Deutungskämpfe in der griechischen Zeitgeschichte

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Memorial for executed EAM rebels during World War 2, Platia Agiou Markou, Zakynthos City, Greece 01

Memorial for executed EAM rebels during World War 2, Platia Agiou Markou, Zakynthos City. By Christaras A, CC-Lizenz, via Wikimedia Commons


Griechenland ist nicht nur Schauplatz sozialer Kämpfe. Auch geschichtspolitisch gibt es eine anhaltende Kontroverse um die Deutung die Befreiung Griechenlands von der Besetzung durch die deutschen Faschisten (1941-1944) und dem anschließenden Griechischen Bürgerkrieg (1946-1949). Im Zentrum steht die Bewertung der von Kommunisten dominierten Nationalen Befreiungsfront (EAM) und der dazugehörigen Befreiungsarmee (ELAS).

Dazu hat Kaspar Dreidoppel 2009 eine Studie publiziert, die nach eigenen Aussagen „das in Wissenschaft und Öffentlichkeit dominierende m.E. allzu romantische Bild der EAM“ dekonstruieren will. Sein Buch Der griechische Dämon. Widerstand und Bürgerkrieg im besetzten Griechenland 1941-1944 wurde Anfang dieses Jahres von Adamantinos Skordos auf H-Soz-u-Kult besprochen. Gregor Kritidis hat sich daraufhin die Studie angesehen und eine kurze Einschätzung geschrieben:

1. Dreidoppels Stärke liegt in der Analyse von Wechselwirkungen

In seiner Rezension hebt Adamantinos Skordos insbesondere das Dritte Kapitel von Dreidoppels Studie positiv hervor, das die Verhältnisse in den befreiten Teilen des Landes beleuchtet:

Minutiös beschreibt er ein willkürliches Terrorregime, das einzelne ELAS-Anführer, wie etwa der legendäre Aris Velouchiotis, in ihren Kontrollzonen errichteten, ihr brutales Vorgehen gegen Vertreter und Nutznießer des alten Regimes sowie tatsächlichen, aber auch nur vermeintlichen Kollaborateuren. Die sogenannten „Kapetane“ der EAM/ELAS, so aus der Darstellung Dreidoppels zu entnehmen, litten unter Verfolgungswahn, sahen überall Verräter, Spione und Feinde.

Diese Charakterisierung wird der Arbeit Dreidoppels aber nur teilweise gerecht, versucht dieser doch gerade die Entwicklung der EAM im Kontext der Dynamik der Gewalt von Besatzungsterror, Partisanen- und Bürgerkrieg nachzuzeichnen. Das Urteil, Dreidoppel beabsichtige vor allem, im griechischen Historikerstreit aktiv mitwirken, „anstatt sich davon zu distanzieren und wissenschaftlich nüchterne Ergebnisse zu präsentieren“, scheint mir daher auch unzutreffend.

2. Die Schwäche der Studie hat mit einem eingeschränkten Emanzipationsverständnis und einem fragwürdigen Extremismusbegriff zu tun

Die Quellenauswertung und -bewertung gerät bei Dreidoppel nach meiner Auffassung etwas schief, weil er mit einem eingeschränkten Emanzipationsbegriff operiert. So gesteht er durchaus Fortschritte bei der Gleichstellung der Frau, in der kommunalen Selbstverwaltung oder der Bildung zu. Die Befreiung aus sozioökonomischen Abhängigkeitsverhältnissen gehört für ihn aber nicht dazu. Nun kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass eine soziale, politische und wirtschaftliche Neuordnung Griechenlands das Hauptziel großer Teile der EAM bildete.

Dreidoppel stellt diese emanzipatorischen Bestrebungen einerseits in Abrede, andererseits macht er diese gerade als Essenz des von ihm an keiner Stelle begrifflich erörterten „Extremismus“ aus. Dieser Vorwurf wurde nicht nur von der bürgerlichen Kollaboration, sondern auch von der Führung der die EAM dominierenden Kommunistischen Partei (KKE) gegen sozialrevolutionäre „Abweichungen“ in Anschlag gebracht. Für eine wirksame Kritik an der „Willkür“ und dem „Terror“ der Partisanenführer muss man aber differenzieren. Sonst werden die aus den Bedingungen des Partisanenkampfes resultierenden Gewaltmaßnahmen und die Maßnahmen zur Überwindung der sozialen Abhängigkeit und der überkommenen Sozialordnung mit instrumentellen, terroristischen Formen von Gewaltanwendung gegen Abweichler und bürgerliche Kräfte vermengt. Wer die Ursachen von Gewalt untersuchen und erklären will, muss hier scharf trennen.

3. Die von Dreidoppel kritisierte Literatur wird von ihm gar nicht in die Analyse einbezogen

Eine Schwäche der Studie sieht auch der Rezensent nicht: Dreidoppels Untersuchung stützt sich vor allem auf Memoirenliteratur, was angesichts der späteren Legitimationszwänge der Beteiligten eine besondere Quellenkritik notwendig macht. Vor diesem Hintergrund überrascht, dass Dreidoppel die 1997 erschienene voluminöse, auf einer breiten Quellenauswertung basierende Biografie über den oben genannten legendären Velouchiotis von Dionysis Charitopoulos, die im Literaturverzeichnis aufgelistet ist, an keiner Stelle zitiert und zu seiner Untersuchung heranzieht. Die einschlägige ältere Studie von Dominique Eudes „The Kapitanioi“, die in Griechenland in zahlreichen Auflagen erschienen ist, findet ebenfalls keine Berücksichtigung.

Dies ist umso bemerkenswerter, als es sich doch um die Literatur handelt, die Dreidoppel gerade kritisieren will. Und schließlich läßt er eine systematische Kritik an der Stalinisierung der KKE und der EAM aus, obwohl von der verdeckt operierenden OPLA im Zuge der Befreiung dutzende Vertreter der linken Opposition liquidiert wurden, wie z.B. Spyros Stinas, ein Weggefährte von Cornelios Castoriadis, in seinem 1997 in zweiter Auflage erschienenen Buch „EAM – ELAS – OPLA“ umfangreich dargestellt hat.

Es bleibt das positive Fazit, dass Dreidoppels Buch indirekt eine Reihe von weitergehenden Fragen aufwirft, die in der Diskussion bisher nicht thematisiert worden sind.

Dreidoppel, Kaspar (2009): Der griechische Dämon. Widerstand und Bürgerkrieg im besetzten Griechenland 1941-1944. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2009.

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