Archive und Digitalisierung: Wo bleiben die Open Access-Promotionsprojekte?

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Alle kennen die Situation: Die Zahl der Akademikerinnen und Akademiker steigt und damit auch die Zahl an Promotionen. Und nun werden die einzelnen Promotionen durch den Wettbewerbsdruck thematisch immer enger, vom Umfang aber voluminöser. Und am Ende steht die Publikation, die sich ein Verlag teuer bezahlen lässt. Aber die Promotionen bekommen dennoch keine Reichweite und werden kaum rezipiert. Die Arbeiten sind natürlich nicht für die allgemeine Öffentlichkeit geschrieben, aber sie sind dann auch noch für den Wissenschaftsbetrieb zu speziell und zu teuer.

Wie immer man das dreht und wendet: Der Aufwand für die Qualifikation und Promotion des wissenschaftlichen Nachwuchses steht für die Öffentlichkeit im keinem Verhältnis zum Ergebnis – zumindest, wenn man den wissenschaftlichen Ertrag betrachtet. Wir haben anders gesagt einen Wissenschaftsapparat, dessen Nachwuchs durch eine im Schnitt fünf Jahre andauernde Phase geht, in der er viel zu oft unbrauchbare Printprodukte produziert. Und das ist alles völlig unsinnig, für alle Seiten frustrierend und unwirtschaftlich. Dabei könnte man diese verfahrene Situation schnell auflösen. Mit Open-Access-Promotionsprojekten.

Denn durch die digitale Revolution der Medienlandschaft und durch die Open-Access-Bewegung ist ein riesiger Prozess angestoßen worden, in dem dem nicht nur Artikel, Bücher und Zeitschriften, sondern Archivalien und Quellen aller Art im Netz bereitgestellt werden. Und werden diese Quellen nicht nur online gestellt, kategorisiert, verschlagwortet und durchsuchbar gemacht, sondern sollen diese als historisch-kritische Editionen publiziert werden, haben wir wiederum viel zu wenig Menschen, die das auf einem professionellen Niveau machen können.

Es ist klar, worauf ich hinaus will.

Die Älteren dürften noch wissen, dass man noch vor einigen Jahrzehnten mit historisch-kritischen Editionen promovieren konnte, denn die Anforderungen an eine historisch-kritischen Edition sind nicht zu unterschätzen:

  • man braucht umfassendes Methodenwissen, das sich je nach Wissenschaftstradition unterscheidet,
  • man muss den Quellenbestand nicht nur kennen, sondern auch die Quellen kommentieren und in ihren historischen und sozialen Kontext setzen können,
  • die Einleitungen und Begleittexte müssen in kurzer Form die wichtigsten Ergebnisse zusammenfassen, Methoden- und Editionsprobleme besprechen.

Unter den Leserinnen und Lesern sind sicher Spezialisten, die zum Thema „Anforderungen an eine Edition“ weit mehr beisteuern können als ich. Ich stelle mir nur die Frage: Warum machen wir das nicht einfach? Sollten wir in den Gesellschaftswissenschaften und ihren Nachbardisziplinen nicht entsprechende Promotionsordnungen fordern, auf deren Grundlage es möglich ist, mit einer historisch-kritischen digitalen Edition auch einen Doktortitel zu bekommen? Davon würden doch alle profitieren. Die Promotionen könnten Ergebnis einer gesellschaftlich sinnvollen und somit befriedigenden Arbeit sein. Große Editionsarbeiten ließen sich auch auf mehrere Bearbeiter aufteilen. Editionsprojekte könnten schon im Prozess der Publikation Meinungen von Expertinnen und Experten einholen oder Fragen von Nutzern aufgreifen.

Wenn man jetzt die Idee weiterträgt, gibt es vielleicht mal einen Wettbewerb zwischen den Wissenschaftsministerien, welches diese Idee als erster umsetzen kann und die Lorbeeren einsammelt. Da mache ich mir weniger Sorgen. Schwierig wird es, die Akzeptanz im doch extrem konservativen Wissenschaftsapparat herzustellen. Denn es gibt, wie Archivalia zeigt, zwischen Historikern und Archivaren nach wie vor interdisziplinäre Verständigungsschwierigkeiten. Ob diese über digitale Editionsprojekte  aufgehoben werden können, wage ich zu bezweifeln. Aber einen Versuch wäre es doch wert, oder?

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4 Antworten to “Archive und Digitalisierung: Wo bleiben die Open Access-Promotionsprojekte?”

  1. kobib Says:

    Dein Text, ist eine gute Anregung, Richard! Ich würde sie gerne noch erweitern: Genau so wie Open Access Online-Editionen zur Promotion wäre Open Access auch eine gute Sache für Promotionen, und Aufsätze, die früher erschienen sind! Verlage gestatten es Autorinnen und Autoren häufig, ihre Beiträge selbst online zu publizieren. In der sherpa/romeo-Liste könnt Ihr gleich mal nachlesen, was Euer Verlag in der Regel dazu sagt: http://www.sherpa.ac.uk/romeo/ Und dann stellt Eure Promotionen und Aufsätze ins Netz!

    Open Access ist in dem Sinne ein Qualitätsmerkmal, dass die Inhalte wirklich Verfügbar sind zum überprüfen und Zitieren. Eine Fußnote, die auf ein Buch verweist, dass ich nur in der Bibliothek bekomme ist maximal halb so viel Wert, wie ein Link auf den Volltext. Mir scheint, in den Geisteswissenschaften und so auch in der „Kritischen Geschichte“ wird eine Publikation noch immer höher bewertet, wenn sie nicht im Netz zugänglich ist.

  2. Richard Heigl Says:

    Und genau das ist der Denkfehler 🙂 Nichtverfügbarkeit als höherer Wert. Das funktioniert als Produktverknappung im Kapitalismus ganz gut, aber nicht wenn es um deine Dienstleistung als Wissensarbeiter geht.

  3. bernd Says:

    Eine spannende Debatte. Die RLS stellt ja vieles ihrer eigenen produkte open access.

    Zum Thema passend auch hier
    http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,823692,00.html ein Artikel eines völlig frustrierten Juniorprofessors.

  4. bernd Says:

    und noch ein Fund. über die „Generation“, die derzeit promoviert. David Bebnowski über die politische Apathie der Endzwanziger in Deutschland:
    http://www.demokratie-goettingen.de/blog/postdemokratisches-schweigen

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