Die Linkspartei und ihre Geschichte (3)

by

Amédée Bourgeois: Prise de l'Hôtel de ville - le Pont d'Arcole (20. Juli 1830), Public Domain, Q: Wikimedia Commons

III. Die bürgerlichen Revolutionen und die Emanzipationsbewegungen im 19. Jahrhundert

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit: Der historische Abschnitt des Programmentwurfs erinnert an die Verdienste der „bürgerlichen“ Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts – ihre Erfolge gegen die Dogmen der Religionen und die Privilegien des Adels. Und er stellt die Linke in die Tradition von Humanismus und Aufklärung. Damit wendet sich der Entwurf gegen jede Fixierung auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Dimension wird damit größer, welthistorischer.

Es ist gut, die Fixierung auf das 20. Jahrhundert aufzugeben, um zu zeigen, wo die Aufklärung hin wollte und noch immer hin will. Und selbstverständlich gehören zum Beispiel Naturrechtler wie Samuel von Pufendorf oder Christian Thomasius zum Erbe der menschlichen Emanzipationsbewegung. Pufendorf und Thomasius begannen schon früh, den Weg zur Gleichstellung von Männern und Frauen zu ebnen. Aber konzeptionell wäre der Abschnitt über das 18. und 19. Jahrhundert noch zu verbessern.

Durchbruch der modernen Welt und des kapitalistischen Weltsystems

Mich überzeugt zum Beispiel die offizielle Begründung nicht, warum wir die Aufklärungszeit mit in den Blick nehmen sollten. Da heißt es im Text:

Humanismus und Aufklärung, Menschenrechte und Demokratie waren bestimmend für die Arbeiterbewegung und die Frauenbewegung. Sie forderten die Verwirklichung von Recht und Freiheit für alle Menschen. Doch erst die Befreiung aus der Herrschaft des Kapitals verwirklicht die sozialistische Perspektive der Freiheit und Gleichheit für alle Menschen. Dies haben insbesondere die sozialistischen Theoretiker Marx und Engels gezeigt.

Es greift aber viel zu kurz, Humanismus und Aufklärung als „unwissende“ Vorläufer der Arbeiter- und Frauenbewegung vorzustellen. Sofern Humanismus und Aufklärung hier überhaupt Epochenbegriffe sind. Wenn wir Humanismus und Aufklärung als „Bewegung“ verstehen, sind diese noch nicht abgeschlossen. Die Entscheidung, ob man Epoche oder Bewegung meint, erscheint vielleicht kleinlich, macht aber einen großen Unterschied. – Bei der gedrängten Darstellung im historischen Abschnitt kann nicht alles dargestellt werden. Umso wichtiger ist es dann, Satz für Satz durchzugehen und präzise festzuhalten, was eigentlich gemeint ist.

Was ist gemeint? Der Ansatz, diese Humanismus und Aufklärung, auch die bürgerlichen Revolutionen, als Bewegung zu verstehen, bringt uns am weitesten. Schließlich ist die politische Linke aus der Aufklärungs- und Humanismusbewegung heraus entstanden. Sie ist in dieser Perspektive eine Abspaltung und Teil eines umfassenderen Projekts.

Wann beginnt dieses Projekt? Die Setzung der bürgerlichen Revolutionen bleibt im Text unvermittelt. Könnte man mit gleichem Recht nicht zeitlich früher einsetzen? Etwa in der Frühen Neuzeit oder im späten Mittelalter?

Man muss wahrscheinlich nicht weiter erklären, dass die Zeit des Humanismus und der Aufklärung im Positiven wie Negativen die moderne Welt hervorbrachte. Aber was bedeutet moderne Welt? Im beginnenden „Wissenschaftlichen Zeitalter“ ändert sich das Verhältnis des Menschen zur Natur so grundlegend wie zuletzt zur Zeit der neolithischen Revolution. Die Handlungsspielräume des Menschen als Sozialwesen erweitern sich in bislang nie dagewesenen Dimensionen. Die Verhältnisse zwischen den Menschen werden zunehmend warenförmig umgestaltet. Und man begriff, dass der Mensch nicht nur seine Umwelt, sondern auch seine Gesellschaft aktiv gestalten kann. Mit dieser kollektiven Erfahrung entwickelt sich die bürgerliche Weltanschauung in vielen großen und kleinen Kämpfen und setzt sich durch. Unser heutiges Verständnis, von Arbeit, Freiheit, Staat, Wirtschaft, Familie u.v.a.m. formte sich aus.

Nicht zuletzt wird der Kapitalismus als neues Wirtschaftssystem eingeführt. Die Gesellschaft wird immer wieder umgestaltet, neue Klassen bilden sich. Die Menschen erleben den zerstörerischen Charakter dieses von ihnen mitgestaltete Systems, das gleichzeitig soviele Fortschritte ermöglicht. Marx und Engels sind hier wegweisende  Pioniere in einem umfassenden kollektiven Lern- und Gestaltungsprozesses, der von Widersprüchen, Klassenkämpfen und Kriegen, von Verdinglichung und Subjektivierung, geprägt ist.

Das Absurde: Bis heute ist dieses System allgemein nicht verstanden. Auch die politische Linke ringt um Deutungen und Begriffe. Diesen Zusammenhang darzustellen, würde das Grundsatzprogramm einer politischen Partei weitgehend sprengen oder zumindest einen ganz anderen Aufbau voraussetzen. Aber man kann zumindest den Durchbruch des kapitalistischen Weltsystems und die damit verbundenen Probleme zum Ausgangspunkt nehmen.

Widerspruch von Aufklärungsidee und sozialer Wirklichkeit als Ausgangssituation

Oder man kann diese Metaebene komplett ausblenden und sich auf die Emanzipationsbewegungen konzentrieren. Aber auch dann sollte den geschichtlichen Verlauf nicht nur aneinanderreihen. Sonst produziert man die Vorstellung, dass sich Geschichte irgendwie ereignet. Man könnte auf die Bedeutung von Klassenkämpfen verweisen oder man zeigt auf die Widersprüche, die seit der Aufklärung verarbeitet werden müssen.

„Alles Denken der sozialen Bewegung nimmt seinen Ausgang von den großen Ideen der Aufklärungsphilosophie“, schreibt Werner Hofmann (1971, 8 ) in seiner Ideengeschichte der sozialen Bewegungen. Jeremy Bentham (1748-1832) fordert, „das größte Glück der größten Zahl“ von Menschen zu verwirklichen. (ebd.) Das steht aber im Widerspruch zum bekannten ökonomischen System, genauer zu den realen gesellschaftlichen Verhältnissen und ihrer ökonomischen Machtbasis. Doch dieser Gegensatz von Hoffnung und Wirklichkeit wird zur Triebkraft des sozialen Denkens. Bertolt Brecht schrieb einmal den bekannten Satz „Die Widersprüche sind unsere Hoffnung“. Das ist es. Historikerinnen und Historiker sollten diese Widerspruchserfahrungen und das Ringen um Selbstbestimmung und Handlungsspielräume in seinen vielfältigen Dimensionen immer wieder aufzeigen. Auch und gerade in einem Text mit dem Titel „Woher wir kommen, wer wir sind“.

Emanzipation von Beginn an ein umfassendes Projekt

Der Programmentwurf wäre auch präziser, wenn er stärker darauf verwiese, dass thematisch die soziale Frage, genauso wie Sexismus oder Rassismus, die Frage der politisch-rechtlichen Gleichstellung seit der Aufklärung immer wieder Themen von Emanzipationsbewegungen waren. Dabei geht es mir nicht darum, unhistorisch Bewegungen und Themen gleichzustellen, sondern zu einem ganzheitlicheren Verständnis von Gesellschaft und Emanzipationsbewegung zu kommen. Im Entwurf ist dieser Zugriff bereits angelegt, wie diese Passage zeigt:

Im 19. Jahrhundert organisierten sich Arbeiterinnen und Arbeiter in Gewerkschaften. Sie setzten der Ausbeutung durch das Kapital Widerstand entgegen, um ihre Interessen durchzusetzen. Sie kämpften für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen, für höhere Einkommen und Mitbestimmungsrechte. Sie bildeten Genossenschaften und Vereine, um Alltag und Freizeit solidarisch zu gestalten und Kultur- und Bildungsansprüche zu verwirklichen.

Dieser Satz ist gut, aber wird erst sinnvoll, wenn wenigstens in einem Halbsatz erklärt wird, dass Emanzipation nicht nur soziale Gleichstellung meint und dass es immer ein Problem war, alle diese Gesichtspunkte programmatisch zu vereinen. Denn in einer Zeit, in der viele Projekte und Organisationen bewusst nebeneinander existieren, in der sich viele nicht mehr in einer einzigen Partei oder Gewerkschaft organisieren wollen, sondern solidarisch kooperieren lernen müssen, ist es wichtig, die politische, kulturelle und soziale Heterogenität der historischen Bewegungen wenigstens anzudeuten. Heute erscheint uns die Sozialdemokratie des 19. Jahrhunderts als weitgehend einheitlicher Block. Ausgeblendet werden dabei die Schwierigkeiten, eine  im besten Sinne plurale Gegenkraft zu organisieren. Im derzeitigen Entwurf erscheint das alles zu selbstverständlich. Auch hier reicht eigentlich ein Satz um die Brücke zu den heutigen Herausforderungen zu schlagen.

Institutionalisierung und Bürokratisierung als Problem

Damit wären wir auch schon bei einem letzten Punkt. Ganz selbstverständlich wird gesagt:

Mit der zunehmenden Politisierung der Arbeitermilieus entwickelte die Arbeiterbewegung auch ihre politischen Interessenvertretungen. Diese wurden von der Staatsmacht mit Zuckerbrot und Peitsche, mit Sozialreformen und Sozialistengesetz heftig bekämpft. Trotzdem wurde die Sozialdemokratie an der Schwelle zum 20. Jahrhundert in Deutschland zu einer mächtigen politischen und kulturellen Kraft, deren Traditionen uns Verpflichtung sind.

Ist diese Tradition so einfach zu übernehmen? Tatsächlich verbirgt sich dahinter ein großes politisches Problem, die sogenannte „Organisationsfrage“. Die Entwicklung einer integrierenden  Organisation mit einem Apparat, einem Gedächtnis ist einerseits für die langfristige Durchsetzung von Zielen unentbehrlich. Gleichzeitig wird die Organisierung zum Problem, wenn etwa Massenparteien und ihre Funktionäre Teil des Herrschaftssystems werden, weil sich unter anderem Perspektiven, Sozialisationen und Abhängigkeitsverhältnisse verändern. Das Gewinnen von Wahlen und die Besetzung von Positionen, die Übernahme des Staates und die Bildung und der Schutz von Apparaten wird schnell zum Selbstzweck. Diese tödlichen Gefahren zeigte die folgende Epoche.

Demnächst weiter mit Teil 4.

Teil 1, Teil 2

Literatur:

Hofmann, Werner (1971): Ideengeschichte der sozialen Bewegung, 4.Auflage, Berlin/New York.

Advertisements

Schlagwörter:

Eine Antwort to “Die Linkspartei und ihre Geschichte (3)”

  1. Die Linkspartei und ihre Geschichte (2) « kritische geschichte Says:

    […] Weiter demnächst mit Teil 3. […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: