Dahin gehen, wo’s wehtut

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Und erstmal erzählen, bevor man sich abgrenzt. Drei Thesen zu einer „kritischen Geschichte“ der Bundesrepublik und ihrer Kritiker.

Auch mal die anderen als Radikale im öffentlichen Dienst analysieren: Hans Globke in seinem Büro 1963. Deutsches Bundesarchiv, Commons Bundesarchiv

„Kritische Geschichte“ heißt für mich, ans Eingemachte zu gehen. Und zwar nicht nur an Orte, für die sich der „Mainstream“ aus allerlei politischen und wissenschaftlichen Gründen nicht sonderlich interessiert, sondern auch an solche, wo er sich nicht so recht hintraut.

Wer so richtig kritisch sein will, kann sogar noch einen Schritt weitergehen. Und bei „Mainstream“ nicht nur an die in Forschung und Feuilleton herrschende Meinung denken, über die sich so trefflich schimpfen lässt, sondern auch an solche Themen und Ansätze, für die sich als kritisch verstehende Historikerinnen und Historiker aus allerlei Gründen bisher nicht sonderlich interessiert haben. Oder eben an solche, an die sie sich noch nicht so recht ran trauten.

Bei dieser Gelegenheit kann auch reflektiert werden, ob das Desinteresse des „Mainstreams“ an „kritischen Studien“ tatsächlich nur auf dessen politische Beschränktheit zurückzuführen ist oder nicht auch hausgemacht sein könnte. Ob es nicht auch „kritische“ Ansätze und Themen gibt, die so „wichtig“ sind, dass sie auch von Historikern wahrgenommen werden müssen, die sich ansonsten nicht die Bohne für Studien aus dem linken Spektrum interessieren.

Ich will anhand von drei Thesen zur westdeutschen Zeitgeschichte illustrieren, was ich meine. Das Ganze ist natürlich höchstsubjektiv und basiert fast ausschließlich auf Eindrücken, die ich beim zur Diskussion Stellen einer Doktorarbeit zur Geschichte der „streitbaren Demokratie“ seit 1945 gewonnen habe. Besonders weit ist der Tellerrand also nicht.

Die erste These betrifft einen Zeitabschnitt, für den sich „kritische“ Zeithistorikerinnen und Zeithistoriker meiner Ansicht nach zu wenig interessieren. Sie lautet, dass gegen die „Erfolgsgeschichtsschreibung“ à la Winkler und den daran anschließenden Die-DDR-war-nur-ne-Fußnote-Diskurs nur dann wirkungsvoll angestunken werden kann, wenn die Kritik nicht erst bei den Deutungskämpfen um „1968 und die Folgen“ ansetzt, sondern viel früher: im nur scheinbar gut aufgearbeiteten ersten Nachkriegsjahrzehnt.

Die zweite These betrifft die Themenwahl. Sie lautet, dass sich „kritische Geschichte“ nicht in der Rekonstruktion „linker Geschichte“ erschöpfen bzw. die Archive und Zeitzeugen aus anderen politischen Formationen nicht ganz dem „Mainstream“ überlassen sollte.

Die dritte These betrifft die „linke Geschichte“ selbst. Sie lautet, dass sich die „kritische Geschichte“ so langsam auch an jene politischen Kräfte herantrauen sollte, deren Bedeutung in einem krassen Missverhältnis zu dem Wenigen steht, was man „als Historiker/in“ über sie weiß: die KPD, die DKP und ihre vielen, vielen Vorfeldorganisationen.

1. Die „Erfolgsgeschichte“ bei den Wurzeln packen

Die Doktorarbeit, von der schon die Rede war, hätte eigentlich eine Geschichte des Radikalenbeschlusses von 1972 und der durch die Berufsverbote provozierten Proteste werden sollen, und zwar sowohl in der Bundesrepublik als auch im ehemals besetzten westlichen Ausland. Irgendwann kam ich jedoch auf den Trichter, dass ich den Beschluss, die Art seiner Umsetzung und die mitunter hysterisch geführten Debatten über „Radikale im öffentlichen Dienst“ nicht verstehen – nicht sinnvoll historisieren – würde können, solange ich keine wirkliche Ahnung davon hatte, wie die „streitbare Demokratie“ in den Jahren davor funktionierte.

Und ich muss sagen, der Umweg hat sich gelohnt. Mir wurde klar, dass das erste Parteiverbot in der westdeutschen Geschichte nicht der Sozialistischen Reichspartei galt, sondern der NSDAP und ihren Vorfeldorganisationen, die mitsamt der Wehrmacht und politischen Polizeien wie der Gestapo als „verbrecherische Organisationen“ aufgelöst wurden. Und ich verstand erstmals, dass nicht etwa die Kommunisten die mit Abstand größte Zahl der westdeutschen „Berufsverbotsopfer“ stellten, sondern die ehemaligen Bediensteten des „Dritten Reiches“, von denen im Jahr 1945 mehr als 53.000 auf die Straße gesetzt oder interniert wurden. Aus Angst, sie würden dereinst als subversive „Radikale im öffentlichen Dienst“ agieren. Ermittelt wurden die „unsicheren Kantonisten“ der unmittelbaren Nachkriegszeit noch nicht durch eine „Regelanfrage“ beim Verfassungsschutz, dessen Personalstock ja noch im Internierungslager saß, sondern ganz altmodisch, per Fragebogen.

Gegen „Verfassungsfeinde“ im heutigen Sinn, also gegen „Links- und Rechtsextreme“, wandte sich die „streitbare Demokratie“ erst, als all diese Leute mit Heraufziehen des Kalten Krieges sukzessive zurückgekehrten und „einen recht kurzen Marsch durch die deutschen Institutionen“ absolvierten, „woselbst sie sich bald einnisteten.“ (Jean Améry). Als Staatsanwälte und Richter, Polizisten und Verfassungsschützer, Ministerialbeamte und Staatsrechtslehrer sorgten sie jetzt dafür, dass es mit einem Mal „undemokratisch“ und „unrechtsstaatlich“ war, wenn jemand auf die bis eben noch sehr naheliegende Idee kam, die massive Präsenz von „Ehemaligen“ in den Institutionen des Rechtsstaats als „Gefährdung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ zu bezeichnen.

Damit war es jetzt vorbei. Wenn einstige NS-Archivare im Bundesarchiv den Zugang zu kompromittierenden Akten blockierten, wurde dies, wenn überhaupt, unter „Vergangenheitsbewältigung“ abgeheftet. Die Label „Unterwanderung“ und „Verfassungsfeinde im öffentlichen Dienst“ dagegen blieben von nun an einzig und allein für Menschen reserviert, denen man zu Recht oder zu Unrecht eine Nähe zur KPD unterstellte.

Das war auch insofern nur logisch, als es dabei um den einzigen politisch halbwegs relevanten Personenkreis handelte, der nicht an die neue Sprachregelung hielt. Wenn diese Menschen gegen die „Wiederbewaffnung“ auf die Straße gingen oder in Zeitungen und Flugblättern über die „Renazifizierung“ des öffentlichen Dienstes informierten, dann wurden Namen genannt. Es wurde mit dem Finger auf Staatsanwälte und Richter, Polizisten und Verfassungsschützer, Ministerialbeamte und Staatsrechtslehrer gezeigt und daran erinnert, dass man 1945 noch jeden für wahnsinnig erklärt hätte, der ihre unterschiedslose Reinkorporation befürwortete. Vielleicht hätte man ihn auch als unbelehrbaren Neonazi ins Gefängnis gesteckt.

Dies ist auch der Grund, weshalb der westdeutsche Antikommunismus viel virulenter war als etwa sein amerikanisches Pendant. In den USA der McCarthy-Ära wurden Kommunisten in erster Linie aus ideologischen und strategischen Gründen bekämpft – weil der Marxismus vielen als „unamerikanisch“ galt und die Friedensbewegung durch ihr Herumreiten auf der Kriegsverbrecherfrage die Anbindung der Bundesrepublik in das westliche Bündnis gefährdete.

Zusätzlich dazu hatten die westdeutschen Staatsschützer ein persönliches, sehr materielles Interesse daran, dass zensiert oder durch Strafverfolgung mundtot gemacht wurde, wer daran erinnerte, dass die selbsternannten Verteidiger der Grundordnung eben noch – um es mit mit den diplomatischen Worten Alfred Grossers zu sagen – „als Verteidiger der Demokratie versagt“ hatten.

Basierend auf zivilgesellschaftlichen Denunziantentum und einem gut geölten Zentralregister wurde in der Adenauer-Ära ein System der „inneren Sicherheit“ etabliert, gegen die der Staatsschutz der siebziger Jahre geradezu harmlos erscheint. 1975 gab es etwa 3.500 polizeilich abgeschlossene Staatsschutzermittlungen. Zwischen 1958 und 1964 lag die Zahl bei 10.000 pro Jahr – wobei man sich vergegenwärtigen muss, dass es sich bei vielen Betroffenen um Nazigegner gehandelt haben dürfte, die von ihren einstigen Peinigern erneut verfolgt wurden. Insgesamt wurden vor der Liberalisierung des politischen Strafrechts und der Tolerierung der DKP im Jahr 1968 über 125.000 politische Ermittlungsverfahren eingeleitet. Rechtskräftig verurteilt wurden zwar nur etwas mehr als 6.000 von ihnen (im Gegensatz zur DDR, wo in vierzig Jahren mehr als 200.000 politische Haftstrafen erlassen wurden), doch verloren im Westen wohl Zehntausende schon aufgrund des Ermittlungsverfahrens ihren Job, ihre Wiedergumachungsansprüche, manche auch ihre Mietwohnung und ihren Führerschein – mithin also die materiellen Grundlagen ihrer Existenz.

Dies lief natürlich alles ganz gesittet ab, mit Rechtsbeiständen wie Gustav Heinemann, die bald selbst als „Verfassungsfeinde“ diffamiert und überwacht wurden. Und der theoretisch bestehenden Option, mit dem eigenen Fall durch die Instanzen zu ziehen. Bei dem Personalstock keine gute Idee. Dann doch lieber abschwören. Oder rübermachen. Raus aus dem Regen, rein in die Traufe.

Ich kann jetzt nicht im Einzelnen ausführen, wie sehr mir die Kenntnis dieser „Vorgeschichte“ dabei geholfen hat, die Hysterien und Auswüchse der „Radikalendebatte“ in den siebziger Jahren zu verstehen. Wichtiger erscheint mir an dieser Stelle die Einsicht zu sein, dass es sich mitunter lohnt, die „Erfolgsgeschichte“ bei den Wurzeln zu packen und nicht erst an ihren 68er-Verästelungen.

Natürlich ist es gut möglich und sogar wahrscheinlich, dass sich andere Themen weniger gut als Beleg für die erste These eignen. Ein Freibrief zur Untätigkeit sollte diese Annahme aber nicht sein.

2.  Nicht nur auf die Linke gucken

Der eine oder die andere wird jetzt vielleicht sagen, dass all dies „für Linke“ doch ein alter Hut ist; dass man es sich so oder so ähnlich schon gedacht hat oder es vielleicht sogar wusste, von Wolfgang Abendroth etwa oder aus Alexander von Brünnecks Arbeiten über die Politische Justiz.

Demonstrantin - ohne Büro. Q:galerie-arbeiterfotografie.de

Dem möchte ich entgegnen, dass es einen großen Unterschied macht, ob eine zeitgeschichtliche Alternativerzählung wie die oben skizzierte lediglich mit dem Verweis auf die politik- und sozialwissenschaftliche Sekundärliteratur unterfüttert werden kann, oder mit eigenen Recherchen in staatlichen Archiven und den der beiden Volksparteien. Einen Unterschied macht es übrigens nicht nur für einen selber, weil man eine präzisere Vorstellug von dem bekommt, was Politologen und Soziologen gleichsam nur von außen her beobachten und interpretieren konnten. Angebracht ist es auch im Hinblick auf eine Rezeption überall dort, wo man Abendroth für eine viel zu linke rote Socke hält, als dass man seinen Analysen über den Weg trauen könnte.

So vielen Leuten wie möglich klarzumachen, dass man Abendroth und vielen anderen westdeutschen „Don Quichottes“ (Jean Améry) nicht nur über den Weg trauen, sondern von ihnen auch Interessanteres und Klarsichtigeres über die Geschichte der Bundesrepublik erfahren kann als von vielen verklemmten Mainstream-Intellektuellen, gehört zu den Aufgaben „kritischer Geschichtsschreibung“.

Ihr „Leben und Werk“ dem Vergessen zu entreißen, kann jedoch nur der erste Schritt sein. Jedenfalls wann man ihren Analysen auch außerhalb der politischen Linken, die sowieso nicht überzeugt werden muss, Gehör verschaffen möchte.

Konkret geht es natürlich vor allem darum, die Interpretationen und Forschungsergebnisse, die „kritische“ Studien seit 1945 in beiden Deutschlands zu Tage förderten (in den Politik- und Sozialwissenschaften natürlich, aber auch in anderen Wissenschaftsbereichen), anhand eigener historischer Arbeiten weiterzuführen. Sich allein auf diese alten Studien zu berufen, reicht nicht mehr. Ihre Existenz sollte vielmehr ein Ansporn sein, unter Zuhilfenahme neuer Quellen, Methoden und Ansätze und durch die kritische Befragung von Zeitzeugen zu untersuchen, wie verlässlich sie sind und wo sie der Ergänzung und Korrektur bedürfen.

Zumal der zeithistorische „Mainstream“ ja nicht untätig ist. Während wir hier in Ruhe überlegen, wie man „kritische Geschichte“ macht, wird um uns herum einen Berg von Büchern angehäuft. Das Schlimme ist, dass man viele von ihnen nicht einfach links liegen lassen kann, da es in ihnen vor neuen Quellen, Ansätzen und sogar Methoden nur so wimmelt. Überraschendes oder gar Inspirierendes haben sie meist nicht zu sagen. Ganz so als ob sich Zeithistorikerinnen und Zeithistoriker heute einbildeten, ein paar mickrige Jährchen nach den Geschehnissen schon alle relevanten Fragen beantwortet und das Anrecht auf einen Hintern zu haben, der so breit ist, dass sich sogar der Nachwuchs schon drauf ausruhen kann.

Dieser im Grunde genommen sehr bedauerliche Zustand hat allerdings auch etwas Gutes: das Gros der Mainstream-Studien ist zum Gähnen langweilig. Und zwar nicht nur für Leute, die diesen Arbeiten schon aus politischen Gründen wenig abgewinnen können, sondern auch für viele andere Leserinnen und Leser, die sich einfach nicht differenziert genug informiert fühlen. Geschweige denn zum Denken angeregt.

„Kritische“ Studien, die für sich ja in Anspruch nehmen, Geschichte gegen den Strich zu bürsten, können hiervon profitieren. Allerdings nur, wenn sich ihre Autorinnen und Autoren ihrerseits um Differenzierung bemühen und vor allem auch selbstkritisch genug sind, nach liebgewonnenen Vorurteilen und blinden Flecken in der eigenen Argumentation zu suchen. Wenn sie dann auch noch selbstbewusst genug sind, wenigstens die größten unten den gefundenen Flecken offen anzusprechen, um sie gemeinsam und möglichst unaufgeregt durch „good histories“ (Geoff Eley) zu ersetzen, ist die Gefahr der institutionalisierten Langeweile fast schon gebannt.

3. Ran an die kleinen Parteikommunisten!

Einer der ärgerlichsten blinden Flecken der „kritischen Zeitgeschichte“ ist meines Erachtens dem Umstand geschuldet, dass sie sich seit Jahren um eine Historisierung des westdeutschen Parteikommunismus und vor allem auch seines riesigen Umfelds herumdrückt. Ärgerlich zunächst einmal insofern, als die dadurch entstandene Lücke nicht etwa vom zeithistorischen Mainstream gefüllt wird (was in diesem Fall das geringere Übel wäre), sondern von den Hubertus Knabes und Eckhart Jesses dieser Welt. Von relativen Außenseitern also, deren Bücher und Zeitungsartikel an den Universitäten zwar fast überall belächelt werden; eine Veranlassung, die beiden anhand eigener Forschungen zu widerlegen, sieht man „in der Zunft“ indes nicht. Man findet das Thema halt unwichtig.

Schon weil der Inlandsgeheimdienst zum Kreis der Jesse-Leser zählt, sollten sich „kritische“ Historikerinnen und Historiker keine solch indifferente Haltung leisten. Selbst und gerade dann nicht, wenn sie den westdeutschen Parteikommunismus im Rückblick ziemlich bäh finden. Auch Jesse und Knabe einfach nur bäh zu finden, reicht nicht mehr. Zumal die beiden ja so viel Quatsch geschrieben haben, dass es doch ein leichtes und lustiges sein müsste, dem auf Grundlage eigener Recherchen und Zeitzeugeninterviews etwas Differenzierteres entgegenzusetzen.

Der These von der „Fernsteuerung“ der DKP durch die SED zum Beispiel: Mir ist es schleierhaft, weshalb sich in den letzten zwanzig Jahren noch niemand „Kritisches“ die Mühe gemacht hat, genau aufzudröseln, worin die denn eigentlich konkret bestand; welche empirisch messbaren politisch-ideologischen Folgen, aber auch welche Grenzen sie hatte, zumal mit Blick auf die einzelnen Mitglieder der Partei und erst recht ihrer Vorfeldorganisationen.

Natürlich würde es sich hierbei nur um die eine Seite der Medaille handeln. Die andere Seite ist eigentlich viel spannender. Auf ihr müsste der politische, gesellschaftliche und kulturelle Kontext behandelt werden, der junge und weniger junge Westdeutsche dazu brachte, sich einer Organisation anzuschließen, die alle Welt als die Ausgeburt des Bösen erachtete. Erst dann wird nämlich analysierbar, dass die „Fluchtbewegung“ vor den westdeutschen Zuständen ungleich wichtiger für das Verständnis des KPD/DKP-Umfelds ist, als die berühmt-berüchtigte „Fernsteuerung“.

Raus aus der Defensive

Die Beschäftigung mit den individuellen und kontextuellen Ursachen für ein Engagement in der KPD/DKP hat noch zwei weiteren positive Nebeneffekte: Erstens entdeckt man Dank ihr mitunter Kritikwürdiges an der westdeutschen „Erfolgsgeschichte“, das den Zeitgenossen noch sehr präsent war, heute aber aus allerlei Gründen vergessen ist. Zweitens kann sie der „Kritischen Geschichte“ dabei helfen, aus der seit Jahrzehnten bestehenden Zwickmühle herauszukommen, sich nicht nur vom „antitotalitären“ Mainstream-Diskurs, sondern auch von der „antifaschistischen“ Erzählung à la DDR abgrenzen zu müssen. Nur wer sich auch der Geschichte des Parteikommunismus vorurteilsfrei annimmt, kann eine eigene Sprache entwickeln, die sich von beiden Erzählungen gleichermaßen emanzipiert hat. Eine Sprache, in der man von unangenehmen Wahrheiten erst einmal in aller Ruhe erzählt, bevor man sich von ihnen abgrenzt.

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5 Antworten to “Dahin gehen, wo’s wehtut”

  1. Fabian Tietke Says:

    Erstmal danke für die anregenden Thesen.
    Speziell zu der ersten würde ich noch ergänzen wollen, dass ich eine kritische Perspektive auf Institutionen und vor allem die inoffiziellen/informellen Funktionsweisen von Institutionen auch recht oft vermisse. Das könnte in Verbindung mit dem was Du schilderst hilfreich sein, um die gute Zusammenarbeit verschiedener Institutionen zu verstehen.

    Zu der zweiten These:
    Ich würde die Leseaufforderung für Abendroth und Konsorten nicht nur unterstützen, sondern gern noch ergänzen um eine kritisch-distanzierte Aneignung der DDR-Literatur, die leider auch noch immer nur rudimentär betrieben wird. Ansonsten: mein Blick mag täuschen, weil ich in der Nicht-Kulturgeschichte der Zeit nicht übermäßig firm bin, aber: gibt es wirklich schon so viel zu der frühen Bundesrepublik/der frühen DDR, das alle Fragen beantwortet glaubt? Mir schien die Verschiebung des Blicks auf die 1950er Jahre eher eine Entwicklung der letzten vielleicht fünf sechs Jahre zu sein.

    Dem Plädoyer für eine Re-etablierung kritischer KPD/DKP/etc.-Geschichtsschreibung kann ich mich nur anschließen. Mir ist das am Beispiel der SEW auch schon mal aufgefallen.

  2. Dominik Rigoll Says:

    Erstmal vielen Dank zurück – die Artikelreihe wurde ja in der Hoffnung gestartet, so viel Feedback wie möglich zu bekommen, vom kurzen Kommentar zum eigenen Beitrag.

    Zu deinem ersten Punkt: absolut, um „informelle Funktionsweisen von Institutionen“ geht es mir auch. Das analytische Problem besteht nur darin, dass es in Rechtsstaaten wie der Bundesrepublik nicht ganz einfach ist, das „Informelle“ vom „Offiziellen“ zu unterscheiden. Um bei einem der oben genannten Beispiele zu bleiben: wenn westdeutsche Archivare den Zugang zu kompromittierenden Akten erschwerten, war dies keine „informelle Handlung“. Vielmehr konnten sie sich dabei auf eine ganze Reihe von Gesetzen und Ausführungsbestimmungen berufen und hätten, wenn es zu einem Gerichtsprozess gekommen wäre, mit großer Sicherheit auch Recht bekommen. Daher mein Vorschlag, als Analyseraster das der „Radikalen im öffentlichen Dienst“ zu nehmen – zumindest in Bezug auf die NS-Eliten in der alten Bundesrepublik. Heute ist das nicht mehr ganz so evident, da die Politiken der „Inneren Sicherheit“ strukturell zwar wie eine „Stasi 2.0“ daherkommen mögen, die alten Stasileute selbst aber nichts zu sagen haben.

    Zu deinem zweiten Punkt: das sehe ich auch so, habe es aber nur an einer Stelle kurz angesprochen („Interpretationen und Forschungsergebnisse, die „kritische“ Studien seit 1945 in beiden Deutschlands zu Tage förderten“).

    Zum Grad der Aufarbeitung der beiden „Frühgeschichten“: mein Eindruck ist schon, das im „zeitgeschichtlichen Diskurs“ heute in Bezug auf die Jahre nach 1945 alle „großen“ Fragen“ schon beantwortet scheinen, obwohl das alles gerade mal zwei Generationen zurückliegt. Das hätte ich vielleicht schreiben sollen statt „alle relevanten Fragen“.

  3. Fabian Tietke Says:

    Was Dein Beispiel mit den Archivaren angeht, verschränken sich in der Tat informelle und offizielle Handlungsweisen: soweit sie sich auf Bestimmungen und Gesetze berufen ist das ganz offizielle Politik, nur bin ich ziemlich sicher, dass es daneben interne Absprachen gab. Mindestens der Art „Wie macht ihr das denn? – Wir machen das so und so…“

    Das mit der DDR-Literatur wollte ich nur noch mal expliziter machen, weil mir in letzter Zeit in den Antiquariaten, die mich umgeben, zunehmend auffällt, was für spannendes Zeug es im Osten auch gab neben all dem Zeug, das nicht mal den einen Euro lohnt…

  4. entdinglichung Says:

    klingt spannend … ist in der Tat erstaunlich, dass die zahlenmässig relativ grosse DKP noch niemanden hervorgebracht hat, der die Geschichte der Organisation schreiben wollte und dass es bspw. zur GIM, KB oder selbst zur KGB/E sehr viel substanzielleres gibt

  5. Public Historians: Dahin gehen, wo es brennt… « kritische geschichte Says:

    […] müsse sich an die Tabus heranwagen. An die allgemeinen und an die „eigenen“. Sie müsse dahin gehen, wo es wehtut. Ich will diese These aufgreifen und verstärken: Engagierte Historikerinnen und Historiker müssen […]

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