Herr Stauffenberg und der ausgeblendete Widerstand

by

Nicolas Guilmain, Panneau indicateur de la rue Ernst Jünger à Wilflingen (Allemagne), Lizenz: GNU, Q: Wikimedia Commons

Der AStA der Ruhr-Uni Bochum macht am 20. Juli eine Veranstaltung gegen den immerwährenden Stauffenberg-Hype. Fabian Wisotzky erinnert in seinem Blogbeitrag: „Stauffenberg selbst war Antisemit und nationalkonservativer Militarist, der die Ordnung der ’naturgegebenen Ränge‘ erhalten wollte.“ Und die Gruppe …nevergoinghome, die in Bochum einen Vortrag halten wird, schreibt:

Dass Stauffenberg selbst lange Anhänger des Nationalsozialismus und Antisemit gewesen ist und bis zu seinem Tod ein erklärter Feind der Demokratie, wird mittlerweile zugegeben. Jedoch wird gerade die späte Abkehr vom Nationalsozialismus als vorbildlicher Lernprozess gedeutet, in dem sich das heutige Selbstverständnis der Deutschen als „Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung“ spiegelt. Diese „Bewältigung“ geht allerdings immer Hand in Hand mit Strategien der Entlastung. Eine Entlastungsstrategie stellt dabei die Identifikation mit Stauffenberg dar. Die Geschichte des 20. Juli wird dabei als Ausdruck und Existenzbeweis eines angeblich „anderen“ Deutschlands präsentiert. Stauffenberg soll dabei ein Beispiel geben für angeblichen „guten“ deutschen Militarismus und Nationalismus, in dessen Tradition sich damit gestellt werden kann. Neben der Deutung des 20. Juli, die an die Erzählung von der modernen aufgeklärten Nation angknüpft, werden mit Stauffenberg daher auch immer wieder reaktionäre Werte wie Vaterlandsliebe, Militarismus und Opferbereitschaft aufgerufen – insbesondere bei den jährlichen öffentlichen Rekrutenvereidigungen der Bundeswehr am 20. Juli. Damit wird er gerade heute wichtig, wo Soldaten wieder für Deutschland sterben.

So weit, so gut. Aber dass es wirklich um die Aktualisierung der reaktionären Werte „Vaterlandsliebe, Militarismus und Opferbereitschaft“ geht, kann ich in dieser Zuspitzung nicht nachvollziehen. Ich würde etwas anders gewichten: Schon eher geht es beim Stauffenberg-Hype um eine nationale Traditionsstiftung, die seit jeher zwei Funktionen erfüllt:

  • Entlastung: Stauffenberg als Ausdruck und Existenzbeweis eines  „anderen“ Deutschlands.
  • Ausblendung: Stauffenberg als geschichtspolitische Sichtblende vor den demokratiepolitisch wirklich relevanten Widerstandsbewegungen.

Stauffenberg im internationalen Kontext der Widerstandsbewegungen

Man muss sich nur einmal den internationalen Zusammenhang im Jahr 1944 ansehen, um die Verhältnisse richtig einzuordnen. Die antifaschistischen Widerstandbewegungen sind gerade 1944 in ganz Europa politisch und militärisch so stark wie nie zuvor. Man denke an die Dominanz der kommunistischen und Moskau-fernen ELAS in Griechenland oder die Resistenza in Italien. Der größte Teil der Widerstandsbewegungen in Europa – auch anderswo – standen politisch weit links und tendierten dazu, sich jedwedem imperialistischen Zugriff zu entziehen. In der Wikipedia lässt sich nachlesen, dass sogar die sozialpolitischen Pläne des Kreisauer Kreises, der Querverbindungen zur Stauffenberg-Gruppe hatte, stark sozialistisch geprägt waren. Außenpolitisch strebten dieser Kreis eine gesamteuropäische Integration an. In dieser Zeit deutete sich für jeden wachen politischen Beobachter die reale Möglichkeit an, dass nach dem baldigen Ende des Krieges Europa sozialistisch und eigenständig werden könnte. Das war der große Trend.

Das wusste ein von Stauffenberg und das wussten auch die Alliierten, die diese Bewegungen zunehmend blockierten und mit allen Mitteln bekämpften. Der reaktionäre Stauffenberg sah durch einen Regimewechsel die Möglichkeit genau hier zum Bündnispartner der Alliierten zu werden und einer parlamentarischen Demokratie oder gar einer sozialistischen Republik zuvor zu kommen. Durch einen Putsch.

Im Vergleich zu allen anderen Widerstandsbewegungen und vor allem im europäischen Kontext sind die Männer des 20. Juli eher unbedeutend. Für die Bundesrepublik, die weit hinter den wirtschafts- und sozialpolitischen Forderungen und Errungenschaften dieser Bewegungen zurückfiel, boten sich aber nicht gerade viele Bezugspunkte in der Widerstandsgeschichte.

Natürlich passte Stauffenberg gut in das Gesamtbild der wirtschaftspolitischen Restauration in Westeuropa. Natürlich passte er auch viel besser in die Vorstellungswelt nationalistisch denkender Deutscher. Allerdings würde ich auch hier etwas differenzieren. Nevergoinghome meint:

Stauffenberg soll dabei ein Beispiel geben für angeblichen „guten“ deutschen Militarismus und Nationalismus, in dessen Tradition sich damit gestellt werden kann.

Stauffenberg war zunächst eher anschlussfähig für diejenigen Deutschen, denen der Faschismus viel zuweit ging und die von „Militarismus und Opferbereitschaft“ die Nase voll hatten (weshalb er ja nach dem Krieg von vielen noch als Vaterlandsverräter gehandelt wurde). Ob er dagegen heute für Militarismus und Opferbereitschaft herhalten muss, ist sinnvollerweise zu diskutieren. Eine nicht unwesentlicher Gesichtpunkt dürfte aber sein, dass für eine Armee einer demokratischen Gesellschaft doch nur noch die Deserteure, die Soldatenräte oder sowas wie die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg als historische Bezugspunkte übrigbleiben.

Ich will damit Stauffenbergs Funktion für einen „guten Militarismus“ nicht kleinreden. Aber Stauffenberg ist mit Blick auf die Widerstandsgeschichte auch eine popularisierbare Verlegenheitslösung.

Advertisements

Schlagwörter: , ,

Eine Antwort to “Herr Stauffenberg und der ausgeblendete Widerstand”

  1. entdinglichung Says:

    btw.: die Friedrich-Ebert-Stiftung hat gerade im Rahmen eines Projektes zur Internationalen Transportarbeiterföderation auch Publikationen zum Widerstand der ITF 33-45 online gestellt: http://library.fes.de/itf/exil.htm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: