Alice Schwarzer lauert überall – oder wozu man den Islam alles verwenden kann.

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Ein Kommentar zu Alice Schwarzers neuem Buch „Die große Verschleierung:

Die indische Historikerin Gayatri Spivak hat einen sehr klaren Satz über den westlichen Imperialismus und die muslimische Frau geprägt: Die Imperialisten hätten ihre Machtpolitik als Aktion verkauft, um „braune Frauen vor braunen Männern zu retten“. Und: Die Frauenbewegung seit dem 19. Jahrhundert habe sich zu lange nicht von dieser Position lösen können (Spivak, Gayatri: „Can the subaltern speak?“, in: Cary Nelson (Hg.), Marxism and the Interpretation of Culture, Chicago 1988, S. 271-313, hier S. 296f.).

Spivak erklärt in einem kurzen Video ihre Position für die iranischen Oppositionsbewegung. (Sie tritt ab 3.35 Minuten auf):

Spivak macht klar: Es geht um die eigene Perspektive und die Ansprüche der Frauen nicht um irgendwelche Befreiungsaktionen aus einer moralischen Überheblichkeit heraus. Belege  für die Versuche, muslimische Frauen für politische Zwecke zu benutzen, finden sich auch im öffentlichen Islam-Bashing im Deutschland des Herbstes 2010, z.b. im neuen Buch von Alice Schwarzer:

Was ist das Thema der gerade stattfindenden Frankfurter Buchmesse? E-Book? Argentinien? Wohl eher: die Radikalisierung des deutschen Sachbuchmarkts. Von der Nr. 1 der amazon-Charts kann man eigentlich nur schweigen – passt auch nicht zum Thema. Alle Experten (Statistiker, Genetiker oder Islamwissenschaftler) sind wohl einig. Thilo S. hat ein Unsachbuch fabriziert und die Marketing-Strategen seines Verlags haben es nach oben katapultiert.

Eigentlich wollte ich über die Nr. 96 der amazon-Charts schreiben – Alice Schwarzer und ihr neues Buch „Die große Verschleierung“. Ihre Botschaft ist differenzierter, sie warnt von dem Islamismus und nicht vor „Kopftuchmädchen“, Allerdings, so der Klappentext, sei die „Grenzlinie zwischem dem Islam als Religion und dem Islamismus als politischer Strategie […] zusehends schwerer zu ziehen“. Das Buch ist ein Sammelband mit Beiträgen aus der Emma von bekannten Autorinnen etwa, Necla Kelek oder Ayaan Hirsi Ali.

In der Einleitung berichtet Schwarzer von ihren algerischen Freunden, einer verfolgten kritischen Journalistin, ihrem Modernismus-kritischen, muslimischen Bruder und deren Mutter, die tiefgläubig regelmässig nach Mekka pilgere. Mit allen kommuniziere sie offen und kritisch, so Schwarzer. Dies ist die Folie aus der sie ihre These auspackt: Der „falsche Dialog und die so lange praktizierte falsche Toleranz haben allen geschadet, nicht nur uns Westlern, sondern allen voran der Mehrheit der nicht fundamentalistischen Menschen im muslimischen Kulturkreis“. Dann werden der Iran, Tschetschenien, Algerien u.ä. als negative Beispiele aufgezählt: „Die Islamisten“ im Iran hätten „keinen Hehl daraus gemacht“, dass sie Frauen steinigen würden. „So wie einst die Nationalsozialisten. Auch in ‚Mein Kampf‘ stand ja schon alles drin.“ Schwarzers eigentliches Problem ist jedoch ein deutsches, innenpolitisches: „Das wahre Problem ist die systematische Unterwanderung unseres Bildungswesens und Rechtssystems mit dem Ziel der ‚Islamisierung‘ des Westens, im Klartext: die Einführung der Scharia in mitten Europa.“

Auf engsten Raum werden hier die Verbrechen des Nationalsozialismus – bewußt schreibt Schwarzer Nationalsozialisten, wohl um anzudeuten, dass auch damals eine naiv-liberale Gesellschaft von Verbrechern überlistet wurde – mit der Diktatur im Iran und dem Islamismus in Europa verknüpt. Halt, Islamismus – da war ja die Grenzlinie zum Islam als Religion schwer zu ziehen. Zwischen den vermeintlichen Kulturkreisen Islam und Westen ist die Grenzline anscheinend ganz leicht und scharf zu ziehen.

Überall lauert der Islamismus, der am gefährlichsten ist, wo man ihn nicht vermutet – bei den ständig arbeitenden Konvertiten und Neumuslimen: „Die eilfertigsten HelferInnen dieser Kräfte sind heute die KonvertitInnen, und das in allen Lebensbereichen […] Die Konvertiten sind mal offen, mal versteckt konvertiert. Je nach Strategie.“ Die Verschleierung der Frau ist ihre Absicht und mögen die „jeweils subjektiven“ Motive der Trägerinnen noch so divers sein, objektiv ist das Kopftuch „weltweit die Flagge der Islamisten“.

Das ist erschreckend zu lesen – nicht, weil man von nun an alle, die irgendwie muslimisch sein könnten, für offene oder verdeckte Islamisierer halten muss. Vielmehr wird einem deutlich, dass das Kopftuch hier für die eigene Identität einer orthodoxen Linie des Feminismus genutzt wird – Gegner ist eigentlich nicht der Islamismus, sondern sogenannte Altlinke, Liberale u.a. Ein Kampf gegen die KritikerInnen des eigenen Wegs – wieder mit immensem Kolateralschaden für die Doppel-Minderheit der islamischen Frauen, über die er ausgetragen wird. Die Kopftuch tragenden Frauen sind keine Subjekte, nur die Islamkritikerin, die die objektive Bedeutung erkennt.

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