Notizen zum „Argument“

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Es ist ein Verriss. Jörg Auberg kritisiert in seinem Artikel „Kostümfeste des Grauens“ in der Aktion (Nr. 218, 210ff.) die Gruppe um die Zeitschrift „Das Argument.“ Im Prinzip bündelt Auberg vieles, was der Argumentgruppe und in erster Linie dem marxistischen Philosophen Wolfgang Fritz Haug, schon lange angekreidet wird: Das Loben des eigenen „intellektuellen Heroismus“, Elitarismus, hierarchische Arbeitsverhältnisse in den Redaktionen von Argument und dem Historisch-kritischem Wörterbuch. „Dem Unternehmen wird alles auf Gedeih und Verderb untergeordnet, auch wenn Anspruch und Realität weit auseinanderklaffen“. (123) Nun ist die Kritik ja durchaus nachvollziehbar und tritt mit Berechtigung auf. Ich habe oft gegrinst, weil vieles stimmt. Auberg stellt zurecht die Frage, ob das vom Argument ausgegebene Leitbild des kritischen Intellektuellen tatsächlich trägt. Dennoch greift die die Kritik Aubergs viel zu kurz, weil er nicht fragt, was man vom Argument-Projekt lernen kann. Und das ist nicht wenig.

Horizonterweiterungen

So hat Das Argument-Projekt erst einmal eine ganze Reihe erreicht: Es steht für eine thematische Weitung der marxistischen Philosophie, für die Rezeption von Gramsci, Brecht, Benjamin und vieler internationaler Theoretikerinnen und Theoretiker. Während andere marxistische Strömungen sich in der traditionellen Terminologie und im ökonomistischen Denken verfingen, wurde hier das Kapital nicht-ökonomistisch gelesen. Dabei blieben „Klassenkämpfe“ oder „Kapital“ entscheidende Kategorien. Ideologiekritik spielte eine gewichtige Rolle.

Für viele wissenschaftliche Disziplinen – die Kritische Medizin oder die Kritische Psychologie – öffnete das Argument Publikations- und Selbstverständigungsräume.

Wer also wissen möchte, warum viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dem Argument die Treue halten, muss sehen, dass hier schon thematisch eine gewaltige Horizonterweiterung ermöglicht wurde, die in vergleichbaren Projekten nicht stattfand. Der sollte auch die Konfliktlinien mit der marxistischen Orthodoxie im Blick behalten, um auch die Abgrenzungstendenzen einordnen zu können.

Der Ansatz, die marxistische Theorie und Thematik weiter zu öffnen, ist ein Charakterzug, die beim Argument besonders ausgeprägt ist und dem Gesamtprojekt eine Sonderstellung zukommen lässt. Vor allem im Bereich der Wissenschaftstheorie ist das Argument eines der wenigen dialektisch-kritischen „Backbones“, das Orientierung gibt. Man muss nur andere linke Publikationsprojekte vergleichend daneben halten, um die qualitativen Stärken des Arguments und des Argumentverlags insgesamt zu sehen.

Das in diesem Blogpost integrierte Interview mit Wolfgang Fritz Haug ist übrigens auch ein gutes Beispiel. Das ist einfach extrem gut formuliert und reflektiert.

Anspruch „pluraler Marxismus“

Das größte Projekt, das Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus (HKWM)  hat wichtige Ansätze entwickelt und umgesetzt: Es nimmt einen Begriff, erläutert, warum er heute für Emanzipationsbewegungen wichtig ist und zeichnet die Entwicklung des Begriffs historisch-kritisch nach, indem die Auseinandersetzungen um diesen Begriff,  die Erkenntnisgewinnne und -verluste aufgezeigt und im Zusammenhang mit den jeweiligen historisch-sozialen Bewegungen gedacht werden. Das HKWM arbeitet mit einem Peer-Review-System über das viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in konkreter Arbeit miteinander in Kontakt kommen. Es versucht ganz praktisch Menschen zu vernetzen. Ich habe selbst ein wenig am Argument und am HKWM mitgearbeitet und kenne daher diese Projekte sehr gut. Auch ihre Grenzen.

Denn selbstverständlich gibt es auch dort wie in jedem Projekt mit „Kopfarbeitern“ Probleme und Zumutungen, Kämpfe um Deutungshoheiten. Schwierig finde ich die Überbetonung von Gramsci und des Argument-Projekts im Wörterbuch, während viele marxistische Intellektuelle nicht wirklich oder nur marginal vorkommen.  Für Geschichtsschreibung ist dort wenig Platz. Nobody is perfect.

Aber die Ursachen sind klar: Natürlich beinhaltet die Argument-Linie auch eine Lesart der marxistischen Werke, die andere Lesarten eher unberücksicht lässt. Aber sie ist auf jeden Fall eine dialektische und will Brücken zwischen den Lesarten bauen („pluraler Marxismus“). Das ist zumindest der Anspruch, auf den man insistieren kann. Schwierig ist aber auch, dass es für viele Themen so gut wie keine Autoren gibt oder nicht mitarbeiten wollen – auch aus inhaltlichen oder persönlichen Gründen.

Mein Rückschluss ist: Projekte wie das Argument oder das HKWM sind auch dann hilfreich, wenn man feststellt, was noch alles fehlt. Solche Projekte sind für viele, wie Abendroth über die Frankfurter Schule schrieb, wichtige Durchgangsstationen, auf die man nicht verzichten kann.  Und manche finden dort ihr politisches Feld. Der Frage, ob und was man in diesem Feld bewirkt, muss sich natürlich auch der Argument-Zirkel stellen.

Akademischer Marxismus

Dazu gehört aber auch das Bewusstsein, dass das Argument-Projekt vor allem marxistische Philosophie macht. Es hat seinen geschichtlichen Hintergrund in der Bewegung, mit der sich das marxistische Denken im 20. Jahrhundert an die Hochschulen flüchtete und unvermeidlich akademisch wurde.  Und die kritisch gewordene bildungsbürgerliche Klasse, die hier ihr zu Hause fand, hat biographisch und kulturell eine massive Distanz zu den politischen und sozialen Bewegungen, mit denen sie eigentlich ins Gespräch kommen möchte. Sie schafft dies nur vermittelt. Vor dem Problem steht aber nicht nur das Argument. Wer liest denn „Die Aktion“?

Man kann natürlich fragen, ob sich die Gruppe um Frigga und Wolfgang Fritz Haug sich anders entwickelt hätte, wenn sie sich weniger an der Tradition der Frankfurter Schule und mehr an einem Wolfgang Abendroth orientiert hätten, der es verstand, ganz anders in die Prozesse einzugreifen, der in der Arbeiterbewegung aktiv blieb und auch für ein anderes Marxismus- und Intellektuellenverständnis steht. Aber das ist Spekulation und es ist Quatsch, diese Strömungen gegeneinander auszuspielen. Abendroth stand auch im engen Kontakt mit dem Argument und umgekehrt. Die unterschiedlichen Biographien und Sozialisationen sind entscheidend. Und es wäre wichtig, sich mit diesen auseinander zu setzen.

Es wäre zudem faszinierend, wenn wir die unterschiedlichen Intellektuellen- und Wissenschaftskonzeptionen, ihre Errungenschaften endlich einmal gebündelt vorliegen hätten, um sie vergleichen zu können. Oder weiß irgendjemand, dass das Argument Richtlinien für ideologikritische Rezensionen von der Frankfurter Schule übernommen und aktualisiert hat? Geschweige denn, was sie beinhalten? Und natürlich muss man dann sehen, dass die Generation Abendroths auf andere Fragen antworten musste, als die Generation der Haugs und ihrer Kombattanten.

Ein „Racket“?

Es gibt kaum linke Projekte mit einer derart langen Geschichte. Das ist zumindest bemerkenswert und provoziert die Frage wie die Argument-Gruppe das eigentlich geschafft hat.

Das hängt sicher an den zwei Persönlichkeiten Wolfgang Fritz und Frigga Haug. Und es gibt eine eingespielte Kerngruppe, die sich auch immer wieder in den Haaren liegt, aber unterm Strich dieses Projekt am Laufen hält und am Ende die Schlussredaktion macht. Auberg nennt das abschätzig ein „Racket“. Denn dieses „Racket“ fordert Arbeit ein und setzt Kriterien, die sie sich erarbeitet haben, durch. Man will eine gewisse Präzision des Denkens und ein bestimmtes Level der Diskussion, will nicht mehr hinter ihren Erkenntnisgewinnen zurückfallen, und gleichzeitig treibt dies einen Abschottungsmechanismus an. Hinter der Qualitätssicherung steckt auch der Ausschluss anderer Diskurse und Schutz vor einem Autoritätsverlust. Einsteiger kommen da sowieso nicht mit. Und die Arbeitsweise und die hierarchischen Verhältnisse werden aktualisiert, solange diese ganz offenbar den Erhalt des Projekts sichern.  Aber es gibt ja auch die Möglichkeit, etwas anderes zu machen. Und über 50 Jahre haben sich auch viele neu orientiert.

Generell sind das alles keine spezifischen Problematiken des Arguments, sondern dort treten allgemeine Probleme spezifisch auf. Und es wäre eine wichtige Aufgabe, die Schließungs- und Selbstisolationprozesse zu wenden.

Kritik und Vermittlung

Aubergs Bezugsfigur ist Jean-Paul Sartre. Und er beschwert sich, dass der Argument-Zirkel Sartre vereinnahmt, obwohl er für das Intellektuellenverständis des Arguments nicht in Anspruch genommen werden kann. Nun war Sartre vielleicht selbstkritischer, aber auch kein Brückenbauer.

Was aber überall fehlt, sind Vermittler, die etwa die Argument-Welt mit anderen Welten verbinden. Auch wenn Aubergs Kritik für mich nachvollziehbar ist, bleibt sie doch unbrauchbar, weil sie nichts erklärt, keine Handlungsmöglichkeiten aufzeigt und ein ganzes Projekt lieber in den Kübel tritt, anstatt den Widersprüchen, den progressiven und rückständigen Elementen nachzusprüren und einen Erfahrungs- und Lernprozess auszulösen.

Kritik bedeutet nicht, auf ein Projekt draufzuschlagen. Es setzt voraus, die Herkunft von Menschen, ihre Ziele und Arbeitsweisen zu analysieren. Und bedeutet, nach den berechtigten Ansprüchen zu fragen. Denn der Kritiker muss überschreiten und vermitteln.

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