Posts Tagged ‘Dialektik’

Peter Weiss über den Umgang mit der Weltkultur

30. Juni 2012

Die angemessen Darstellung komplexer Vorgänge ist immer eine große methodische Herausforderung. Wichtige Lösungsansätze kommen für meine Begriffe aus der dialektisch-kritischen Literatur- und Kunsttheorie. Und zwar von den Autoren, die eine besondere Nähe zu historischen Stoffen und historischer Arbeit haben. Walter Benjamin und Ernst Bloch zum Beispiel, aber auch von Peter Weiss. Dieser sagte beispielsweise 1974 in einem Gespräch über seine Arbeit:

Grundsätzlich könnte man mich als „Traditionalisten“ bezeichnen, indem die gesamte Weltkultur für mich vorhanden ist und in jeder ihrer Perioden ihre bedeutenden Leistungen aufweist. Das Verhältnis zu den Werken aller Zeitalter indessen schließt ein, daß man auch dort die jeweiligen Widersprüche erkennt und die jeweiligen Klassenbedingtheiten. Du erwähntest Hölderlin. Dabei ging es mir ja auch nicht darum, Hölderlin gegen Goethe auszuspielen, sondern nur in einer Konfliktsituation verschiedener Haltungen und Auffassungen einander gegenüberzustellen. Ich finde zum Beispiel Engels‘ Charakterisierung Goethes als äußerst zutreffend, da er beide Seiten Goethes zu treffen vermag. Das ist ja gerade das Wesen der Kunstwerke, daß man sie immer wieder mit neuen Augen betrachten kann und daß man aus Werken, die von den herrschenden Klassen für sich in Anspruch genommen wurden, neue Werte herauszulesen vermag, die – wie ich meine – zu einer klassenlosen Gesellschaft gehören. Der Sturm gegen die Kultur, das Trachten nach dem Sturz von Kulturwerken ist mir immer unverständlich gewesen, wenn auch zum Beispiel der Dadaismus als zeitbedingte Erscheinung interessant und verständlich ist. Natürlich spielen hier herein Erlebnisse aus der Zeit des Aufwachsens, wo ein persönliches Element des Protests und Aufruhrs konfrontiert wurde mit einer Klassikerauffassung, die autoritär und konservativ war.

Quelle: Manfred Haiduk im Gespräch mit Peter Weiss über Die Ästhetik des Widerstands, 30. August 1974, 213f; in: Rainer Gerlach und Matthias Richter (Hg.): Peter Weiss im Gespräch, Frankfurt am Main 1986.

Advertisements

Slavoj Žižek über die Dialektik des Alten und Neuen (2009)

11. Juni 2011

Andy Miah: Slavoj Zizek in Liverpool (2008), Lizenz: CC, Q.:Wikimedia Commons

Ein interessantes Fundstück von Slavoj Žižek. Der bekannte politische Philosoph formulierte in seinem Vortrag auf der Marxismus-Konferenz in Bloomsbury 2009 folgenden Gedanken:

I would like beginn with Adorno, who at the very beginning again of his Three studies of Hegel rejects this traditional, patronizing question „What is still alive and what is dead in Hegel?“ According to Adorno such a question presupposes an arrogant position of a judge who can graciously concede „Yes, this is maybe still actual for us today“.

But Adorno points out, when we are dealing with a truly great philosopher, the question that be raised is not, what can this philosopher tell us, but the opposite one, what are we – our contemporary situation – in his eyes? How would our epoch appear to his – or her of course – thought?

And the same should be done with communism. Instead of asking the obvious stupid question „But is the idea of communism still pertinent today? Can it still be used as a tool for the analysis and political practise?“ one should ask the opposite question: How does our predicament today look from the perspective of the communist idea? This is the dialectic of the old and the new.

Wer den Text bei Adorno sucht, wird ihn nicht genau so finden, wie er hier von Žižek formuliert ist. Er hat die Grundidee wesentlich weiter ausgeführt und illustriert. Žižek will eine Perspektivenverschiebung, die es erlaubt, sowohl Vergangenes in seinen historischen Kontext zu setzen als auch überzeitlich Gültiges zu formulieren. So lässt sich meiner Meinung nach auch sinnvoll über Fort- und Rückschritte diskutieren, ohne von einem inhärenten Sinn der Geschichte oder einem Fortschrittsautomatismus auszugehen – oder gegenwärtige Verhältnisse zu rechtfertigen

Meiner Meinung nach wird man schnell in Schwierigkeiten geraten, wenn man wie Žižek den Ansatz  auf  eine ganze historische Bewegung überträgt. Im Fall des Kommunismus kann man zwar von bestimmten Grundideen ausgehen, aber man wird auch umgehend konkretisieren müssen, welchen oder wessen Kommunismus man genau meint.  Der Bezug auf eine konkrete Person (z. B. Philosoph) oder eine eingrenzbare Gruppe erscheint mir für diesen Zugriff auf die Geschichte sehr wichtig. (more…)

Brecht: Die große Methode

17. April 2011

Jörg Kolbe: Bertolt Brecht (1954), Deutsches Bundesarchiv, gemeinfrei. Q:Wikimedia Commons

Neulich habe ich ein wenig in Bertolt Brechts Fragment Me-Ti. Das Buch der Wendungen gestöbert. Brecht entwickelt dort viele Kernaussagen seiner Philosophie. Er setzt sich mit der Dialektik und zentralen politischen Fragen seiner Zeit auseinander. Es wäre sicher einmal interessant, nach zu forschen, was sich von Brecht für die historische Arbeit gewinnen ließe. Ein Beispiel quasi als kleines Wort zum Sonntag.

Die große Methode

Die große Methode ist eine praktische Lehre der Bündnisse und der Auflösung der Bündnisse, der Ausnutzung der Veränderungen und der Abhängigkeit von den Veränderungen, der Bewerkstelligung der Veränderung und der Veränderung der Bewerksteller, der Trennung und Entstehung von Einheiten, der Unselbständigkeit der Gegensätze ohne einander, der Vereinbarkeit einander ausschließender Gegensätze. Die große Methode ermöglich, in den Dingen Prozesse zu erkennen und zu benutzen. Sie lehrt Fragen zu stellen, welche das Handeln ermöglichen.

Bertolt Brecht: Gesammelte Werke, Band 12, Frankfurt am Main 1967, S. 475