1789 klassenanalytisch

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Es ist ein völlig vergessenes, vergilbtes Buch, das ich hier in meinen Fingern habe. „1789. Die große Zeitenwende“ von dem ebenfalls heute völlig unbekannten Paul Frölich (1884-1953). Doch wer sich generell für die Geschichte von Revolutionen interessiert, wer schnell einen Überblick über die sozialen Vorgänge der französischen Revolution braucht oder wer wissen will,

Prise de la Bastille, Musée national du Château de Versailles, Public Domain

wie ein Parlament, die verfassungebende Nationalversammulung, und die revolutionären Bewegungen zusammenhängen, welche Wechselwirkungen auftreten, ist mit dem Buch immer noch bestens beraten. Auch für eine Diskussion, wie man methodisch eine gesellschaftskritische Geschichte schreiben kann, ist Frölich ein wichtiger Orientierungspunkt. Ich bin auf Frölich gestoßen, weil er von Wolfgang Abendroth (über den ich promoviert habe) mehrmals als ideengebender Geschichtsschreiber genannt wurde. Nun war Paul Frölich erst einmal ein linksradikaler Aktivist, der sich unter anderem in der Münchener Räterepublik engagierte. Frölich, der Rosa Luxemburg nahestand, wandte sich früh gegen die diktatorischen Entwicklungen in der Sowjetunion und näherte sich ab 1922 gemeinsam mit August Thalheimer und Heinrich Brandler gemäßigteren, auf eine Einheitsfrontpolitik mit der SPD ausgerichteten Positionen an. Von da an gehörte Frölich politisch zu den berühmten Zwischengruppen der Weimarer Republik, in denen sich jene marxistische Intelligenz sammelte, die aus den Parteiapparaten der SPD und KPD rausgedrängt wurden. Zu diesen Zwischengruppen gehörte auch Wolfgang Abendroth.

Ein unvollendetes Projekt

Als Historiker ist Frölich heute als Nachlassverwalter und Biograph von Rosa Luxemburg bekannt. Aber Frölich plante ein Werk unter dem Titel „Demokratie und Diktatur in der Französischen Revolution“, das den Verlauf der wichtigsten Etappen des gesamten Geschichtsprozesses der Jahre 1789 bis 1794 umfassen sollte. Frölich wollte mit seinen Studien ein besseres Verständnis für revolutionäre Vorgänge gewinnen. Der Titel „Demokratie und Diktatur“ deutet schon darauf hin, dass es sich dabei auch um eine Auseinandersetzung mit den Entwicklungen in Rußland nach der Oktoberrevolution und dem Stalinismus handeln sollte. Doch das Buch wurde nicht vollendet. Was uns vorliegt, sind zwei posthum herausgegebene Abschnitte: „Wesen und Funktion des Absolutismus“ und „Die Verfassungsgebende Nationalversammlung“. Wir haben also ein Fragment, das wir in diesem Debattenkontext lesen müssen.

Revolutionäre Bewegung und reale Machtmittel

Denn: Frölichs Thematisierung der politischen Gewalt hat mich zunächst irritiert, weil es so stark in den Vordergrund gerückt wird. Er wird nicht müde zu betonen, dass die Revolution auch geschützt werden musste, um einen Gegenschlag von Hof, Adel und Klerus abwehren zu können. Volksbewaffnung. Das erscheint mir auch plausibel. Im Kopf geblieben ist mir das Bild von den liberalen Mitgliedern der Nationalversammlung, die auf ihren Wegen von eigenen Schutzgarden bewacht wurden. Trotzdem beschleicht einen schon mal das Gefühl, dass der Einsatz von Gewalt nicht erklärt, sondern gerechtfertigt werden soll. Aber das ist vor dem Hintergrund der Absichten Frölichs nicht logisch: Frölich will den Ursprung der Gewalt analysieren. Da das gesamte Werk nicht vorliegt, können wir nur spekulieren, wie das ausgegangen wäre. Aber mir scheinen zwei Dinge klar:

  • Frölichs Frage nach den realen Machtmitteln einer revolutionären Bewegung fordert die Leser auf, nicht naiv zu sein. Der Erfolg der Französischen Revolution wäre ohne die Aufhebung des Monopols der Waffen nicht möglich gewesen. Das ist seine Argumentation. Und generell gilt für ihn: Ohne reale Machtmittel ist nichts durchzusetzen.
  • Und das ist zugleich ein großes Problem, dem Frölich nachgehen will. Die historische Analyse der Herkunft der Gewalt soll dazu beitragen, diese künftig zu verhindern. Nur dass der Marxist Frölich die Ursprünge nicht in den politischen Ideen oder in der Natur des Menschen sucht, sondern aus den gesellschaftlichen Verhältnissen heraus erklärt, die es auch zu überwinden gilt. Das gelingt, sobald die Verhältnisse bewusst werden. Das ist der Plan.

Denn ein weiteres Ziel des Werks war, nicht einfach die Geschichte zu erzählen, sondern die wirkenden Kräfte darzustellen. Und es ist wirklich spannend, wenn man das eher nüchtern geschrieben Buch mit diesem Vorwissen liest. Denn da ist zunächst die Systemkrise. Den Absolutismus skizziert Frölich als ein Gesellschaftssystem, in dem zwei Wirtschaftssysteme, das feudale und das kapitalistische, nebeneinander bestanden. Ende des 18. Jahrhunderts kommt dieses System an seine Grenzen, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell und politisch. Das klingt bei mir jetzt holzschnittartig. Frölich führt das mit zahlreichen Beispielen aus.

Bewegung, Parlament und Verfassungsentwicklung

Die Stärke des Buchs ist jedoch der Abschnitt über die Nationalversammlung. Die Generalstände treten zusammen und der Dritte Stand ist keineswegs auf Revolution gebürstet, sondern noch in seinem Untertanenbewusstsein gefangen. Frölich zeigt dann, wie der Umgang der Hofpartei mit den Generalständen den dritten Stand düpiert. Gleichzeitig drängen die Volksbewegungen außerhalb die Vertreter des Dritten Stands zu einer Radikalisierung. Diese winden sich unter einem enormen öffentlichen Druck. Sie sind getrieben von den Ereignissen im Land. Die Abfassung der Verfassung zog sich über zwei Jahre hin, wurde immer wieder von den Ereignissen unterbrochen und nicht Punkt für Punkt abgearbeitet, sondern die Nationalversammlung ließ jeden Artikel, der unmittelbar zu verwirklichen war, sofort in Kraft treten – weil er sofort in Kraft treten musste. Sehr genau zeichnet Frölich jetzt die Wechselverhältnisse zwischen einem Parlament und außerparlamentarischen Bewegungen. Die einen können ohne die anderen nicht.

Gesellschaftliche Bündnisse

Dabei kommt es auch zu Bündnissen von gesellschaftlichen Kräften, die als solches wenig miteinander zu tun haben. Die Revolution wird getragen von der liberalen Großbourgeoisie, den Bewegungen („Volksmassen“), einer Reihe von Agitatoren und rebellischen Kräften in der Armee. Ein gesellschaftliches Bündnissystem entsteht, eine Gegenhegemonie. Sehr plastisch und sehr konkret dargestellt. Das Bündnis ist zeitweise extrem attraktiv und so wechseln schon mal Vertreter des niederen Klerus die Seiten, doch die Radikalisierung stößt sie von der Linken wieder ab. Dabei entsteht neben der Verfassung auch die Erklärung der Menschenrechte, „das Evangelium des Liberalismus, es waren die Prinzipien der jungen kapitalistischen Gesellschaft, die in den Menchenrechten in Paragraphen gebracht wurden“ (S.102). Deutlich wird dabei auch, dass sich hierbei nicht einfach eine Gruppe durchsetzt, sondern Verfassung und Gesetzgebung Ergebnis von Klassenkompromissen sind.

Jede Gruppe versucht, die anderen für seine Zwecke zu nutzen. Die Finanzwelt hofft auf ein zurückdrängen feudaler Scharanken und macht etwa über die Schließung von Banken Druck, doch ein Umwerfen des Systems war nicht ihr Ziel. Doch es entsteht ein Prozess, in der sich die Beteiligten ihrer Rolle und ihrer Möglichkeiten bewusst werden.

Historische Subjekte

Frölich betont die gesellschaftlichen Strukturen und Vorstellungen, in denen die Beteiligten gefangen sind, doch er ist kein Determinist. Die berühmten Akteure der Revolution, Mirabeau und andere, haben eine wichtige Rolle. Sie gestalten den politischen Verlauf aktiv mit, entwickeln Strategien, sie irren sich. Die Darstellung von Freiheit und strukturellen Zwängen von Einzelpersonen gelingt Frölich so leicht, dass man fast vergisst, dass hier ein alter Streit verarbeitet wird: die Wiederbelebung des historischen Materialismus und seiner Dialektik gegenüber dem Marxismus-Leninismus und anderen Spielarten des strukturalistischen Marxismus.

Es sind die klassischen Themen der sozialistischen Geschichtsschreibung, die Frölich behandelt. Und auch wenn unser Geschichtsbild heute genauer und „bunter“ geworden ist, hab ich mir Frölich als bemerkenswerten Repräsentaten genau dieser Klassik notiert, der ein sehr präzises und aufschlussreiches Bild eines revolutionären Moments gezeichnet hat. Sein geplantes Werk wäre, wenn man die 1940er und 1950er Jahre zum Maßstab nimmt, seiner Zeit weit voraus gewesen.

Paul Frölich: 1789 – Die große Zeitenwende. Von der Bürokratie des Absolutismus zum Parlament der Revolution (Aus dem Nachlass). Frankfurt am Main 1957

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Eine Antwort to “1789 klassenanalytisch”

  1. Revolution 1848/49 in Bayern – Buchverlosung « kritische geschichte Says:

    […] der Politik- und Sozialgeschichte der Revolution in Bayern. Vom Zugriff her vergleichbar der Revolutionsgeschichte von Paul Frölich, die ich vor ein paar Wochen vorgestellt habe. Dazu gehört auch unbedingt die im Netz verfügbare, […]

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