thematik einarbeiten oder vertiefter beschäftigen wollen. Wer über den bayerischen Horizont hinaussehen möchte, erhält von Reiter eine fundierte und differenzierte Fallstudie.

Regensburger Stadtspitze gibt sich lieber königstreu

17. Mai 2010
Protestaktion des Bundes für Geistesfreiheit, 9.5.2010

Protestaktion des Bundes für Geistesfreiheit, 9.5.2010

Es war ein Spektakel, das vor einer Woche in der Regensburger Innenstadt geboten wurde. Mit Festzug und Tieflader (!) wurde eine altes Reiterstandbild von König Ludwig I. vor den Regensburger Dom transportiert, um dann im Beisein der Regensburger Prominenz – bei Bier und Bratwürstel versteht sich – mit einem Kran auf den Platz gehoben zu werden, wo es schon 1902 stand. Man könnte es dabei bewenden lassen. Aber der Regensburger Oberbürgermeister Hans Schaidinger bugsierte damit nicht zufällig einen antiaufklärerischen Antidemokraten in die Stadtmitte. Nicht die erste Eskapade des umstrittenen Oberbürgermeisters. (more…)

Revolutionszeitungen aus Bayern (1848-50) online

28. November 2009

Eine Revolutionszeitung, Q: BSBArchivalia weist darauf hin, dass die Bayerische Staatsbibliothek Zeitungen aus der Revolutionszeit digitalisiert und online verfügbar gemacht hat. Zur bayerischen Revolution hier demnächst noch ein paar Takte mehr.