Harvey Goldberg über Geschichte (1974)

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Der US-amerkianische Historiker und Aktivist Harvey Goldberg hatte vor allem als Hochschullehrer viele Studentinnen und Studenten in den radikalen 1960er Jahren beeinflusst. Das Harvey Goldberg Center archiviert heute zahlreiche Aufnahmen seiner Vorlesungen. Die Vorlesungen von 1974 sind auch im Netz via Filesharing erhältlich (runterladen, anhören!). Zwei gefunde Gedanken möchte ich kurz notieren: Über nützliche Vergangenheit und die Geschichte anderer Völker am Beispiel Vietnam.

Goldberg skizziert 1974 als seine Herangehensweise und sein Interesse an die Geschichte (Hervorhebungen von mir):

You see, I became a historian, such as it is, by accident, and it has remained accident ever since. And it has never been the kind of thing that I have cared to tell the census taker.
Because it is not a professional thing with me, and it is not chronology, and it is not archaeology, and it is not computers, and it is not the memory bank, and it is not really getting on cards every little lopin of land in a French province in 1702.

It is not that, and  if anything, and if there is a model, it is to go to history the way Marx went to history, which is to go from your present crisis, to go from your present struggle, and to go back and to find the usable past. That’s all that is interesting to me. What is the usable past, what it is that is part of our social practice, what we can use after all by way of options, by way of understanding of the problems that really burn very deeply within us. And consequently to do that sort of thing is to do many things that aren’t necessarily so orthodox, necessarily so respectable, that aren’t even really very academic.

But you have been there with that, and it’s in social practice that we have a certain kind of eternality together. There is no end to this. I am very committed to you, as committed to you as you are to me. And there is something that will keep us together, and that is important, and that is very strong.

Von den heutigen Problemen auszugehen, um „Nützliches“ oder „Brauchbares“ in der Vergangenheit zu finden, ist ein Gedanke, der zum  festen Bestandteil gesellschaftskritischer Geschichtsarbeit geworden ist.  Die Vergangenheit wird dann „nützlich“, wenn sie beiträgt, das heutige Handeln, die heutigen Verhältnisse besser zu verstehen. Soweit so gut. Historische Analyse ist dann aber auch ein zentraler Beitrag, um die heutigen Verhältnisse reflektiert zu überwinden.

Klar ist auch: Eine „nützliche Vergangenheit“ birgt natürlich immer die Gefahr, einfach nur nützlich für (Selbst-)Manipulationen zu sein. Ich spekuliere, dass Goldberg sich dieser Gefahr bewusst war. Aber es würde mich nicht wundern, wenn er zum Schluss gekommen ist, dass letztlich nichts viel mehr bleibt, als die Erfahrungen der Geschichte trotz dieser Gefahr auszuwerten.

Interessant finde ich auch den Gedanken, dass unserem gesellschaftlichen Handeln  auch ein „certain kind of eternality“ innewohnt. Das erinnert ein wenig an Walter Benjamin. Goldberg formuliert es bewusst vorsichtig und will unter der Hand nicht zum Metaphysiker werden. Aber es gibt etwas, das immer da ist, unendlich weitergeht. Nennen wir es ein Projekt. Es aktualisiert sich, so meine Interpretation,  während des sozialen Handelns immer wieder neu.

Wie wichtig es dabei ist, dass die Menschen vor Ort lernen, ihre Geschichte aus ihren konkreten Erfahrungen heraus selbst machen können, zeigt ein anderer Beitrag über Vietnam (1974):

What I’m asking you to do about any problem of the world is to understand that the people who are involved in that problem have a history. And that, when they come upon you, in your history, it is as a moment.

And that history, after all, of their own is the one that defines their problem. It was a magnificent Vietnamese, a Vietnamese who was in the Vietnamese delegation in Joissy for the North Vietnamese at Paris who took me aside and said „You know that I most criticize you Americans about, that you came into Vietnam never having been in our history, knowing nothing about our history, never having even had travelers there of note, and, c, you seek to define our destiny. Our destiny is rooted in all that we have fought for and all that we have defined by ourselves.“

And, so even though it is a tedious thing, it is important, after all, to go back into the history of a people and to define the problem as it emerges at that moment of contact with your own country and with its particular foreign policy.

Das ist eine der zentralen Thesen westlicher Marxisten, wie Goldberg, Abendroth und vielen anderen: Man kann anderen ihre spezifischen Lern- und Emanzipationsprozesse  nicht abnehmen. Jede Gruppe muss und kann aus ihren eigenen Erfahrungen heraus, aus den konkreten Verhältnissen vor Ort ihren Weg in Richtung Demokatie und sozialer Gerechtigkeit finden. Man kann also nicht mir nicht dir nichts das Modell einer anderen Gesellschaft übernehmen und überstülpen.

Wieder was zum weiterdenken.

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4 Antworten to “Harvey Goldberg über Geschichte (1974)”

  1. Fabian Tietke Says:

    In der Tat sehr spannende Zitate, die die Sachverhalte sehr pointiert beschreiben- das mit dem Ausreiten auf der Suche nach Nützlichem in der Geschichte für heutige Fragen – wo steht das? Ist da noch mehr im Umfeld des Textes (?) zu finden?

  2. Richard Heigl Says:

    Hi Fabian,

    ich habe die Zitate hier raus:
    http://history.wisc.edu/goldberg/clips/audio_clip_transcription.pdf

    Leider sind das nur sehr kurze Transskriptionen und viel mehr geben sie nicht her. Vielleicht sollte man sich mal die Artikel von Goldberg holen und schaun, ob da was Brauchbares dabei ist :-).

    Viele Grüße!
    Richard

  3. Fabian Tietke Says:

    Danke für den Link. Dann werd ich mich mal auf die Suche begeben…

  4. Fukushima als Tschernobyl des spätkapitalistischen Weltsystems? – Ein guter Artikel und zwei Bemerkungen zu Kapitallogik-Analysen « kritische geschichte Says:

    […] für politisches Handeln zeigen. Sie bleiben distanziert und wirkungslos. Deswegen habe ich hier in diesem Blog schon ein paar Mal auf einen Satz des marxistischen Historikers Harvey Goldberg (1922-1987) […]

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