Regensburger Stadtspitze gibt sich lieber königstreu

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Protestaktion des Bundes für Geistesfreiheit, 9.5.2010

Protestaktion des Bundes für Geistesfreiheit, 9.5.2010

Es war ein Spektakel, das vor einer Woche in der Regensburger Innenstadt geboten wurde. Mit Festzug und Tieflader (!) wurde eine altes Reiterstandbild von König Ludwig I. vor den Regensburger Dom transportiert, um dann im Beisein der Regensburger Prominenz – bei Bier und Bratwürstel versteht sich – mit einem Kran auf den Platz gehoben zu werden, wo es schon 1902 stand. Man könnte es dabei bewenden lassen. Aber der Regensburger Oberbürgermeister Hans Schaidinger bugsierte damit nicht zufällig einen antiaufklärerischen Antidemokraten in die Stadtmitte. Nicht die erste Eskapade des umstrittenen Oberbürgermeisters. Immer wieder sorgt die Geschichtspolitik der Regensburger Stadtspitze für überregionale Kritik – auch im konservativ-liberalen Spektrum. Während eine anständige Gedenktafel für die Opfer des KZ-Außenlagers Colosseum zur Never-Ending-Story gerät, wurde die Rückkehr des Wittelsbacher in kürzester Zeit realisiert.

Domplatz in Regensburg

Domplatz in Regensburg

Schließlich, so die offizielle Begründung, habe sich der kunstsinnige Ludwig I. um das Weltkulturerbe Regensburg verdient gemacht und den Dom vollendet. Die Nazis hatten die Figur entfernt, nun kommt sie unter den Fahnen der Stadt Regensburg und der Brauerei Bischofshof zurück

Festzug

Festzug

Bedient wird damit der Mythos vom friedfertigen und kulturell engagierten Monarchen, der wie alle Wittelsbacher die Modernisierung des Landes weise von oben betrieben habe. Dieses Geschichtsbild erweist sich jedoch bei genauerem Hinsehen als unhaltbar. Ludwig  I. war ein absolutistischer Autokrat…

  • … der die liberal-bürgerliche Demokratiebewegung unterdrückte: Im Vormärz führte er die Pressezensur wieder ein. Der scheinbar unpolitische und friedfertige Wittelsbacher hatte nicht weniger als 1000 politische Prozesse zu verantworten. Die Zensur traf übrigens Regensburg besonders hart, hatte sich doch unter der protestantischen Bevölkerung eine liberale Öffentlichkeit mit entsprechender Publizistik entwickelt.
  • .. der zur Stützung der von ihm gewünschten absolutistischen Gesellschaftsordnung eine aktive Rekonfessionalisierung der Gesamtgesellschaft betrieb. Die Gestaltung der Schulpolitik überließ er erzkonservativ-katholischen Kreisen, den sogenannten Ultramontanen, die letztlich auch für seinen Sturz 1848 verantwortlich zeichneten.

Der hier inszenierte Kampf um den öffentlichen Raum kennt viele  Ursachen. Der Belebung des Tourismus ist sicher ein Gesichtspunkt.

Denkmal Ludwig I.

Denkmal Ludwig I.

Entscheidender ist jedoch die tiefe Krise, in der die Regensburger CSU steckt. Seit Jahren ist sie tief zerstritten. Über Folklore soll die Unterstützung der zuletzt skeptisch gewordenen konservativ-katholischen Bevölkerung erneuert werden. Zudem entspricht Ludwig den Ordnungsvorstellungen einer Stadtspitze, die u.a. mehrere Bürgerentscheide ignorierte, ebenso, wie der Politik des bundesweit bekannten Bischofs  Müller, der sich als Kämpfer gegen die Laienbewegung in der Kirche profiliert.

Das von der Regensburger Stadtspitze transportierte Bild ist offen bayerisch-nationalistisch. Doch diese geschichtspolitische Strategie hat keine Ausstrahlungskraft mehr: Auf dem Domplatz versammelten sich in erster Linie ältere Leute, neugierige Touristen und Angehörige von Burschenschaften. Außerdem Teilnehmer einer kleinen Gegendemonstration…

Doch kann das auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das bayerische Geschichtsbild bis heute von Königs- und Herrscherbiographien geprägt ist.  Die Geschichte der bayerischen Demokratiebewegungen muss immer noch geschrieben und vermittelt werden.

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Eine Antwort to “Regensburger Stadtspitze gibt sich lieber königstreu”

  1. Richard Says:

    Hallo Richard,
    deiner Analyse kann ich nur vollinhaltlich zustimmen. Ich hoffe nur, dass ist nicht zu Folgekonflikten der Stadtoberen mit dem Regensburger Bischof kommt, wenn durchsickert, dass Ludwig I. von den katholischen Bayern 1848 vor allem wegen seiner ehebrecherischen Affäre mit der iro-schottischen „Lebedame“ Lola Montez vom Thron gestürzt wurde.
    Gruß,
    Richard

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