Vorsicht! Nachhaltig – oder: Was uns die Umweltgeschichte der Aufklärung über globale Umweltdebatten verraten kann

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Ausschnitt aus dem Titelblatt zu. Georg Grünberger, Lehrbuch für die pfalzbaierischen Förster, Bd. 1, München 1788.

Ein Forstexperte erklärt Waldvermessung: Ausschnitt aus dem Titelblatt zu. Georg Grünberger, Lehrbuch für die pfalzbaierischen Förster, Bd. 1, München 1788.

Der Weltklimagipfel in Cancún geht in die heiße Phase und zum Erstaunen vieler zeichnet sich ein Klimaabkommen ab, dass tatsächlich umfassend und inklusiv wirken könnte. Nicht nur die Europäer und einige andere Industriestaaten verpflichten sich zur CO2 Reduktion – die USA aber auch Schwellenstaaten wie China oder Indien könnten mit an Bord sein. Für die Minimalemittenten im Süden, die einen großen Teil der Zeche zahlen, die durch den Temperaturanstieg fällig wird, können Kompensationen und Technologietransfermaßnahmen vereinbart werden. So weit, so optimistisch. Allerdings haben die Erdreparaturprogramme (M. Hall) der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass Win-Win-Situationen höchst selten sind. Selten sitzen alle Akteure und Betroffenen am Tisch, noch seltener werden alle wichtigen Probleme und Folgen diskutiert, häufig entstehen neue Ungleichgewichte. Der Blick auf die Geschichte von Umweltreformen lohnt daher und macht sensibel für die Tücken ökologischer Debatten. Vor allem auf lange Sicht werden die Folgen nicht nur von Umweltzerstörung, sondern auf von Versuchen sie zu beseitigen, sichtbar. Ich will dies am Beispiel der Debatte um Nachhaltigkeit im 18. Jahrhundert demonstrieren. In größeren Abständen sollen in diesem Blog dann weitere Elemente einer Geschichte der Nachhaltigkeit erscheinen.

Der „Erfinder“ des Begriffs Nachhaltigkeit Hanns Carl von Carlowitz ist nicht der singuläre Vordenker, den Forstwissenschaftler, Ökologen und Umweltschützer in ihm zu finden glaubten. Ihnen galt er als Begründer einer Denktradition, die nichts weniger als die Versöhnung des Menschen mit seiner Umwelt und womöglich die Rettung der menschlichen Lebensgrundlage bedeute. Die Wissenschaftsgeschichte hat sich mittlerweile von der „invention of tradition“ über den Rückbezug auf „große Männer“ der Vergangenheit weitgehend verabschiedet. Allerdings kann Carlowitz als typischer Akteur einer aufgeklärten Umweltreformbewegung gelten, deren inhaltliche Positionen, Sprache und Politik in ein Netz von Machtbeziehungen und politischen, ökonomischen wie kulturellen Interessen eingewoben waren. Carlowitz und mit ihm viele andere Gelehrte und Hofbeamte, die sich im 18. Jahrhundert an der Nachhaltigkeitsdebatte beteiligten, verkörperten den Aufstieg der Experten, des wissenschaftlichen und doch staatsnahen Wissens, der Verstaatlichung von Umweltressourcen und überhaupt des bürokratischen Territorialstaats. Sie waren Kameralisten, die sich auf die intensive und ertragreiche Ausbeutung der Güter der Fürsten konzentrierten, und Vertreter der „guten Policey“, die in der obrigkeitlichen Ordnung des öffentlichen Lebens und Wirtschaftens die „Glückseeligkeit“ Aller zu erreichen glaubten. In der Natur sahen sie ein ursprüngliches Chaos am Werk. Die Aufgabe des aufgeklärten Menschen war es, Ordnung zu schaffen – um die Effizienz der Ausbeutung zu steigern.

Carlowitz, kursächsischer Oberbergmeister und zuständig für die Bergwerke im Erzgebirge, beabsichtige daher vor allen zwei grundlegende Probleme zu lösen, als er 1713 in einer Denkschrift zu ersten Mal von „nachhaltender Nutzung“ sprach.

Da „ja ausser Zweifel ist, daß die wundervollen und schönen gehölze bisher der größte Schatz vieler Länder gewesen sind, so man vor unerschöpflich gehalten; ja man hat es unzweifelhaft vor eine Vorraths-Kammer angesehen, darinne die meiste Wohlfahrt und Aufnehmen dieser Lande bestehen und sozusagen das Oraculum gewesen, daß es ihnen an Glückseligkeit nicht mangeln könnte, indem man dadurch so viele Schätze an allerhand Metallen habhaft werden könte; Aber da der unterste Theil der Erden sich an Ertzen durch so viel Mühe und Unkosten hat offenbar machen lassen, da will nun Mangel vorfallen an Holz und Kohlen dieselben zu machen; Wird derhalben die große Kunst, Wissenschaft, Fleiß und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen wie sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen, daß es eine kontinuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe, weiln es eine Sache ist, ohne welche das Land in seinem Effe nicht bleiben mag.“ (Carlowitz, 1713, 105f.)

Einerseits galt es Ordnung und Verlässlichkeit in die natürliche Reproduktion der zentralen Energieressource der Zeit, die Wälder, zu bringen. Zum anderen musste die Bevölkerung in ihrem Agieren in den Wäldern kontrolliert und diszipliniert werden. Ihre Ökonomien mussten reformiert und an den wirtschaftlichen Interessen der fürstlichen Großbetriebe ausgerichtet werden. Im Kern antwortete der Nachhaltigkeitsbegriff der Aufklärung auf einen Nutzungskonflikt zwischen Großbetrieben, die auf Brenn- und Bauholz angewiesen waren, und lokalen Dorfökonomien, die mit den lokalen Wäldern innig verflochten waren und die Waldressourcen zur Viehweide, zur Nahrungsergänzung, als Energieträger und als Baustoff nutzen. Dass sich der Nachhaltigkeitsdiskurse allerdings aus dem Kontext der Bergwerke und Salinen löste, lag an den Möglichkeiten, die er für den Prozess der Staatsbildung und für die noch keineswegs elitäre oder gefestigte Rolle aufgeklärter Gelehrter bot. Über Nachhaltigkeit konnte Herrschaft und zentralstaatliche Machtausübung legitimiert werden und zwar an den bisher weitab von den Höfen liegenden Peripherien, in den weitläufigen Waldgebieten, in den Mittelgebirgen und Grenzgebieten. Hier wurden schon seit dem 16. Jahrhundert Forstordnungen erlassen und mittelfristig – zwischen 1750 und 1850 – durch Forstbeamte und Forstämter auch die Mittel zu ihrer Durchsetzung geschaffen. Die Gelehrten, die sich wegen ihres praxisfernen – auf Theologie und Klassifikation der Natur bezogenen – Wissens rechtfertigen mussten, konnten sich als Experten inszenieren und hatten mit der nachhaltigen Bewirtschaftung der Wälder das passende Thema gefunden. Die Vorsorge für zukünftige Generationen diente auch der klaren Abgrenzung innerhalb der eigenen Gesellschaft. Dass Nachhaltigkeit und effiziente Ressourcennutzung nicht der Bevölkerung selbst überlassen werden konnte, wurde von den neuen Experten betont.

Als Theoretiker fordere ich „hier muthig einen jeden Practiker auf, ein gleiches zu leisten. Aber wie soll er es anfangen, eine Sache zu behandeln, die für jeden Staat, für eine jede Weltgegend, für jedes Erdreich passend seyn sollte? Er der gleich einer Spinne, die außer ihrem Netz überall fremde ist, oder einer Biene, die nichts als ihre Zelle kennt, auf einem jeden Boden, den er nicht bearbeitet hat, so wenig als eine Schnecke außer ihrem Hause fortkömmt? Er der es nicht fassen kann, das man das Feld in China  nach ebenden unwandelbaren Gesetzen bauen müsse, welche man bey uns zu beobachten hat.“ (Schrank, 1781, 16)

Die Interessen von Herrschaft und Wissenschaft konvergierten in diesem Punkt in auffälliger Weise. Überhaupt konnte das Zukunftsprojekt Nachhaltigkeit im 18. Jahrhundert nur über den Umweg der Vergangenheit entwickelt werden. Die Sorge für die kommenden Generationen ließ sich am besten über die Figur des Rückständigen und des Zurückgebliebenen darstellen. So erschien der gemeine Landmann in den Texten der Reformer als Barbar und angehöriger einer niedrigeren Zivilisationsstufe. Im aufgeklärten Wald begegneten die Männer der Zukunft und Ewiggestrige.

„[Der Hirtenstand] ist noch ein Überbleibsel der vorigen Barbarey der Menschen und Völker. Ehe die Menschen sich feste Wohnungen bauten, und also zu mehr Ruhe und Bequemlichkeit in gewissen Gegenden niederließen, wanderten sie immer hin und her, [… ]: sie waren daher blos wilde Jäger und Hirten, das ist, Barbaren, wie es noch heut zu Tage in unkultivierten Ländern solch herumziehende, und also noch in der Barbarey steckende Völker in Menge giebt.“ (Hazzi, I, 1804, 5f.)

Dass die Nachhaltigkeitsdebatte im 18. Jahrhundert noch primär in der Theorie, in der Studierstube oder den Hofkammern geführt wurde, heißt nicht, dass dieser ökologische Diskurse nur symbolische Kommunikation war, die sich um sich selbst drehte und Kritik lediglich absorbierte. Hier entstand ein Reformprogramm, dass im 19. Jahrhundert umgesetzt werden sollte und zu massiven sozialen Konflikten und Schieflagen führte.

Zu erwähnen ist sicherlich, dass sich in der Debatte um Nachhaltigkeit im 18. Jahrhundert auch Kritiker zu Wort meldeten. Sie zweifelten, ob die einfachen Aufforstungskonzepte der komplexen Ökologie der Wälder gerecht würden. Und sie benannten die zwei Kernprobleme von „Nachhaltigkeit“: Erstens, die Frage der knappen Verteilung der Ressourcen zwischen gesellschaftlichen Gruppen und zweitens die Interessenkonflikte zwischen gegenwärtigen und zukünftigen Generationen. Im 18. Jahrhundert waren vor allem diejenigen betroffen, die auf dem Land von der Viehzucht lebten:

„Der Mangel des Holzes wird vermutlich die Nachkommen drücken, der Abgang an Weyde fällt augenscheinlich den Lebenden zu Last. Ohne Vieh kann die Wirtschaft auf dem Lande nicht bestehen, und ohne Weyde kann kein Vieh gehalten werden […] Es mag nun eine solche Hauung angelegt werden wo sie will, sie wird vielfältig solche Örter treffen, wo die nächstgelegenen Dörfer ihren Viehtrieb haben, und diese sind sodann ruinirt.“ (Moser, I, 1757, 119)

Die „Nachhaltigkeit“ der Aufklärung war Teil des Staatbildungsprozesses, der anderelokalere Herrschaftsbeziehungen ablöste, und sie war das Projekt einer neu entstehenden Elite – des wissenschaftlich argumentierenden, staatsnahen Expertentums. Und sie war vor allem Teil einer Aushandlung über den Zugang zu Umweltressourcen zwischen gesellschaftlichen Gruppen – viel mehr ein politischer Begriff als ein neutrales, wissenschaftliches Konzept.

Der Blick auf die Umweltgeschichte der Aufklärung soll heutige Umweltreformen keineswegs diskreditieren und kann es auch gar nicht – derlei direkte Linien von einer entfernten Vergangenheit in eine brisante Gegenwart wären erfundene Traditionen, die uns wenig über die Vergangenheit oder Gegenwart, als vielmehr über die Erfinder verraten. Allerdings können sie uns m. E. sensibel machen für die politische ‚Natur‘ ökologischer Konzepte. In internationalen Umweltreformdebatten werden politische Machbeziehungen, der Zugang zu Ressourcen für verschiedenste Akteure, die gesellschaftliche Rolle von Experten, die Leitfunktion einzelner Wissenschaftszweige ausgehandelt. Häufiger werden Machtpositionen konserviert, als Ungleichgewichte ausbalanciert – dies dürfte sich etwa zeigen, wenn in Cancun Transferleistungen für kaum industrialisierten, wenige CO2 emittierenden Länder des Südens beschlossen werden. Führen Technologietransfers und Ausgleichszahlungen wirklich zu mehr Teilhabe und Unabhängigkeit dieser Staaten auf internationaler Ebene? Eine weitere Frage die sich – mit der Umweltgeschichte der Aufklärung im Hinterkopf – stellen lässt: Wie werden die Beschlüsse in den jeweiligen Gesellschaften umgesetzt? Wer leidet unter den Energiesparmaßnahmen, wer wird verschont, wer profitiert? Umweltreformen sind weit komplexer, wenn um ihre Umsetzung geht, und wenn man sich den naturwissenschaftlichen Anforderungen an eine nachhaltige Klima- und Umweltpolitik löst und man sie auf der Ebene der alltäglichen Aushandlungen als Problem der gerechten Verteilung von Chancen und Lasten begreift. Umweltdebatten und die entstehenden Vertragswerke erweisen sich als wichtigen Motoren für den Aufbau transnationaler, wenn nicht globaler Herrschaftsräume – ähnlich wie für den Staatsbildungsprozess im 18. Jahrhundert. Diese neue Ebene von Regulierung sozialer Beziehungen ist wahrscheinlich unabdingbar, wenn die realexistierenden Umweltprobleme sinnvoll gelöst werden sollen – allerdings ist dieser Prozess kein Selbstläufer, sondern bedarf der Kritik einer Öffentlichkeit die sich am Maßstab der gerechten Lastenverteilung orientiert.

Zitierte Literatur:

Carlowitz, Hanns Carl von: Sylvicultura Oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht, Leipzig 1713.

Hazzi, Joseph von: Katechismus der baierischen Landes-Kulturgesetze sammt einem Unterricht der Landwirtschaft für das Landvolk, auch zum Gebrauch für Richter und Rechtsanwälde, Volks- und Schullehrer, 2 Bde., München 1804–1805.

Moser, Wilhelm Gottfried: Grundsäze der Forst-Oeconomie, 2 Bde., Frankfurt/Leipzig 1757.

Schrank, Franz von Paula: Abhandlung von dem Nutzen der Theorie in der Landwirtschaft, in: Abhandlungen der landwirtschaftlichen Gesellschaft zu Burghausen 2 (1780–1790), S. 1–26.


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