Nie wieder Kommunismus? Zur linken Kritik an Stalinismus und Realsozialismus

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Ein Lesetipp.

Bis vor wenigen Jahren war in der aktivistischen Linken das Thema Stalinismus- bzw. DDR-Kritik toter als tot. Die antiautoritäre Linke verlor mit einigem Grund nicht viel Worte über den „Realsozialismus“, ist dieser doch Lichtjahre entfernt von einer nicht näher definierten, utopischen, herrschaftsfreien Gesellschaft („Auf Staat und Parlamente, habe ich noch nie vertraut“). Mit der Hinwendung zum Kommunismus-Begriff, den in den vergangenen Jahren größere Teile der radikalen Linken unternommen haben, wächst auch die Notwendigkeit und das Interesse daran, sich mit dem Wesen und der Genese des Stalinismus auseinanderzusetzen. Ein erster Höhepunkt war sicherlich Bini Adamczak’s Essay „gestern morgen“ aus dem Jahr 2007.

Und tatsächlich: In der Auseinandersetzung mit der autoritär gewendeten Revolution kann nur gewonnen werden, der Band der Gruppe INEX ist dafür ein gutes Beispiel. Die Entstehung des Bandes ist verbunden mit einer Reihe von Veranstaltungen, die sich zum Teil hier nachhören lassen, geht aber in seiner Breite (12 Aufsätze und eine Einleitung) weit darüber hinaus.

Der Band ist politisch auf der Höhe der Zeit sowohl wissenschaftlich als auch politisch.[bearbeitet 25.09.2012 nach Einwand P.B./Kommentar 1) Auch wenn im Folgenden nur einzelne erwähnt sind, habe ich alle Aufsätze samt Einleitung gelesen und nur bei einem einzigen Aufsatz keine rechte Lust gehabt, ihn zu Ende zu Lesen – das ist eine verdammt gute Quote. (Hier geht’s zum Inhaltsverzeichnis)

Für einen kenntnisreichen, hoch aktuellen und systematischen Überblick über den Stalinistischen Terror etwa ist der Aufsatz von Christoph Jünke („Schädelstätte des Sozialismus“) sehr zu empfehlen. Er geht nicht nur auf die Opferzahlen oder die berüchtigten Moskauer Prozesse ein, sondern gibt gleichzeitig Einschätzungen zum Charakter dieser Maßnahmen und schließlich auch zum Widerstand dagegen.

Der Beitrag von Hendrik Wallat belegt eindrücklich, was man schon immer geahnt oder zumindest gehofft hatte: Es gab von Anfang zeitgenössische linke und kommunistische Kritik am Bolschewismus – Analysen, die sich auch heute noch mit Gewinn lesen lassen. Einige wichtige Texte wurden von Wallat ausgegraben und samt ihres rätekommunistischen oder anarchistischen Kontextes vorgestellt.

Bini Adamzcak steuert einen Text zur „geschlechtlichen Emanzipation“ in der russischen Revolution bei („Hauptsache Nebenwiderspruch“). Er ist zum Teil erheiternd, zum Teil sehr spannend, auf jeden Fall aber perspektivenerweiternd. Im Grunde genommen präsentiert dieser Aufsatz zunächst ein sehr originelles Gesamtverständnis der russischen Revolution, bevor er zur Haupt/Nebenwiderspruchsfrage übergeht.

Es liegt an Konzept und Fragestellung des Bandes, dass sich auch die weiteren Aufsätze des Bandes auf Bolschewismus bzw. Staatssozialismus konzentrieren (z.B. der Beitrag der Gruppe paeris) und historisch nicht wirksam gewordene Alternativen (Anarchismus, Sozialrevolutionäre) entsprechend randständig bleiben. Deshalb erscheint mir die zum Teil recht harsche Kritik in dieser Hinsicht als ziemlich unangemessen.

Meckern kann man ja meistens, hier zum Beispiel darüber, dass nur Ulrike Breitsprecher es geschafft hat, auf andere Artikel innerhalb des Bandes zu verweisen. Die Verdienste dieses Bandes werden aber durch solche kleineren Unzulänglichkeiten nicht ernsthaft eingeschränkt.

Gruppe INEX (Hg:) Nie wieder Kommunismus? Zur linken Kritik an Stalinismus und Realsozialismus, Münster 2012.
232 Seiten, 14,80 Euros

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6 Antworten to “Nie wieder Kommunismus? Zur linken Kritik an Stalinismus und Realsozialismus”

  1. Peter Boman Says:

    Das Buch ist leider nicht auf der Höhe der Zeit. Es bleibt im politologischen Rahmen befangen, ohne auf die Ergebnisse der sozialhistorischen Forschung Bezug zu nehmen. Was ist mit den von Anfang an (Mitte 1918) vorhandenen Sozialbewegungen, dem sozialen Antagonimus, dem „Klassenkampf“ gegen die bloschewistische „Reaktion“? –denn eine solche war sie vor heute aus gesehen. Was ist mit der Reflexion darüber, dass der Bolschweismus nicht anderes war, als ein Variante nachholender kapitalistischer Akkumulation? Was ist damit, dass er globalhstorisch nur als abhängige Entwicklung begriffen werden kann, der nichts, aber auch gar nichts mit „Befreiung“ zu tun hatte, wenn man die Modernisierung des Kommandos über die Arbeiterklasse nicht fälschlich als Befreiung sieht. Die Aneignung der amerikansichen Forschung von links z.B. von Lynne Viola, David Shearer, Donald Filtzer oder auch Esther Kingston-Martin scheint an den AutorInnen völlig vorbei gegangen zu sein. Oder um eine neuere deutsche Veröffentlichung zu nehmen; Martin Krispin über die Bauernaufstände von Tambov, die schon 1921 die Boschwewiki gleichzeitg mit dem Kronstädter Matrosen als Usurpatoren der Macht von unten her im Kampf in Frage stellten und nur mit Terror niedergeschlagen wurden? Die NEP war diente bekanntlich der Rettung der bolschwewistischen Reaktion gegen die wirkliche Revolution usw. usf. Stalinismuskritik geht nur sozialhistorisch, nicht politologisch.
    Solidarische Grüsse, P:B.

  2. A.Holberg Says:

    Mich nicht auf das Buch selbst, sondern nur auf die Rezension bzw. die Kommentare beziehend, möchte ich festhalten, dass hier „realsozialistischer“ und bürgerlicher Geschichtsschreibung aus politischen Interessensgründen folgend offensichtlich Bolschewismus und Stalinismus gleichgesetzt bzw. verwechselt werden. Offensichtlich wird übersehen, dass unter den sozialen Verhältnissen in Russland 1917ff. nur die Bolschewiki in der Lage waren, die weiße Konterrevolution zu schlagen und dass 2. das Ausbleiben der internationalen proletarischen Revolution (oder zumindest deren Ausbleiben in einer Reihe entwickelterer Länder) aus leninistischer Sicht das Fortschreiten zu einer sozialistischen Gesellschaft unmöglich gemacht hat, während die thermidorische Bürokratie unter Stalin sich genau in diesen Bedingungen eingerichtet hat, um ihre Macht als herrschende Kaste und später nach der endgültigen Zerschlagung der bolschewistischen Partei in den großen Säuberungen (1937-39) als herrschende Klasse (s, dazu: Walter Daum „The Life&Death of Stalinism“. New York 1990)zu etablieren. Der Sozialismus im Marx’schen Sinn bedarf der führenden Rolle der Arbeiterklasse (zu deren Projekt der Selbstbefreiung er gehört). Die „sozialrevolutionäre“ Bauernschaft ist dazu weder theoretisch noch praktisch in der Lage. Kurzum: die proletarische Revolution als Voraussetzung des Sozialismus hat zwar unter denkbar ungünstigen sozioökonomischen Voraussetzungen ausgerechnet in Russland 1917 stattgefunden, ist aber bereits in den 30er Jahren gescheitert. Was danach kam, war zwar real, konnte aber angesichts fehlender proletarischer Revolutionen niemals „Sozialismus“ sein. Weder die Kronstädter noch die ukrainischen Anarchisten wären je in der Lage gewesen, die einfache zaristische Konterrevolution zu verhindern. Dass das möglicherweise im Rückblick schließlich keinen großen Unterschied gemacht hätte, ist eine andere Frage. Aber daraus kann man keinen von Anfang an nichtrevolutionären Charakter des Bolschewismus schließen.

    • Peter Boman Says:

      Das Gleiche hören wir nun seit Jahrzehnten. Was schlimm ist, weil diese Art Erkenntnisverweigerung allen Linken schadet. Die Linke innerhalb und außerhalb der Bolschewiki, die Bauern, opponierende Arbeiterinnen wurden schon 1918 massakriert, was nichts mit dem Bürgerkrieg zu tun hatte, sondern mit dem weitreichenden Konzept nachholender staatskapitalistischer Akkumulation mittels ungleicher Terms of trades zulasten der Landbevölkerung–ein Kolonialkonzept wie beim Imperialismus (siehe Preobashensky) . Da klafft nach wie vor eine Lücke, da gibt es eine pathologische Abwehrreaktion, die der Linken bis heute eine Glaubwürdigkeitslücke beschert hat. Studier mal die soziale Konfrontation gegen die Bolschwiki, nicht die landläufige Stalinismuskritik!

  3. Christoph Jünke Says:

    Nicht nur lässt das Apodiktische des Peter Boman darauf schließen, dass es sich bei seinen Interventionen selbst um „pathologische Abwehrreaktionen“ handelt (Sinn: Lasst mich mit dem ganzen Bolschewistendreck in Ruhe, das war doch niemals Sozialismus, niemals emanzipativ, niemals links…). Auch seine Argumente sind (nicht zuletzt vor dem Hintergrund jahrzehntelanger diesbezüglicher Diskussionen) reichlich hohl: Das „Konzept nachholender staatskapitalistischer Akkumulation mittels ungleicher terms of trade“ ist alles mögliche, aber sicherlich nicht „weitreichend“. Es ist theoretisch so hochtönend wie hohl, macht Unterschiedliches gleich… „Landläufige Stalinismuskritik“ – welche denn bitte?? – Holbergs ist sicherlich nicht landläufig! Man möchte dem Guten zurufen: „Studier mal die geschichtswissenschaftlichen und politisch-theoretischen Arbeiten über die sowjetrussische Geschichte“ – aber eigentlich ist dies so ja keine gute Form der Diskussion wichtiger Fragen.

    • Peter Boman Says:

      Ganz recht, apodiktisch- bitte keine Theorien, sondern Sozialgeschichte; zum Einstieg empfehle ich ebenfalls (s.o.): Materialien für einen neuen Antiimperialismus Nr. 4, Das Ende des sowjetischen Entwicklungsmodells. Beiträge zur Geschichte der sozialen Konfrontationen mit dem sozialistischen Akkumulationskommando, Berlin 1992. Oder mal etwas Neueres, was in der Fachweilt breit diskutiert wird: Joshua A. Sanborn, Drafting the Russian Nation. Military Conscription, Total War and Mass Politics 1905 -1925, Illinois 2003. sg P.B.

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