Shlomo Sand als Beispiel für den Umgang mit Gründungsmythen

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Cover Shlomo SandEin Hinweis auf ein hervorragendes und gut geschriebenes Buch: Shlomo Sands „Die Erfindung des jüdischen Volkes“.

Shlomo Sand ist Historiker in Tel Aviv. Mit seinem Buch griff er schon vor ein paar Jahren in eine inner-isrealische Debatte ein. Das heißt, das Buch ist nicht für ein internationales Publikum geschrieben, sondern Sand attackiert Teile der israelischen Geschichtswissenschaft. Er verwirft den nationalen Gründungsmythos und kritisiert die staatliche Identitätspolitik mit ihren Ausgrenzungsmechanismen. Für ihn gibt es kein „jüdisches Volk“: „Das Judentum war schon immer eine bedeutende, sich aus verschiedenen Strömungen zusammensetzende religiöse Kultur, aber keine wandernde oder fremde ‚Nation‘.“ (364)

Sand zeigt, wie im 19. Jahrhundert einzelne jüdische Historiker das Judentum zur Ethnie erklärten. Der Exodus, die Diaspora: Das alles sind Elemente eines wirkmächtigen Geschichtsmythos, geschaffen um eine jüdische Nation zu formen. Ein Höhepunkt des Buches ist für mich die Darstellung des „Berliner Antisemitismusstreits“ zwischen dem nationalkonservativen Historiker Heinrich von Treitschke und Heinrich Graetz von 1879 bis 1881. Wir erhalten ein historisches Beispiel, wie ein Ausschlussbegriff („Jude“) als Kampfbegriff für Entwicklung einer neuen Identität übernommen wird. Man könnte diese Strategie um viele Beispiele in der Geschichte und in der Gegenwart erweitern.

Für Sand ist dabei der größte Widerspruch, dass damit die christlich-antisemitischen Stereotype gleich mit übernommen wurden. Und so legt er den Finger in die Wunde: Das „jüdische Volk“ als Ethnie ist eine Übernahme biologistischer und rassistischer Denkmuster. Und auf der Basis eines ethnischen Nationalismus oder eine Religion lässt sich auf Dauer kein demokratisches Gemeinwesen organisieren. Das treibt ihn um.

Natürlich stellt er das Existenzrecht Israels nicht in Frage. Und wer das Buch liest, wird auch schnell einsehen, dass Shlomo Sand dafür nicht in den Dienst zu nehmen ist. Trotzdem wurde und wird das Buch viel diskutiert und hat sicher auch seine Unschärfen. Einzelne zionistische Historiker fühlen sich missverstanden oder zu plakativ dargestellt. Sand zeichnet in ihren Augen das Bild einer israelischen Historikerschaft, die es so nicht gebe.

Diese Kritik an Sand kann ich im einzelnen nicht beurteilen. Vielmehr ist das Buch ein Hinweis auf eine lebendige und ermutigende Debatte in Israel. Und man wünscht sich, dass auch andere „Nationen“ ähnlich konsequent die Aufarbeitung ihrer Gründungsmythen angehen. Das gilt für die arabischen Nachbarn ebenso, wie für die Staaten, die in diesem Nahostkonflikt involviert sind.

Wir hatten zwar in Europa vor etwa fünfzehn Jahren eine breitere Rezeption einer nationalismuskritischen Forschung der 1980er Jahre, wofür so Namen wie Benedict Anderson (Die Erfindung der Nation), Ernest Gellner (Nations and Nationalism) oder Eric Hobsbawm (The Invention of Tradition) stehen. Aber diese Rezeption blieb mal wieder folgelos. Sand setzt sich bewusst in die Tradition von Anderson, Gellner und Hobsbawm, arbeitet theoretisch auch mit Antonio Gramsci – wobei mich seine Äußerungen über Marxismus nicht so überzeugen, aber das ist egal.

Das Buch geht gegen die bekannten Feindbilder vor und überwindet eingefahrene politische Fronten. Ich empfehle das Buch daher jedem, der sich grundsätzlich mit nationalen Gründungsmythen und der Rolle der Geschichtswissenschaft auseinandersetzen möchte. Es liefert ein sehr plastisches Beispiel und führt in den Themenkreis ein. Außerdem ist das Buch für jeden spannend, der generell einen Einstieg in die jüdische Geschichte haben möchte. Ich habe zumindest sehr viel gelernt. Auch weil Sand auf vernachlässigte historische Bezugspunkte der israelischen Gesellschaft hinweist. So nimmt er sich viel Zeit für die Chasaren oder die bis heute unterschätzte und beachtenswerte jiddische Kultur, die keinen westdeutschen Ursprung hatte, wie zum Teil bis heute behauptet wird, sondern eine ganz eigenständige und bemerkenswerte Kultur war.

Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes: Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand, Propyläen Verlag, 2010.

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5 Antworten to “Shlomo Sand als Beispiel für den Umgang mit Gründungsmythen”

  1. Die Erfindung des luxemburgischen Volkes « L for Liberty Says:

    […] Inspiration an Z Word und Lizas Welt. Hintergrund ist natürlich Shlomo Sands Buch über die „Erfindung des jüdischen Volkes“ oder wohl eher die antizionistisch gepolte Rezeption des Buches, die einen […]

  2. Hans Müller Says:

    Sand, ein Historiker, der nicht weiß, dass Jiddisch ein westgermanischer Dialekt ist und ihn für Slawisch hält, wird von allen Blog-Neonazis als antiisraelischer Zeuge missbraucht…
    Für Deutschland ein erster Versuch:

    Der Mythos des deutschen Volkes

    Menschen, die sich heutzutage als Deutsche betrachten, perpetuieren einen Betrug oder sind die Opfer eines solchen. Denn die „Deutschen“ sind gar kein Volk – und die Behauptung, sie hätten während der letzten zweitausend Jahre das Gebiet des Staates Deutschland besiedelt, ist nichts weiter als ein Mythos, den die Ideologen des „deutschen Nationalismus“ während der Befreiungskriege um 1813 gegen Frankreich und Napoleon ersonnen haben. Die zur Römerzeit in Mitteleuropa ansässigen Germanenstäme wurden flugs zu Vorfahren auserkoren, auch wenn große Teile der Ostgermanen eher als Langobarden und Ostgoten nach Italien gingen, Westgoten, Sueben und Vandalen eher in Nordafrika und Spanien zu finden sind. Teilgruppen der Angeln und Sachsen besiedelten Britannien.
    Die „Deutschen“ sind vielmehr eine Promenadenmischung von keltischem, provinzialrömischen, slawischem, jüdischen und germanischem Blut. Bis 1813 waren die meisten von ihnen zufrieden mit einer traditionellen römischen Reichsidentität; sie sprachen – wenn auch nicht alle korrekt – Deutsch, welches sich aus Luthers Bibelübersetzung und der Kanzleisprache am kaiserlichen Hof in Prag entwickelt hatte. Es war aber unproblematisch, dass sich im 16./17. Jahrhundert Teile der Niederfranken und einige Niedersachsen um Groningen sich poltitisch und kulturell vom Reich trennten und den Dialekt von Amsterdam zur Hochsprache Niederländisch aufwerteten. Die alemannischen Bewohner der Schweiz trennten sich auch 1648 vom Reich, blieben aber der deutschen Literatur und Schriftsprache bis heute verhaftet. Die Ansicht, dass die „Deutschen“ ein besonderes Volk sind, das eine eigene Kultur und eine eigene Identität hat und somit einen eigenen Staat verdient, war im alltäglichen Leben bis 1813/15 marginal. Intellektuelle wie Goethe und Schiller wurden als französische Bürger geehrt. Doch eine Gruppe von Intellektuellen begann dann, gewöhnliche Menschen von ihrer randständigen Idee zu überzeugen, um sie vom Kreig der Fürsten gegen Napoleon zu überzeugen. 1815 wurden sie betrogen: Restauration von 39 Fürstenstaaten statt eines deutschen Nationalstaats.

    Gehen wir noch einmal zurück in die Antike: Bis zum Rhein und zur Donau beherrschten die Römer das Land, stationierten ihre Truppen, die aus der Gesamtbevölkerung des Mittelmeeraumes stammten. Als Veteranen erhielten die Soldaten nach 20 Dienstjahren Land, heirateten einheimische Frauen und begründeten lange rheinische oder süddeutsche Familientraditionen.

    In der Völkerwanderungszeit eroberten und besiedelten west- und ostgermanische Stämme das Land, welches heute Deutschland heißt. Am erfolgreichsten waren die Franken, die seit 800 die römische Kaiserkrone für ihren König beanspruchten. Kaiser Karl mit Sitz in Aachen. Das Fankenreich wurde unter Karls Enkel in drei Teilreiche eingeteilt. die Westfranken als schmale analphabetische Erobererschicht wurden von provinzialrömischen Priestern und romanisierten Gallieruntertanen zu Franzosen gemacht.

    Im Ostreich bildeten die vier germanischen Völker der (Ober-)Franken, Sachsen, Alemannen-Schwaben und Baiern Herzogtümer, die sich aber zu einem „Deutschen Königreich“ zusammenschlossen. Dazu kam als fünftes Herzogtum das Land der Nieder- und Mittelfranken, Lothringen. Im Mittelalter eroberten die „Deutschen“ Burgund und Italien und fügten alles zum REICH zusammen. Im Hochmittelalter expandierten die Entitäten Richtung Osten. Mittelalterliche Ostsiedlung. Tausende von Bauern, Handwerker und Ritter zogen gen Osten und vermischten sich mit den einheimischen Slawenvölkern.

    Viele Kriege der frühen Neuzeit fanden auf deutschen Boden statt. Millionen Menschen starben wie im Dreißigjährigen Krieg. zehntausende Söldner aus allen Gebieten Europas ließen sich bei den Witwen und Waisen nach Kriegsende nieder. Frankreich vertrieb seine Protestanten, die als Hugenotten zu Zehntausenden in deutschen Fürstentümern aufgenommen wurden. Slawen im Osten wurden germanisiert. Das Rätoromanische verstummte im Alpenraum zugunsten der bairischen Dialekte. Die Industrialisierung führte zu einer massenhaften Zuwanderung von Niederländern, Polen, Tschechen und Italienern ins Ruhrgebiet. Im 18./19. Jahrhundert kehrten Hunderttausende von „Jiddisch“(Moselfränkisch-)Sprechende aus Osteuropa, in das ihre Vorfahren aus dem Rheinland der Kreuzzugszeit geflohen waren, nach Berlin und Wien zurück. Andererseits wanderten Millionen von Deutschen in die USA aus. Beim letzten Census vermerkten 20% der US-Bevölkerung ihre deutsche Herkunft.

    Nach der Französischen Revolution definierten sich andererseits Elsässer und Lothringer als Franzosen. Niederfränkische Flamen wurden in Belgien romanisiert.
    Nach 1945 wollten dann Luxemburger und Österreicher keine „Deutschen“ mehr sein. Ab 1955 warb Westdeutschland um Gastarbeiter aus dem Mittelmeeraum.
    Millionen von Deutschstämmigen aus Osteuropa konnten nach Deutschland einwandern. 4 Millionen DDR-Bürger flohen nach Westen. Nach 1990 konnten wieder „Deutschstämmige“ und jüdische Menschen aus Osteuropa in das wiedervereinigte Deutschland kommen. 20 Millionen Menschen haben inzwischen einen Migrationshintergrund.

    Deutsche Tageszeitungen erscheinen in Dänemark (Nordschleswiger), in Belgien (Grenzecho), in Italien (Dolomiten) und in Tschechien (Prager Zeitung).Zeitungen im Elsass erscheinen bilingual. Der Königliche Allgemeine Sportverein Eupen spielt in der Ersten Belgischen Liga und ist vielleicht der einzige Verein, der sich zu Belgien bekennt. Die Südtiroler in Italien haben das beste Autonomiestatut in Europa, Italienischsprachige wählen Südtiroler Parteien, Cortina d’Ampezzo, der Olympiaort, möchte Teil Südtirols werden.

    In Deutschland geboren zu sein, macht einen nicht automatisch zum Deutschen. Wer allerdings in Osteuropa auf deutsche Vorfahren verweisen kann, auch wenn er oder sie nie in Deutschland war und nicht Deutsch sprechen kann, wird Deutscher. Angesichts dieser Tatsachen sollte erwogen werden, aus Deutschland einen Staat aller seiner Einwohner zu machen – zum Beispiel auch der Sorben, Friesen und Dänen in Südschleswig, die eingeschränkte Minderheitsrechte schon besitzen, sondern auch der Roma und Sinti und der Zuwanderer, die sich zum Grundgesetz und zum Staat bekennen. Um dies zu verwirklichen,

    sollte man die Diskriminierung aller Menschen, die in Deutschland geboren sind, aufheben und Menschen deutscher Abstammung nicht mehr begünstigen;
    sollte man das „Deutsche Nation“ als Bekenntnisnation definieren.
    P.S.: Interessanterweise wollten slawische Masuren, Kaschuben und Sorben immer Deutsche sein–wie auch die Rätoromanen in Italien.

  3. kritischegeschichte Says:

    Hallo Hans,
    ich bin mir ja nicht sicher, ob man diese Sichtweise auch duplizieren muss.
    Sand bezweifelt, dass die jiddische Kultur und Sprache tatsächlich in diesem Maß „von Westen“ geprägt wurde, wie man bisher annahm. Es gibt eine ganze Passage, wo er sich dazu äußert und seine Ansicht auch belegt. Er macht das für sein isrealisches Publikum, um die Vielfalt der jüdischen Kulturen und Traditionen hervorzuheben und um auf neuere Forschungen zu verweisen.
    Für rassistische Sichtweisen, wie du sie schilderst, ist er ja gerade nicht in den Dienst zu nehmen, außer man ignoriert, wie das Nazis halt tun, den gesamten Kontext. Das wird wohl nie ausbleiben. Nazis wollen ja auch einen Gramsci für ihre Zwecke missbrauchen. Das zeigt, an den Texten selbst liegt es nicht immer.
    Viele Grüße,
    Richard Heigl

  4. Richard Hölzl Says:

    Danke für den Tipp!

    Sands Buch wird in den USA und Israel unheimlich häufig rezensiert und häufig als positiver und konstruktiver Debattenbeitrag gewertet. Allerdings kritisieren einige, dass Sand durchaus auch stärker die Erfindung anderer Nationen und Völker vergleichend einbeziehen hätte können. Alle Nationen sind im Anderson-Hobsbawm’schen Sinn erfundene. Dennoch exististieren sie und sind oft auch Garanten von Bürgerrechten.
    Einen Einblick in die Diskussion auf Deutsch übersetzt bietet die Plattform HaGalil.com: http://www.hagalil.com/archiv/2010/10/06/sand-3/

  5. Richard Hölzl Says:

    Noch eine Rezension zu Sand, die ziemlich in Details der Altertumsgeschichte geht:
    http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-2-086

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