Archive for the ‘Kolonialismus’ Category

Die leidige Verweigerung der Gleichzeitigkeit

28. Juni 2012

HSOZKULT weitet den Blick. Beim Sortieren der Botschaften, die einem täglich in den Email-Account flattern, sortiert man zwar schnell zwischen relevant oder nicht relevant für die eigene Forschung. Manchmal ergibt sich jedoch eine produktive Irritation aus den entfernteren Bereichen der Geschichtswissenschaft. Leider gibt es auch weniger produktive Irritationen, wie den Bericht zu einer Tagung des Erlanger Forschungsprojekts „Gotische Kriegergruppen im spätrömischen Reich“ mit dem Titel „Mobile Kriegergruppen in Europa und Afrika. Transkulturelle Perspektiven“.

Belisar und die Goten (1830), aus: Wikimedia Commons.

Als Ziel der Tagung geben die Veranstalter an:

„Der Workshop bringt Phänomene zusammen, die sonst getrennt betrachtet werden: Kriegergruppen im spätantiken Mittelmeerraum sowie neuzeitliche Kriegsherren und ihre Gefolgschaften in Afrika. […] Der Workshop untersucht sowohl die Gemeinsamkeiten mobiler Kriegergruppen im Europa der Spätantike und im (vor-)modernen Afrika als auch phänomenologisch ähnliche Entwicklungen in unterschiedlichen Kulturräumen und zu verschiedenen Zeiten. Die sich aus dem komparativ angelegten Programm ergebenden transkulturellen Perspektiven sollen der Schärfung des methodischen Zugriffs in den beteiligten Disziplinen dienen. Hinter der Auswahl der Einzelthemen steht der Versuch, eine Zusammenstellung anschaulicher Beispiele für die Bedeutung von Mobilität für den Erfolg im fortwährenden Daseinskampf der Kriegergruppen zu geben.“

Verwunderlich an diesem Programm ist vor allem die, wahrscheinlich unbewußte, Perpeturierung kolonialer Perspektiven und Narrative. Seit dem späten 19. Jahrhundert durchzieht die Erzählung vom zivilisatorischen Entwicklungsvorsprung Europas insbesondere gegenüber afrikanischen Bevölkerungen die kolonialen Diskurse. Dies produzierte zum einen die Idee der Geschichtslosigkeit Afrikas und zum anderen die Idee, afrikanische Gesellschaften mit den „Barbaren“, wie sie von den römisch-antiken Autoren beschrieben wurden, zu vergleichen. Der Ethnologe Johannes Fabian hat diese diskursive Praxis als „denial of coevalness“ bezeichnet. Ergebnis der „Verweigerung der Gleichzeitigkeit“ war die radikale Alterisierung und letztendlich die Legitimation kolonialer Unterwerfung afrikanischer Bevölkerungen.

Das diese Vergleiche nun erneut angestellt werden, lässt mich gelinde gesagt staunen. Wenn man schon diese radikale Enthistorisierung von „Gewaltgemeinschaften“ vornimmt – warum (1) nimmt man nicht europäische Gewaltgemeinschaften der Neuzeit in den Vergleich mit hinein. Das 20. Jahrhundert böte genügend Beispiele – der Verweis auf Timothy Snyders „Bloodlands“ dürfte hier wohl genügen. Warum (2) untersucht man nicht die Interaktion von Europäern und Afrikanern, die in zahlreichen Kolonialkriegen transkulturelle Gewaltgemeinschaften bildeten, etwa während des Maji-Maji-Krieges in „Deutsch-Ostafrika“? Warum nicht rezente euro-amerikanische Söldner-Armeen, wie etwa die „Sicherheitsdienstleister“ von Blackwater? Warum nicht die Zusammenhänge von afrikanischen Gewaltgemeinschaften und globalen Wirtschaftsbeziehungen (Stichwort: Sklavenhandel im 19. Jahrhundert oder Rohstoffmärket für „blutige Diamanten“, Erdöl oder seltene Erden im 20. Jahrhundert)?

Die Organisatoren argumentieren in dem zitierten Statement insbesondere mit der Mobilität der untersuchten Kriegergruppen.  M. E. ist es jedoch fraglich, ob es genügt, ein Charakteristikum herauszugreifen, um diese Art des Vergleichs zu rechtfertigen. Wenigstens müssten die Traditionslinien klar und kritisch reflektiert werden, in denen diese Herangehensweise steht, bevor man sie reaktiviert. Der Tagungsbericht und die Tagungsankündigung geben leider keinen Hinweis darauf, dass dies geschehen ist. Aber vielleicht erschließt ja ein zukünftiger Sammelband das Feld auf andere Weise.

Zitierte Literatur:

Johannes Fabian, Time and the Other. How Anthropology makes its Object, New York 2002 [1983].

Gewalträume – Michael Wildt diskutiert eine globale Verflechtungsgeschichte der genozidalen Gewalt im 20. Jahrhundert

23. Mai 2012

Gefangene Herero-Frauen, DSWA, 1904; Bildarchiv der Dt. Kolonialgesellschaft, Frankfurt/M.

Seit einiger Zeit debattiert die Osteuropageschichte und zunehmend auch die NS-Forschung die räumliche Wendung in der historischen Genozidforschung und ihr bisher prominentestes Ergebnis, Timothy Snyders Bloodlands (München 2011). In der Süddeutschen Zeitung Online (23.5.12) diskutiert der Berliner Historiker Michael Wildt nun unter dem Titel „Ist der Holocaust nicht mehr beispiellos?“ die Möglichkeiten, Probleme und die Kritik an dieser neuen Lesart der genozidalen Gewalt in Mittel- und Osteuropa. Insbesondere die Einfügung des Holocaust in die Gewaltgeografie des 20. Jahrhundert ist dabei umstritten. Wildt argumentiert in dieser Hinsicht weniger über die historische Methodik des einebnenden Systemvergleichs, sondern über neuere Konzeptionen der Verflechtungs- und Transfergeschichte:

Das gilt besonders für die „bloodlands“. Gewalt wird durch die vergleichende Analyse nicht gleich, sondern klarer. Die Schoah gehört in diesen Gewaltzusammenhang des zwanzigsten Jahrhunderts wie die stalinistische Politik und die europäische koloniale Gewalt in Afrika, Asien und Lateinamerika – als vielfach verflochtene, aufeinander Bezug nehmende, aber eben keineswegs gleichzusetzende Geschichte.

Damit werden die ideologischen und methodischen Untiefen des Historikerstreits von 1986/87 vermieden, ohne die globalen Beziehungen der verschiedenen genozidalen Ereignisse und Handlungen zu verdecken.

Zum „komplexen Geschehen, das Historiker heute untersuchen“, gehöre so Wild „eine Vielzahl von Gewaltakteuren, Gewaltsituationen und Gewaltentscheidungen“.  Dies führt zu einem weiteren Desiderat, das Wild nicht explizit anführt. Eine globale Transfergeschichte, die genozidale Gewalt als eine Geschichte verflochtener Räume, Ideologien und Handlungen zeigt, darf die Ebene der lokalen Aushandlung von Gewalt nicht übersehen. Diese Ebene sollte nicht hinter Chiffren wie „Kollaboration“ oder „Mitschuld“ verschwinden. Die Beziehungen und Aushandlungen auf und zwischen unterschiedlichen Untersuchungsebenen sind v.a. eine Herausforderung an die zukünftige Darstellung historischer Gewalt.

Der lange Schatten des Imperialismus

17. Oktober 2011

Ein Dokumentarfilm der amerikanischen Regisseurin Pippa Scott zeigt die Funktionsweise der Ausbeutung von Natur und Bevölkerung im Kongo seit der Kolonialherrschaft des belgischen Königs Leopolds II. Auf youtube ist der Film in 11 Teilen abzurufen:

„Schatten über dem Kongo. Schreckensgeister der Kolonialherrschaft“, USA 2008, R: Pippa Scott, Buch: Pippa Scott, Adam Hochschild

Ruandische Minenarbeiten in Katanga, Belgisch-Kongo, 1925; Wikimedia Commons

Das Drehbuch basiert auf einen Buch des Journalisten Adam Hochschild (Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechen, Stuttgart 2000). Mit reichlich zeitgenössischem Bild- und Filmmaterial verbindet der Film die Geschichte kolonialer Ausbeutung und öffentlicher Wahrnehmung in Europa. Er endet nicht mit der Übergabe der Kolonie an den belgischen Staat, sondern zieht die Verbindung zur Dekolonisation, der Ermordung des demokratischen Präsidenten Patrice Lumumba, zum bis heute andauernden Bürgerkrieg und der gegenwärtigen Ausbeutung von Metallen und ‚seltenen Erden‘ durch War Lords und westliche Bergbaukonzerne. Beeindruckend, erschreckend und ausführlich recherchiert analysiert der Film die Zusammenhänge von Kolonialismus, Globalisierung und die verflochtenen Lebenswelten im Kongo und in den alten wie neuen Metropolen in Amerika, Europa und Asien.

Literatur zur Geschichte der deutschen Außenpolitik

23. April 2011

Es gibt die Seite schon lange, aber wir haben Sie hier noch nie erwähnt. Ein Defizit, das dringend behoben werden muss: Die Webseite German Foreign Policy widmet sich den hegemonialen Taktiken und Strategien des vereinigten Deutschland und beobachtet dessen Großmachtbestrebungen auf wirtschaftlichem, politischem und militärischem Gebiet. Geschichte spielt dabei eine wichtige Rolle, denn die

täglichen Nachrichten, die Interviews und Hintergrundinformationen, die Dokumente und aktuellen Rezensionen sollten im Lichte prägender Tendenzen der deutschen Vergangenheit gelesen werden. Dazu stellt die Rubrik „Geschichte“ (ab 1871) umfangreiche Analysen sowie bibliographische Materialien bereit. (aus dem Impressum)

Auf vier Seiten findet man Literatur zur Deutschen Neuordnung Europas, zur Deutschen Großraumwirtschaft, zur Deutschen Militärpolitik und zur Deutschen Volkstumspolitik. Die Seite hat es auch schon zum Wikipedia-Eintrag geschafft. Eine ideele oder finanzielle Unterstützung ist aus meinen Augen sinnvoll.

Alice Schwarzer lauert überall – oder wozu man den Islam alles verwenden kann.

7. Oktober 2010

Ein Kommentar zu Alice Schwarzers neuem Buch „Die große Verschleierung:

Die indische Historikerin Gayatri Spivak hat einen sehr klaren Satz über den westlichen Imperialismus und die muslimische Frau geprägt: Die Imperialisten hätten ihre Machtpolitik als Aktion verkauft, um „braune Frauen vor braunen Männern zu retten“. Und: Die Frauenbewegung seit dem 19. Jahrhundert habe sich zu lange nicht von dieser Position lösen können (Spivak, Gayatri: „Can the subaltern speak?“, in: Cary Nelson (Hg.), Marxism and the Interpretation of Culture, Chicago 1988, S. 271-313, hier S. 296f.).

Spivak erklärt in einem kurzen Video ihre Position für die iranischen Oppositionsbewegung. (Sie tritt ab 3.35 Minuten auf):

Spivak macht klar: Es geht um die eigene Perspektive und die Ansprüche der Frauen nicht um irgendwelche Befreiungsaktionen aus einer moralischen Überheblichkeit heraus. Belege  für die Versuche, muslimische Frauen für politische Zwecke zu benutzen, finden sich auch im öffentlichen Islam-Bashing im Deutschland des Herbstes 2010, z.b. im neuen Buch von Alice Schwarzer:

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Griechenland – eine europäische Kolonie

23. Februar 2010

Die EU macht Druck auf das staatsbankrotte Griechenland. „Zur Zeit der Olympiade waren die Griechen Helden, heute sind sie die tricksenden Deppen Europas“, schreibt heute Wassilis Aswestopoulos auf Telepolis. Sogar das Bild vom faulen Griechen wird bemüht, von einer chaotischen und korrupten Wirtschaft gesprochen. Dass die griechischen Eliten zu den üblen wirtschaftlichen Verhältnissen ihren Beitrag geleistet haben, ist unbestritten. Unleugbar ist aber auch, dass Griechenland von der Staatsgründung 1830 bis heute eine abhängige europäische Kolonie ist.

Großbritannien, Frankreich, USA: Sie alle bestimmten und bestimmen maßgeblich die Politik dieses Landes, verhinderten über Jahrhunderte jede eigenständige wirtschaftliche Entwicklung, bekämpften alle Unabhängigkeitsbewegungen, unterstützten autoritäre und faschistische Regime, um ihren Einfluß in der Region zu sichern. Das moderne Griechenland hatte nie eine Chance, sich wirklich selbständig zu entwickeln. Natürlich auch nicht im Rahmen der EU – ganz im Gegenteil. Dieser Aspekt gehört in die laufende Debatte und er gehört in die Analyse der europäischen Geschichte.

Ich habe im Wiki versucht, ein schon einmal ein paar Eckpunkte und Literatur zusammenzutragen. Gregor Kritidis hat mich mit weiterem Material unterstützt.

Ärger um Olympia

12. Februar 2010

Indianische Steinskulptur (Ilanaaq the Inunnguaq) auf Wistler Mountain als Olympia-Mastkottchen (Quelle: Wikimedia Commons)

Die Bilder von den olympischen Winterspielen in Vancouver werden uns die nächsten Wochen begleiten, ob wir wollen oder nicht, auch diejenigen, die sich nicht für Wintersport interessieren. Heute haben die Spiele begonnen. Das kanadische olympische Kommitee hat versucht integrative Spiele auf die Beine zu stellen. Zu groß ist die Gefahr, dass Umweltgruppen, Wohlfahrtsverbände und die Aktivisten unter den First Nations, den ersten Bewohnern des Nordamerikas, das Image der Spiele beschädigen, indem soziale Ungleichheiten und Umweltzerstörungen auf’s Tableau gebracht werden. Dennoch rücken die Spiele Kanadas geschichtspolitischen Zickzackkurs gegenüber den First Nations in den Blick.

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Götz Aly geht am Gröbenufer baden

6. Februar 2010

In Berlin wird das Gröbenufer nahe der Oberbaumbrücke offiziell in May-Ayim-Ufer umbenannt. Eigentlich keine große Sache. Straßen-Umbenennungen sind in einer Stadt wie Berlin ein Dauerthema. Und es gab wohl kaum eine Umbenennung, die ohne Widerspruch vollzogen wurde. Mit einer Umbenennung kommen immer auch veränderte gesellschaftliche Machtverhältnisse zum Ausdruck. So hatten etwa die Umbenennungen unter dem Regierenden Bürgermeister Diepgen 1995 ein klaren antiemanzipatorische Charakter.

Nun soll der Kolonialist Otto Friedrich van der Gröben (1657-1728) der antirassistischen Historikerin May Ayim (1960-1996) weichen. Dazu meldete sich der Historiker Götz Aly in der Berliner Zeitung („Straßenschänder in Kreuzberg“) zu Wort. Der Beitrag ist ein in jeder Hinsicht undiskutabler Angriff auf die Träger dieser Umbenennung. Interessanter finde ich da die Antwort von Susan Arndt, die den Hintergrund der Umbenennung sachlich aber entschieden offenlegt.