#mustread: Aktivist_innen erzählen vom Älterwerden und Weiterkämpfen

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IMG_0311In „dabei geblieben“ erzählen „Aktivist_innen vom Älterwerden und Weiterkämpfen“. Mit den von Rehzi Malzahn geführten 26 Interviews und Selbstzeugnissen politischer Menschen können wir Entdeckungsreisen zu den Untiefen und auf die Berggipfel autobiographischer Rückblicke machen, und uns selbst fragen: Werde ich dabeibleiben? Und wenn ja … warum? Warum vielleicht nicht? Oder: jetzt erst recht!?

Das Mantra von der Klage über die Autonomen als Jugendbewegung und über ihre Resistenz gegenüber Neuerungen, über ihren moralischen Rigorismus und ihre unpolitische, subkulturelle Nischenstrategie ist schon mindestens 30 Jahre alt. Bereits 1986 schreiben die sprachmächtigen Mitglieder der autonomen l.u.p.u.s-Gruppe in kritischer Absicht über „die Autonomen“, diese hätten wenig Zukunft: würden in ihren Reihen doch „die Jungen […] mehr oder weniger die Fehler der Alten [wiederholen]“, „während sich die Alten Zug um Zug zurückziehen, weil sie in der Wiederholung der eigenen Fehler keine Perspektive entdecken können“ 1. Die heute Mitte 30-jährige Rehzi Malzahn hat nun für ihr Buch Linksradikale interviewt, die nicht weggegangen, sondern „dabei geblieben“ (so der Haupttitel) und bis heute militant unterwegs sind. Der jüngste ihrer Interviewpartner*innen ist heute 44 Jahre alt. Nur eine nochmals ‚jüngere‘ Stimme findet sich in dem Band: denn mit der Dokumentation zweier für die Veröffentlichung bearbeiteter Texte, die ein Genosse 2007 – mit 30 Jahren – bzw. 2014, also nunmehr sieben Jahre später als noch nicht knapp Vierzigjähriger in Briefform geschrieben hat, ist der Interviewband um eine noch einmal ‚jüngere‘ Perspektive reicher 2.

Insgesamt hat Rehzi Malzahn 25 Interviews geführt, vier weitere wurden nicht zur Publikation freigegeben. Von den Interviewten sind ein Drittel weiblich, schwul oder queer, die restlichen ungefähr zwei Drittel sind männlich sozialisiert. Alle Interviewpartner*innen kommen aus Großstädten oder leben dort, die meisten sind zwischen 50 und 60 Jahren alt, der älteste ist heute 72 Jahre alt.

Die durchweg persönlichen Texte sind spannend zu lesen. Sie berühren viele Tabus, zeigen Verletzungen, Ängste, gar Ohnmacht und Einsamkeit wie auch die Existenz und Wirkkraft aufrechterhaltener Träume und Positionen. Es geht um den Umgang mit politischer Frustration, um Haltungen und Auskommen zu und mit Lohnarbeit, um ein Leben mit Kindern; um ein Umgehen mit oder gar die Angst vor Alter, Krankheit und Tod. Darüber wölbt sich der große Bogen vom – in der Regel schmerzhaften – Abschied von der Jugend und die Frage, wie Rebellion, Widerstand oder Autonomie jenseits des 30. Lebensjahres noch möglich sein und aufrechterhalten werden können.

Die Texte zeigen, dass diese ältere Generation noch in den 1980er, wenn nicht Ende der 1970er Jahren sozialisiert wurde, als ganz andere gesellschaftliche Bedingungen herrschten und deswegen Erfahrungen von Vertrauen und Kollektivität möglich waren, die die Interviewten teilweise bis heute tragen und nähren. Diese Generation zehrt von langjährigen solidarischen Beziehungen. Sie „machte“ nicht „Politik“, sondern für sie bedeutete und meint bis heute: „politisch sein [heißt] kämpfen“; gemeint war und ist, dass das ganze Leben und auch die „Arbeit“ einbezogen waren und bleiben („Leben ist Politik“). Nun, mit dem Erfahrungshaushalt von Jahren und Jahrzehnten politischen Kampfes auf dem Buckel, werfen so manche der älteren Genoss*innen in mehreren Interviews den jüngeren vor, jene würden weder ihren Jugendwahn, ihre klassenmäßige bürgerliche Herkunft, noch ihre Existenzängste oder auch nur ihre Einkommenssituation thematisieren.

Offen bleibt zwangsläufig, ob die linksradikale Szene – ob gestern, heute oder morgen – „einmalige Erlebnisse von Solidarität“ ermöglicht(e) oder ermöglichen konnte oder kann, oder vor allem aus Selbstüberforderung besteht, die sich aus unbewussten Schuldgefühlen speist. Oder beides zugleich? Ebenso taucht nach der Lektüre die Frage auf, ob bewegende und tragende Freundschaften vor allem innerhalb oder (nur) außerhalb der radikalen Linken gefunden oder gelebt werden – gelebt werden können? Alle vier Positionen scheinen mit mehr oder weniger intensiver Farbe in den Texten auf. Richtig: „Revolution hält doch jung“, wie es erfreut ein Genosse im Hinblick auf den aktuellen Zustand seiner gleichaltrigen, ehemaligen Mitschüler*innen bemerkt. Oder, wer es nicht so hochtrabend mag: Immerhin trifft man im linksradikalen Milieu, so sagen es auch zwei der Interviewten, im Vergleich zur Mehrheitsgesellschaft dann doch relativ eindeutig die interessanteren Leute. Moral und Angst seien jedenfalls, so der eindeutige Tenor der stellenweise etwas schwurbeligen Schlussbemerkungen der Herausgeberin, auf Dauer schlechte persönliche und politische Ratgeber und die immer mehr um sich greifende autonome Identitätspolitik bleibe schlichtweg kritikwürdig. Wer und welche gelernt hat, vor allem das Positive zu sehen, so Malzahn weiter, hat es leichter in der radikalen Linken – und auch leichter, mit ihr älter zu werden. Ebenso, wie die- oder derjenige, der und die – früher oder heute – kollektives Handeln erprobt und die Erfahrung gemacht hat, dass es klappt.

Malzahn hat ein wichtiges und reichhaltiges Buch geschrieben. Es weicht „Psycho-Themen“ nicht aus und verteufelt sie auch nicht, im Gegenteil. Das ist ein großer Fortschritt. Dem Buch ist breite Diskussion und große Resonanz zu wünschen.

Rehzi Malzahn: dabei geblieben. Aktivist_innen erzählen vom Älterwerden und Weiterkämpfen; unrast Verlag, Münster 2015, 250 Seiten, 16 EUR

Für weitere Informationen zum Buch und zum Austausch von Gedanken siehe: http://rehzimalzahn.blogsport.eu

[1] Das leider auch noch heute sehr lesenswerte, da stimmige Papier „Geschichte wird gemacht, es geht voran…“ der l.u.p.u.s-Gruppe ist u.a. hier http://de.indymedia.org/2002/01/13613.shtml online. Der 1986 erstmals erschienene Text wurde gedruckt u.a. in dem Buch „Lichterketten und andere Irrlichter. Texte gegen finstere Zeiten“ (Berlin 1994).
[2] Die Brieftexte sind in der korrekten, weil ungekürzten Fassung als PDF online: http://www.unrast-verlag.de/images/stories/virtuemart/product/576_malzahn_dabei.gebl_errata.pdf

Text: Bernd Hüttner.     Illustration: Claudia Bär. All rights reserved.

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