Slavoj Žižek über die Dialektik des Alten und Neuen (2009)

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Andy Miah: Slavoj Zizek in Liverpool (2008), Lizenz: CC, Q.:Wikimedia Commons

Ein interessantes Fundstück von Slavoj Žižek. Der bekannte politische Philosoph formulierte in seinem Vortrag auf der Marxismus-Konferenz in Bloomsbury 2009 folgenden Gedanken:

I would like beginn with Adorno, who at the very beginning again of his Three studies of Hegel rejects this traditional, patronizing question „What is still alive and what is dead in Hegel?“ According to Adorno such a question presupposes an arrogant position of a judge who can graciously concede „Yes, this is maybe still actual for us today“.

But Adorno points out, when we are dealing with a truly great philosopher, the question that be raised is not, what can this philosopher tell us, but the opposite one, what are we – our contemporary situation – in his eyes? How would our epoch appear to his – or her of course – thought?

And the same should be done with communism. Instead of asking the obvious stupid question „But is the idea of communism still pertinent today? Can it still be used as a tool for the analysis and political practise?“ one should ask the opposite question: How does our predicament today look from the perspective of the communist idea? This is the dialectic of the old and the new.

Wer den Text bei Adorno sucht, wird ihn nicht genau so finden, wie er hier von Žižek formuliert ist. Er hat die Grundidee wesentlich weiter ausgeführt und illustriert. Žižek will eine Perspektivenverschiebung, die es erlaubt, sowohl Vergangenes in seinen historischen Kontext zu setzen als auch überzeitlich Gültiges zu formulieren. So lässt sich meiner Meinung nach auch sinnvoll über Fort- und Rückschritte diskutieren, ohne von einem inhärenten Sinn der Geschichte oder einem Fortschrittsautomatismus auszugehen – oder gegenwärtige Verhältnisse zu rechtfertigen

Meiner Meinung nach wird man schnell in Schwierigkeiten geraten, wenn man wie Žižek den Ansatz  auf  eine ganze historische Bewegung überträgt. Im Fall des Kommunismus kann man zwar von bestimmten Grundideen ausgehen, aber man wird auch umgehend konkretisieren müssen, welchen oder wessen Kommunismus man genau meint.  Der Bezug auf eine konkrete Person (z. B. Philosoph) oder eine eingrenzbare Gruppe erscheint mir für diesen Zugriff auf die Geschichte sehr wichtig.

Der ganze Vortrag ist übrigens hier zu sehen:

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2 Antworten to “Slavoj Žižek über die Dialektik des Alten und Neuen (2009)”

  1. Stefan Says:

    „Žižek will eine Perspektivenverschiebung, die es erlaubt, sowohl Vergangenes in seinen historischen Kontext zu setzen als auch überzeitlich Gültiges zu formulieren.“
    Das entspricht immer noch jener arroganten Haltung, die Zizek kritisiert. Vielmehr ginge es darum, die Gegenwart durch die Augen Hegels oder Marxens zu betrachten und zu erkennen, warum wir in vielerlei Punkten hinter deren geistigen Standpunkt zurückgefallen sind. Interessanterweise lassen sich diese Gründe zum großen Teil bei diesen Denkern selbst nachlesen (Missverstandenes Methodenideal moderner Naturwissenschaft, einseitig liberales Freiheitsverständnis etc.) Pointiert gesagt könnten die Alten unter Umständen ihren Kritikern heute sogar aufzeigen, warum (aus welchen unbegriffenen Voraussetzungen heraus) diese Kritik an ihnen unberechtigterweise geübt wird und einen verhängnisvollen Rückfall bedeutet. Die chronologisch Neueren wären die theoriegeschichtlich Älteren und vice versa.
    Gruß, Stefan

    • Richard Heigl Says:

      Hallo Stefan,
      entschuldige die späte Reaktion. Ich musste über deinen Standpunkt etwas nachdenken. Arroganz war zumindest nicht meine Absicht, und viellecht habe ich mich da einfach zu schludrig ausgedrückt.

      Dabei stimme ich dir weitestgehend zu. Nur, hätte Žižek nur sagen wollen, nicht alles was zeitlich jünger ist, ist auch klüger, überlegen und besser, hätte er sich doch das auch alles sparen können. Das stimmt natürlich nicht. Das ist gewissermaßen trivial.

      Aber ich will ein praktisches Beispiel bringen, wie ich das Verhältnis älterer und jüngerer Theorien sehe. Ich entdecke für mich zum Beispiel die weltgeschichtlichen Betrachtungen von Ibn Khaldun (1332-1406), die Muqaddima. Ein bahnbrechendes Werk, das der Geschichtsschreibung in Europa um Jahrhunderte voraus war. Auch heute ist dieses Werk interessant, weil es von der Praxis ausgehend, gesellschaftliche, kulturelle, klimatischen und anderen Faktoren für die historische Analyse kombiniert. Und das ist immer aktuell, und derzeit für mich gerade ganz besonders.

      Gleichzeitig enthält das Werk natürlich auch Auffassungen Ibn Khalduns zu Religion und Herrschaft, die wir überwunden haben. Was mach ich jetzt damit? Und jetzt kann man natürlich sagen, die analytische Herangehensweise ist immer noch aktuell und modern, die Haltung zur Religion ist es nicht mehr.
      Aber das will Žižek zurecht nicht, und er kann sich dabei vor allem auf Marx und Benjamin stützen – nicht nur auf Adorno.

      Denn ein wirklicher Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, in dem sich beide Seiten „befragen“, ist auch in deren Augen nicht machbar, wenn ich nur die jeweils „guten“ Seiten hervorhebe. Der „Tigersprung“, wie es Benjamin nennt, über die Epochen hinweg, funktioniert nur, wenn ich Ibn Khaldun ganz nehme, mit seinen Widersprüchen, mit der Art, wie er sie verarbeitet, mit seinen spezifischen Erfahrungen und Handlungen in seinem historischen, sozialen und kulturellen Kontext. Sonst lerne ich ja nichts und nehme ihn auch nicht wirklich ernst, sondern Khaldun wäre für mich nur der Hansel, den ich zitiere, um meine Sicht der Dinge zu rechtfertigen.

      Und dann muss ich feststellen, für Khaldun ist seine neue Form der historischen Analyse und seine tendenziell positive Haltung zu Herrschaft und Religion eben kein Widerspruch, sondern passen zusammen. Das muss ich verstehen. Ich musss auch sehen, dass die Muqaddima nicht in einem herrschaftsfreien Raum entstanden ist, sich auch an jemanden richtet und auf Probleme seiner Epoche antwortet. Er will damit auf die Herrschenden und auf die Gelehrten einwirken.

      Und davon ausgehend ist es viel spannender zu fragen, wie würde unsere Welt heute aus den Augen Khalduns aussehen? Und er würde vielleicht sagen: In der Geschichtswissenschaft seid ihr endlich auf einem guten Weg, aber ihr habt aus ideologischer Borniertheit heraus über ein halbes Jahrtausend gebraucht und habt auch bestimmte Dinge bis heute nicht verstanden. Denn eure Theorien haben meistens mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Ihr müsst aus der Praxis heraus zu eurem Begriffen kommen. Ich habe meine Auffassungen aus meinen Erfahrungen und meine Ziele aus meiner Welt gewonnen. Und deswegen sind bestimmte Verhältnisse für mich auch nicht denkbar, machbar oder wünschenswert. Und an manchen Stellen habe ich mich offenbar geirrt.

      Das heißt, ich muss mich auch oder gerade in der Theoriegeschichte ganz genau mit der Vergangenheit auseinandersetzen, und das meine ich mit „in den historischen Kontext setzen“. Und aus dieser Sicht „zurück“ und zugleich von dem anderen Standpunkt aus in der Zeitskala „nach vorn“ lassen sich genauere Aussagen machen, was noch aussteht, was was bereits in Teilen und wieder widersprüchlich als Mindeststandard erreicht worden ist, aber natürlich wieder in eine bestimmte Epoche, nämlich in die unsere, gehört. Und dann erst wird ein Ibn Khaldun „ziterbar“. Auch ein sehr schöner Begriff bei Benjamin.

      Viele Grüße,
      Richard

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