Was man von Abendroths Geschichte der Arbeiterbewegung lernen kann

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Heute vor 25 Jahren starb der marxistische Politologe Wolfgang Abendroth. Abendroth war unter anderem wichtig für die Entstehung der Neuen Linken, aber auch für die historische Aufarbeitung der Arbeiterbewegung. Bekannt geworden ist seine Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung (1965), die in hohen Auflagen gedruckt zu einem Standardwerk in der sozialistischen Linken und in der Gewerkschaftsbildung wurde. Dennoch hat die Historikerzunft Abendroth weitgehend ignoriert. Dabei wäre eine Notiz in der Geschichte der Geschichtsschreibung durchaus angebracht.

Beispiel historisch-materialistischer Geschichtsschreibung

Abendroths Sozialgeschichte wirkt auf den ersten Blick eher unspektakulär klassisch politik- und ereignisgeschichtlich. Doch Abendroth gehörte zu den wenigen deutschsprachigen Autoren, die tatsächlich eine historisch-materialistische Geschichte der Arbeiterbewegung schreiben konnten. Das bedeutete vor allem, dass seine historische Analyse als Teil eines kooperativ-kollektiven und dynamischen Lernprozesses angelegt ist.

In einem Argument-Heft erläuterte er 1978 seinen Ansatz:

Geschichte der Arbeiterbewegung ist also im Grunde gar nichts anderes als die Geschichte der Produktion und Reproduktion von Klassenbewußtsein, seiner Entfaltung und seiner Rückschläge. (Abendroth 1978, 223)

Warum Abendroths Fokus auf den Lernprozess der Arbeiterbewegung lag und warum er die Entwicklung von Klassenbewusstsein betonte, ist für Nicht-Marxisten nicht schnell erklärt und kann ein andermal erläutert werden.

Bemerkt sei nur, dass seine Geschichtsschreibung weder Zukunftsversprechen noch Kapitalanalysen oder automatische Forschrittsvorstellungen kennt. Vielmehr sollen historische Erfahrungen ausgewertet werden. Die Entstehung  der konkreten Kräfteverhältnisse vor Ort stehen im Mittelpunkt des Interesses, denn:

Ohne Bestimmung des eigenen historischen Standorts und der geschichtlichen Entwicklungsformen, die die Klassenbewegung der abhängigen Arbeit hervorgebracht haben und immer neu hervorbringen, lassen sich strategisch angemessene Anweisungen für ihre Praxis nicht fixieren.

Deshalb muß sich die Wissenschaft von der Geschichte der Arbeiterbewegung stets darüber im klaren bleiben, daß sie einen einheitlichen, alle seine Vereinzelungen und Besonderheiten umfassenden und in sich einordnenden Prozeß darzustellen hat, der hilft, die gleichsam durch die divergenten technischen Produktionsbedingungen und Produktionsmethoden des kapitalistischen Produktionsprozesses vorgegebene Schichten-differenzierungen innerhalb der eigenen Klasse gerade auch in ihren geschichtlichen Veränderungen erkennbar zu machen, ihre jeweiligen Schranken zu thematisieren und dadurch beizutragen, sie im gemeinsamen Klassenbewußtsein aufzuheben. (Abendroth 1978, 223)

Abendroths Geschichtsschreibung und seine historischen Analysen hatten das Ziel der Integration der demokratischen Opposition – vor allem der Arbeiterbewegung.

Soziale und politische Bewegungen ins Verhältnis setzen

Dass sich Abendroth in den Zeiten des Kalten Kriegs nicht eindeutig Partei für die Sozialdemokratie oder die Kommunisten ergriff, hat ihm zeitweise viele Feinde eingebracht. Langfristig konnte er sich jedoch mit dieser Haltung durchsetzen.

Abendroth wehrte sich zeitlebens gegen eine Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung, in der eine Tradition (reformistisch oder revolutionär) gegen die jeweils andere ausgespielt wird. Hausgeschichtsschreibung führe dazu,

dass jede Partei und jede Zwischengruppe die eigenen Fehler verhüllte und die Leistungen der Gegenpartei im Widerstand gegen den Faschismus verschwieg oder schmälerte. (Abendroth 1985, 125)

In seiner Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung stellte er deshalb die beiden Hauptflügel der Arbeiterbewegung nicht nur nebeneinander, sondern setzte die politische Arbeit von Sozialdemokraten und Kommunisten zueinander ins Verhältnis. Vor dem Hintergrund der ausgebliebenen Einheit vor dem Durchbruch der Faschisten besprach er das ganze Ensemble von Handlungsmöglichkeiten und –behinderungen, die Aggressionen und Widersprüche, die erfolgreichen und misslungenen Versuche, die Trennung wieder aufzuheben.

Indem er die Beweggründe von Sozialdemokraten und Kommunisten gleichermaßen erläuterte, verwickelte Abendroth den Leser in ein komplexes und ungelöstes Problem. Der Leser lernte die Teilantworten und Irrtümer der beiden Bewegungen kennen. In seiner beispielhaften qualitativ-vergleichenden Analyse zeigte Abendroth die Widersprüchlichkeiten der Akteure auf, wie sie ihre Analysen nicht konsequent zu Ende dachten oder aber in undialektischen Binarismen, Reform/Revolution, Parlamentarismus/ Antiparlamentarismus, verharrten.

Beim Leser entsteht damit eine gewisse Unruhe, weil den geschichtlichen Akteuren die Zusammenschau nicht gelang. Er beginnt, die Teilanworten zusammenzudenken und versteht die Hintergründe der unterschiedlichen Geltungsansprüche. Diese bei Abendroth angedeutete Technik einer dialogischen Geschichtsschreibung wird auch in Peter Weiss’ Ästhetik des Widerstands anschaulich, und es wäre sehr darüber nachzudenken, ob und wie sie auch für eine geschichtswissenschaftliche Behandlung sozialer Bewegungen nutzbar wäre.

Folgt man Abendroth, so wäre dazu das selbständige Auftreten verschiedener Schichten zu untersuchen, wobei zu berücksichtigen sei:

a) die Entwicklung der jeweiligen Produktivkräfte, der technischen Voraussetzungen und der ökonomisch-sozialen Situation;

b) die Bewusstseinsformen und –inhalte, wie sie sich sowohl gleichsam „spontan“ in den Reaktionen und Aktionen der Bewegungen ergeben als auch in theoretischen Diskussionen artikulieren;

c) die organisatorischen Versuche, diesen ideellen Aneignungsprozess permanent zu erhalten (1978, 222).

Dieser Ansatz für eine Geschichte sozialer Bewegungen ist aus meiner Sicht bis heute innovativ.

Literatur

Abendroth, Wolfgang (1965): Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung, Frankfurt/M.

ders. (1978): Zur Auseinandersetzung um das Verhältnis von Spontaneität und Organisationsentwicklung in der Geschichte der Arbeiterbewegung, in: Das Argument 108, 20. Jg., 1978, 222-309.

ders., u. Lisa Abendroth (1985): Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss als authentischer Beitrag zur Geschichte der Arbeiterbewegung, in: ders., Die Aktualität der Arbeiterbewegung. Beiträge zu ihrer Theorie und Geschichte, hgg. v. Joachim Perels, Frankfurt/M, 125-36.

Heigl, Richard (2006): Oppositionspolitik. Wolfgang Abendroth und die Entstehung der Neuen Linken (1950–1968), Hamburg, 274-281.

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Eine Antwort to “Was man von Abendroths Geschichte der Arbeiterbewegung lernen kann”

  1. Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Says:

    […] Geschichte Was man von Abendroths Geschichte der Arbeiterbewegung lernen kannHobsbawm: WeltunordnungUmkämpfte WälderWissenschaft über Bilder vermitteln: Otto […]

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