Lernen von der Osterinsel?

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Anonymous photograph: Easter Island, two Europeans and statue, c. 1880, Wikimedia Commons

Die Süddeutsche Zeitung bringt in ihrem Wirtschaftsteil derzeit eine Artikelserie zur Frage, welche Art von wirtschaftlichem Wachstum möglich und erstrebenswert ist. Zum 29.12.09 hat Moritz Koch Jared Diamond interviewt, den derzeit wohl bekanntesten wie erfolgreichsten Publizisten der globalen Umweltgeschichtsforschung. Die Spezialität des Geographen sind universalhistorische Werke, die sich mit Aufstieg und Fall ganzer Kulturen befassen, und diesen aus dem jeweiligen Umgang mit den ökologischen Grundlagen und den natürlichen Ressourcen erklären (z.B. Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften, Frankfurt/Main 1999 oder Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen, Frankfurt/Main 2005). Diamond versteht sich v.a. als politischer Autor; das SZ-Interview verdeutlicht jedoch m.E.  paradigmatisch die Schwächen und Gefahren einer Geschichtsdeutung, die sich, was ihre Narrationen angeht, v.a. an Popularität, glatter Eingängkeit und Vereinfachung, um einer möglichst breitverständlichen Didaktik willen, orientiert. Ein Beispiel:

SZ: Welche untergegangene Zivilisation würden Sie als Beispiel nennen, um die Politiker wachzurütteln?

Diamond: Die Gesellschaft der Osterinsel. Ihre Isolation im Pazifik ist eine Metapher für unsere Isolation im Weltall. Die Osterinsel wurde im späten neunten Jahrhundert von Polynesiern besiedelt. Die Siedler schufen eine Zivilisation, die allein durch ihre eigene Destruktivität zusammenbrach. Es gab keine Komplikationen durch äußere Feinde und Handelspartner. Auf dem Höhepunkt ihrer sozialen Entwicklung lebten bis zu 30.000 Menschen auf der Insel, die die berühmten Steinstatuen errichteten. Doch ihr Lebensstil überforderte die Natur. Die Wälder wurden abgeholzt, weil die Einwohner Holz zum Bau für Kanus und zum Transport ihrer Statuen brauchten. Als die Bäume schwanden erodierte der fruchtbare Boden. Es konnten keine neuen Kanus gebaut werden. Die Insulaner waren von ihren Fanggründen auf hoher See abgeschnitten. Konflikte über die immer knapper werdenden Ressourcen arteten in Gewalt aus. Noch bevor die Europäer die Insel entdeckten, war die Gesellschaftsordnung zusammengebrochen.

Inseln eignen sich – nicht nur für Ethnologen, bei denen Inselforschung lange Zeit fast eine Manie war – als ideale Studienobjekte für sozial- und kulturwissenschaftliche Betrachungen, muss hier doch mit bedeutend weniger externen Variablen gerechnet werden, als bei Festlandgesellschaften. Richard Grove (Green Imperialism. Colonial Expansion, Tropical Island Edens and the Origins of Environmentalism 1600-1860, Cambridge 1995) glaubt sogar, den Ursprung des modernen ökologischen Denkens auf den Inseln des portugiesischen Kolonialreichs zu finden. Wie im Zeitraffer mussten die Portugiesen die Folgen der von ihnen initiierten Entwaldung gespürt haben. Das Osterinsel-Problem, populär durch Kevin Costners Melodram Rapa Nui, ist jedoch komplexer. Wie aus Joachim Radkaus globaler Umweltgeschichte Natur und Macht (München 2000) zu erfahren ist, fanden die ersten Europäer, als sie 1722 die Insel erreichten, noch immer eine, wenn auch nicht blühende, so doch intakte Gesellschaft mit gesunden Bewohnern vor. Die eigentliche Zerstörung der Inselgesellschaft erfolgte nach dem kolonialen Muster. Nacheinander kamen niederländische Händler, spanische Kolonialherren, peruanische Sklavenhändler und französische Schafzüchter. Infektionskrankheiten, erzwungene Migration und die Mäuler der Wolltiere veränderten, die Umweltgeschichte der Insel von Grund auf.

Diese, komplexere und natürlich noch immer stark vereinfachte, Version der Osterinsel-Erzählung, würde auf dem populären Sachbuchmarkt kaum funktionieren, schon gar nicht westliche Politiker und Bevölkerungen „wachrütteln“. Wir werden aber dennoch nicht umhin kommen, globale Umweltfragen, als komplexe Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen und zwischen Gesellschaften zu begreifen, die keine einfache Erklärung haben, nach dem Motto, wenn ihr nicht umkehrt, erleidet ihr dasselbe Schicksal, wie  die Osterinsulaner. Der ökologische Diskurs operiert mit moralisierenden Wertungen, Schuldzuweisungen; er weist Verantwortungen und in seinen politischen Auswirkungen Kosten zu. Die Frage, wer leidet genau worunter, und wer ist dafür verantwortlich, ist in bestehende Machtstrukturen eingebunden, die sich nicht mit simplifizierende Metaphern durchleuchten lassen.

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Eine Antwort to “Lernen von der Osterinsel?”

  1. Richard Heigl Says:

    Ein feiner Beitrag. Meiner Vermutung nach ist Diamond in eine Falle getappt, vor der keiner, der publiziert und eingreifen möchte, gefeit ist. Er hat eine These und Aussage, von der er der Meinung ist, dass sie komplett ignoriert wird. Dann wird diese These gegen diesen realen oder gedachten Widerstand der anderen so in den Vordergrund geschoben, dass nicht mehr viel Raum für Differenzierungen bleibt oder andere Aspekte in den Hintergrund gerückt werden. Interviews sind überhaupt gefährlich, weil du immer nur verkürzt Aussagen treffen kannst und dann wird dir auch noch alles rausgestrichen und umgeschrieben. Ein Elend….

    Aber es stimmt schon, was du sagst: Die Verlockung, sich auf ein einfaches Erklärungsmodell einzustellen, ist bei Autoren wie Verlagen, die einen großen Absatz erzielen wollen, riesengroß. Ob der populäre Sachbuchmarkt für differenzierte Geschichte völlig verloren ist, bezweifel ich allerdings. Im Blick habe ich dabei den britischen Buchmarkt, auf dem durchaus im populären Sektor exzellente Bücher zu finden sind und auch von Wissenschaftlern wesentlich engagierter für diesen Markt geschrieben wird.

    Viele Grüße,
    Richard

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