An die Arbeit! Die ITH-Tagung diskutierte in Berlin über Arbeit und Nichtarbeit

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Von Ralf Hoffrogge (Bochum/Berlin)

Arbeit, Arbeitskämpfe, Arbeiterbewegung – seit dem 19. Jahrhundert sind dies zentrale Begriffe, die „soziale Frage“ oder „Arbeiterfrage“ wurde beantwortet durch Sozialreform wie Sozialismus und definierte damit neue Achsen politischen Denkens. Doch was ist eigentlich Arbeit? Diese Frage stellten sich Historikerinnen und Historiker auf der ITH, der „International Conference of Labour and Social History“, die vom 17-19. Dezember in Berlin stattfand.

Die seit 1964 jährlich stattfindende „Linzer Konferenz“ der „HistorikerInnen der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen“ musste wegen Renovierungsarbeiten ihren Tagungsort in Österreich räumen, fand aber im Wissenschaftszentrum Berlin am Reichpietschufer einen würdigen Ersatz. Die Straße ist benannt nach Max Reichpietsch, Anführer der Matrosenrevolte von 1917 und Märtyrer der Arbeiterbewegung. Doch war Reichpietsch Arbeiter? Vom Milieu her vielleicht, von der Profession wohl kaum – ein Zwangsdienst leistender Matrose produziert keinen Mehrwert, nackter Zwang „motiviert“ ihn zu seiner Tätigkeit. Diesen Zwang, der in Form von Wehrpflicht, Arbeitslagern und anderen Repressalien die sogenannte „freie Lohnarbeit“ immer begleitete, wenn nicht hervorbrachte, untersuchte die ITH bereits im Jahr 2014. Nun schritt man voran zur Generaldebatte und fragte, was „Arbeit“ eigentlich ist. Im Zentrum stand das Bemühen, den klassischen Focus sowohl marxistischer als auch neoklassischer Theorien auf warenförmige Lohnarbeit auszuweiten, Arbeitsformen und Arbeitende einzubeziehen, die bisher unter den Tisch fielen.

Besonders wichtig war den Vortragenden der Focus auf nichteuropäische Gesellschaften. Es wurde diskutiert über Kuli-Arbeit in der Kolonie Samoa, wo auf etwa 300 deutsche Siedler hundertmal so viele samoanische und chinesische Arbeiter kamen, die mit Zwang rekrutiert und importiert wurden, um Plantagenproduktion überhaupt erst in Gang zu setzen – flankiert von Beschwerden deutscher Kolonialbeamten, die Einheimischen wären „faul“. Am Beispiel Java, Hauptinsel Indonesiens und bis ins Jahr 1949 hinein niederländische Kolonie, wurde die Bedeutung von weiblicher Heimarbeit in der Textilproduktion diskutiert, die neben der Hausarbeit verrichtet wurde und dennoch konkurrenzfähig gegenüber Industrieprodukten war. Hier wurde deutlich: Die Grenze von anerkannter „Arbeit“ und gering geschätztem „Nebenher“ ist oft eine Geschlechtergrenze. Ähnliches trifft zu auf die zahlreichen Formen bezahlter und unbezahlter Haus- und Pflegearbeit, denen die ITH schon im Jahr 2013 ihre Linzer Konferenz widmete – der Tagungsband „Towards a Global History of Domestic and Caregiving Workers“ ist kürzlich erschienen.

Auch die diesjährige griff einige dieser Debatten auf – thematisierten wurden Arbeiterinnen-Identitäten von tschechischen Kindermädchen und die Versuche der K.u.k Behörden im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, Zahl und ökonomische Bedeutung von Haus- und Familienarbeit statistisch zu messen. Erfassung bedeutete Anerkennung, mitunter aber auch Kriminalisierung: Ein Referat über polizeiliche Überwachung von Sexarbeiterinnen aus Mostar um 1921 sowie aktuelle Referate zu Betteln als Erwerb zeigten, dass längst nicht alle Formen des Erwerbs legal oder respektabel waren und sind – selbst da, wo anders als beim Diebstahl niemand direkt geschädigt wird. Gleichzeitig wurde stets auch das Nichtstun kriminalisiert: ein Referat über heutige „Aktivierungsmaßnahmen“ für Arbeitslose, die in Slowakischen Kleinstädten vor allem Roma-Familien treffen, zeigt, wie eng Rassismus und Arbeitszwang zusammengehen. Hier hätte man sich mehr aktuelle Bezüge gewünscht. Denn gerade in Berlin zeigen der „Maßnahmenstaat“ von HartzIV oder die Gleichzeitigkeit einer vibrierenden Club- und Freizeitindustrie mit der Tristesse des Flaschensammelns die radikale Ungleichheit, die sich hinter der Trennung von Arbeit und Nichtarbeit verbirgt. Über Arbeitsbegriff und Gesellschaftskritik wurde vor allem auf der Abschlussdiskussion gesprochen, doch leider fehlte dort die Zeit, anzuknüpfen an naheliegende politische Debatten: über Care und Grundeinkommen, über Massenarbeitslosigkeit im Zeitalter permanenter technischer Revolution und die mit Sanktionen aufrechterhaltene Fiktion, es wäre genug Vollzeitarbeit für alle da.

Ralf Hoffrogge

Eine gekürzte Fassung dieses Beitrages erschien auf der Themenseite Geschichte der Tageszeitung „Neues Deutschland“ vom 26. September 2015.

Website der ITH unter http://www.ith.or.at/start/d_index.htm

 

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