25 Jahre Tschernobyl – Erinnerungen an Stelle einer historischen Betrachtung

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Der Einband des Fotoalbums ist giftig grün – das war Mode damals. Der Audi 80 meines Vaters hatte die gleiche Farbe. Das Auto ist jetzt verschrottet, das Fotoalbum außen etwas abgeschabt, vom vielen Anschauen. Darin befindet sich ein Foto, das mich und meine Schwester im Garten zeigt mit Riesenkarotten in der Hand – wie Jagdtrophäen.

Weissrussische Briefmarke, Quelle: Wikimedia Commons

Schon oft habe ich mir überlegt, wann das war. Es muss wohl vor dem 26. April 1986 aufgenommen worden sein, ich bin noch zu klein.

Es fällt mir schwer mich zu erinnern an dieses Frühjahr, ich war 9. Eine Erinnerung habe ich – meinen Sandkasten ohne Sand, wie ein Krater hinterm Haus im Garten. Das ist kein gekaufter Sandkasten, sondern eine Art Betonwanne mit Holzbänkchen außenherum.

Mein Vater hat ihn selber gebaut. In den Tagen nach Tschernobyl war er mit Plastikplane abgedeckt. Mein Vater muss es sich noch einmal überlegt und den Sand ausgetauscht haben. Schon komisch: in Tokio haben in diesem März hunderte Leute bei der Polizei angerufen, weil gelber Regen vom Himmel kam. Es waren nur die ersten Pollen des Frühlings, die sich im Regen lösten und runterkamen. Die Radioaktivität kann man nicht sehen. Bei anderen Erinnerungen bin ich mir nicht sicher, ob sie meine sind oder später über die Dokumentationen zu den Jahrestagen hinzukamen – z.B. aneinandergereihte Wagons mit verseuchtem Molkepulver. In den letzten Jahren gab es kaum Dokus zu Tschernobyl, eher zum Wirtschaftswunder oder etwas ähnlich „aufbauendem“. Jetzt ist es wieder da – 25 Jahre nach Tschernobyl erneut ein Gau. Ganz verdrängen konnte ich die Erinnerung an damals nie, schließlich muss ich nur auf den Balkon meines Elternhauses gehen, um den monumentalen Kühlturm des Kraftwerks zu sehen. Bei uns heißt es OHU, obwohl es zum benachbarten Ort Niederaichbach gehört. Im Fernsehen ist es Isar eins und zwei.

Der Ablauf des Ereignisses ist bekannt – was kein Grund ist, ihn nicht noch einmal kurz in Erinnerung zu rufen: In der Nacht vom 25. auf den 26. April sollten im sowjetischen Kernkraft Tschernobyl die Kühlsysteme auf ihre Funktionsfähigkeit im Notfall getestet werden. Bei einem Stromausfall benötigten die Ersatz-Dieselgeneratoren einige Sekunden um anzuspringen. Dies sollte durch den Strom überbrückt werden, den die Generatoren des Kraftwerks lieferten, die sich auch nach einer Notabschaltung noch einige Zeit weiterdrehten. Im Verlauf des Tests kam es zu einer Überhitzung des Kerns, zur Kernschmelze und zu heftigen Explosionen, die eine weitere Kontrolle des Reaktorkerns unmöglich machten. Über Wochen wurden Sand, Bor und Blei auf den Meiler gekippt, um die Kernreaktionen zu stoppen. Schließlich wurde Anlage mit einem Beton-Stahl-Mantel umschlossen, der in wenigen Jahren ersetzt werden muss.  Die ausbrechenden Feuer trugen die radioaktiven Partikel in hohe Luftschichten, westliche Winde trieben sie nach Mitteleuropa und insbesondere über Süddeutschland regnete radioaktiver Fallout ab.

Über die Zahl der Todesfälle, die auf Tschernobyl zurückzuführen sind, existieren sehr unterschiedliche Angaben – nicht zuletzt aufgrund des problematischen Nachweises der Kausalität zwischen Strahlenbelastung und einzelnen Krankheiten. In der unmittelbaren und weiteren Umgebung des Reaktors wurden 200.000 Menschen umgesiedelt, eine Sperrzone von 4300 qkm errichtet, ein Gebiet von der Größe des Saarlandes wurde erheblich radioaktiv verstrahlt und hunderttausende Kubikmeter radioaktiver Müll lagern oft unzureichend abgesichert in der Ukraine. Bei den ca. 200.000 Liquidatoren häufen sich diffuse Krankheitsbilder, die Zahl der Schilddrüsenkrebserkrankungen von Kindern  stieg enorm. Die Verarmung der lokalen Bevölkerung nahm erheblich zu und der ukrainische Staat muss Milliarden für die Erneuerung des Betonsarkophags um den Reaktor bereitstellen. Die psychische Belastung in der näheren und weiteren Umgebung Tschernobyl, die Angst und die Unsicherheit über die Auswirkungen der Strahlenbelastung, die weder von Regierungen noch von Experten zerstreut werden können, sind hoch.

Zwar wohne ich seit mehr als 10 Jahren nicht mehr in der Nähe des Kraftwerks. Dort wo ich jetzt lebe, müssen die Jäger die Wildschweine mit einem Geigerzähler untersuchen, nachdem sie sie geschossen haben. Auch hier regnete der Fallout ab. In Südostbayern muss noch heute laut Zeitungsberichten jedes fünfte erlegte Schwein entsorgt werden – mehr als 1000 km westlich von Tschernobyl.

Persönliche Erinnerungen und Betroffenheit, wie ich sie hier beschrieben habe, ersetzen nicht die historischen Analyse, erklären nicht die komplexen Entstehungs- und Existenzbedingungen moderner Gesellschaften und ihrer Energietechnologien. Die Angst allerdings, die physischen und psychischen Belastungen, die Sorge um Lebensgrundlagen und Umwelten nicht nur der Menschen  in der engeren Umgebung eines havarierten Reaktors sind allerdings ein zentraler nicht wegzudenkender Bestandteil der Geschichte der Kernenergie. Angst und Gefühle per se sind keineswegs eine Antithese zu Intellekt und Vernunft, Engagement und Analyse werden durch reflektierte Emotion keineswegs beeinträchtigt. Vielmehr stellen postulierte Neutralität und ein aufgesetztes sine ira et studio ein Hindernis für das Verstehen dieses Teils der Zeitgeschichte dar.

Für die Darstellung des Reaktorunfalls habe ich verwendet: Franz-Josef Brüggemeier, Tschernobyl, 26. April 1986. Die ökologische Herausforderung, München 1998, S. 7ff.

Ob dass Entstehen der weltweiten Öko-Bewegung aus Emotionen zu erklären ist, diskutiert: Joachim Radkau, Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, München 2011, S. 1

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