Warum in Japan? Joachim Radkau über Umweltbewußtsein, Risikokultur und Atomkraft

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Die ZEIT führte am 17.3.11 ein Interview mit dem Technik- und Umwelthistoriker Joachim Radkau (Bielefeld). Darin geht Radkau unter anderem auf die Frage ein, warum sich in Japan im Vergleich zu Deutschland keine starke Anti-Atombewegung ausbildete. Dem entfernten Beobachter stellen sich in diesen Tagen viele Fragen über die vermeintliche „Technikgläubigkeit“ der Japaner, ihre Risikokultur angesichts der langen Erdbebenerfahrung, oder die Nachwirkung von Hiroshima und Nagasaki. Radkau stellt sich diesen Fragen, diskutiert sie, hinterfrägt gängige Stereotypen und bietet Hypothesen an, um die Fragen zu beantworten.

Daigo Fukuryu Maru (Glücklicher Drache V). Das japanische Fischerboot wurde im März 1954 bei einem US-amerikanischen Atombombentest verstrahlt. Alle 23 Besatzungsmitglieder erkrankten an der Strahlenkrankheit. Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain

Radkau hatte sich 1980 mit einer umfangreichen Studie zur Atomwirtschaft und Atomtechnik habilitiert (Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft 1945-1975. Verdrängte Alternativen in der Kerntechnik und der Ursprung der nuklearen Kontroverse. Reinbek 1983). Darin arbeitete er unter anderem die historische Pfadabhängigkeit der Atomtechnik in der Nachkriegszeit heraus, die sich u.a. an dem Vorbild der Kohlemeiler orientierte. Zugleich weist er auf den erschreckend hohen Anteil der PR-Kosten im Vergleich zu den Sicherheitskosten hin, den die Atomwirtschaft bereits vor 1980  verausgabte. 2002 veröffentlichte er eine globale Geschichte der Mensch-Natur-Beziehung (Natur und Macht, München 2002) und 2011 eine Geschichte der weltweiten Umweltbewegung (Die Ära der Ökologie, München 2011). Radkaus Bücher sind umfassende Erörterungen, die Erklärungsvarianten bis ins Detail ausloten und dabei durch eine umfassende Literaturkenntnis mit Schwerpunkt auf Fallstudien überzeugen. Sie bieten keine klaren Erklärungen und einfachen Lösungen, sondern hinterfragen gängige Erklärungsmuster. Sie bestätigen den Leser nicht – wie viele Geschichtsbücher am Sachbuchmarkt, sondern sie regen zum Denken an. Das macht sie enorm lesenswert.

Weitere Historikeranalyse zur Atomkraft in Japan:

Sebastian Conrad weist in der SZ vom 26.3.11 auf die Anti-Atom-Waffenbewegung in Japan hin.

Frank Uekötter reflektiert im History News Network der George Mason University die Technik der Leichtwasserreaktoren und warnt vor der Resilienz der Atom-Lobby.

 

 

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