Zwei Basics zu einer kritischen Geschichte

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Ja, was ist kritische Geschichte? Die Frage poppt immer wieder auf. Schon vor einigen Jahren versuchten wir für uns im Sammelband zu unserer Tagung „Making History“ ein paar wenige Eckpunkte aufzuschreiben. Die Herausforderung bestand damals darin, einen Minimalkonsens für ganz unterschiedliche Strömungen zu finden. Das ist heute nicht anders.

Selbst auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, will ich für Leute, die sich zum ersten Mal mit dem Thema beschäftigen, hier noch einmal zwei wesentliche Aspekte nennen.

1. Kritische Geschichte will die heutigen Verhältnisse mit verändern. Nun ist der heutige geschichtswissenschaftliche Mainstream deutlich  liberaler als in den 1950er Jahren, dennoch stützt sich die Fachdisziplin überwiegend auf Konzepte, die der aktuellen Herrschaftsform entsprechen. So interessiert sich der geschichtswissenschaftliche Apparat dezidiert nicht für die Überwindung der kapitalistischen Verhältnisse im Zuge einer umfassenden Demokratisierung.
Dagegen sind wissenschaftliche Ansätze zu setzen, mit deren Hilfe wir als Menschen unsere historische und soziale Situation besser analysieren und verstehen, um Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten erkennen und begründet nutzen zu können.

2. Kritische Geschichte interessiert sich dabei vor allem für die Selbstveränderung kollektiver Akteure. Nehmen wir zum Vergleich eine Nachbardisziplin: Die Kritische Psychologie versteht sich als Subjektwissenschaft. Das heißt, sie geht vom einzelnen Subjekt aus und will aufzeigen, wie es zusammen mit anderen die Bedingungen verändern kann, in denen wir leben. Eine Kritische Geschichte teilt diesen Ansatz, auch was die Rolle von Individuen als gesellschaftlich handelnde Subjekte angeht. Sie geht auch von konkreten Subjekten und Subjektbeziehungen aus. Der Fokus richtet sich aber doch stärker auf langfristige Veränderungen durch Kollektive. Kritischer Geschichte geht es um den historischen Wandel von Denk- und Handlungsweisen und damit auch um den Wandel von Utopien und Veränderungsstrategien. Das bedeutet nicht, dass Historikerinnen und Historiker keine Biographien mehr schreiben oder zurück zum Strukturalismus sollten. Aber wenn die Kritische Psychologie darauf aus ist, Grundlagen zu schaffen, mit der sich bessere Einzeltherapien entwickeln lassen, so interessiert sich die historische Analyse stärker dafür, wie Gesellschaften im Wandel „funktionieren“, damit Kollektive mit Bewusstsein ihre Situation demokratisch steuern lernen.

Der letzte Punkt ist mir wichtig, weil sich die kritische Geschichtswissenschaft in Deutschland im letzten Jahrhundert vor allem mit kollektiven Verbrechen auseinandersetzen musste – ja, auch heute noch muss. Dadurch kam es aber unvermeidlich zu einer thematischen Einengung, die aus meiner Sicht heute die Erneuerung der historischen Arbeit blockiert, weil die Entwicklung konkreter Utopien nur noch aus einer Abwehrhaltung heraus betrieben wird. Aber das wäre zu diskutieren.

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3 Antworten to “Zwei Basics zu einer kritischen Geschichte”

  1. Bernd Says:

    Der Link zum Text von Sergio Bologna ist auf der RLS Seite, zu der du dankenswerterweise verlinkst, nicht mehr enthalten. Er lautet: http://jungle-world.com/seiten/2005/26/5803.php
    Das Buch dazu unter http://www.vorwaerts.org

  2. Fabian (orcival) Says:

    Zwei Anmerkungen dazu: gerade in der aktuellen kritischen Geschichte scheinen mir durchaus Ansätze zu bestehen, die die beiden von Dir genannten Grundlinien verbinden. So wird ja recht oft auf die teils wirkliche teils aus der liberalen Geschichtswissenschaft übernommene Delegitimierung von Kollektiven reagiert, indem die Ketzer_innen der jeweiligen Bewegungen stärker in den Blick gerückt werden. (Und das ist ja durchaus ein klassisches Anliegen kritischer Geschichte und findet sich z.B. bei Thompson im Vorwort zur „Arbeiterklasse“.)

    Die andere Anmerkung bezieht sich vor allem auf den ersten Punkt: mir scheint ein Definitionsversuch zu kurz zu greifen, der kritische Geschichte nur als Kritik an Herrschaftsdenken konzipiert. Mir scheint zugleich wichtig, dass kritische Geschichte auch in die heutigen Bewegungen hineinwirkt. Sei das durch das Herausarbeiten historischer Vorbilder, Beispiele etc. (was die Gefahr des Identitären beinhaltet), sei es durch die Reflektion heutiger Fragestellungen an historischen Themen etc.

  3. Richard Heigl Says:

    Gleich zum letzten Punkt: Mit dem Hineinwirken in die Bewegungen geb ich dir völlig recht. An sich wäre das Ideal ein Dialog, bei dem alle Seiten was lernen können und wollen.

    Die zwei von mir genannten Punkte reichen natürlich hinten und vorn nicht. Und sie funktionieren nur miteinander.

    Wenn du übrigens mitschreiben willst, gib Bescheid, dann kriegst einen Account🙂

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