Gegen die Entpolitisierung und Manipulation der Umweltgeschichte

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Richtig sauer ist Frank Uekötter, über den Spiegel im Allgemeinen und über den Cottbuser Umwelthistoriker Günter Bayerl im Besonderen. Über zwei Seiten durfte Bayerl seine Ausführungen zur Geschichte und Zukunft der Braunkohle im Spiegel ausbreiten – eine nicht als solche erst gar nicht mehr gekennzeichnete Anzeige des Braunkohle-Forums, einer Lobbyorganisation der Braunkohleindustrie. Der Text aktualisiert zahlreiche Mythen der Umweltgeschichte. Sarkastisch schreibt Uekötter:

Möglicherweise war der Artikel ja ein subversiver Versuch, der Braunkohlelobby einen offenkundig absurden Diskussionsbeitrag unterzujubeln, um dann nach Veröffentlichung deren Ignoranz bloßzulegen?

Angenehm angriffslustig kommt der Autor zum Schluss:

Wir brauchen eine Umweltgeschichte, die sich mutig in die gegenwartspolitischen Debatten einmischt, mit Selbstbewusstsein ob ihrer Ergebnisse, aber auch dem Bewusstsein, dass sie bestimmte Dinge nicht liefern kann, ohne sich als Legitimationswissenschaft der einen oder anderen Seite lächerlich zu machen. Und die sich nicht weiter davon beeindrucken lässt, dass man damit vielleicht kein Geld von der Braunkohle bekommt.

Uekötter, Frank: Umweltgeschichte: Gegen die Leisetreterei, in: umwelt aktuell, 8-9/2009

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Eine Antwort to “Gegen die Entpolitisierung und Manipulation der Umweltgeschichte”

  1. Richard Hölzl Says:

    Auch ich habe mich, gelinde gesagt gewundert, als ich den Lobbyisten-Beitrag des Deutschen-Braunkohle-Forums mit Unterstützung Günter Bayerls, allerdings nur als halbseitige Anzeige in der Süddeutschen Zeitung, entdeckt habe. Betrachtet man Bayerls Forschungsarbeiten – in der Umweltgeschichte ist er mit der ‚Ökonomisierungsthese‘ bekannt geworden – wird dieses Engagement kaum verständlicher. Seit den späten 1980er hatte er insbesondere, das radikale Nützlichkeitsdenken, die ‚Warenhausökonomie‘ im Umgang mit der Natur seit dem 18. Jahrhundert kritisch hinterfragt – ganz im Stil der engagierten Sozialgeschichte der Zeit. Was also treibt ihn, sich hinter die Ziele der Braunkohle Lobby zu stellen, die was ihren Umgang mit der Natur, bes. der Landschaft, ja als Sinnbild umweltpolitischen Utilitarismus gelten kann? Seine jüngeren Forschungen zur Technikgeschichte geben vielleicht mehr Aufschluß. Bayerl befasst sich mit der Geschichte des Braunkohlebergbau in der Niederlausitz. Sein Engagement gilt unter anderem der Erhaltung von industriellen Denkmälern, wobei er viel Gespür für das Bedürfnis nach Tradition und Identität ostdeutscher Industrieregionen beweißt. Vielen steht klar vor Augen, dass der Bergbau im Osten nach 1990 sang- und klanglos abgewickelt wurde. Dies war, wohlgemerkt, an Rhein- und Ruhr nicht im gleichen Maße der Fall. Identität und Tradition der Kumpel im Westen wurden an anderen Maßstäben gemessen. Sich damit Auseinanderzusetzen ist durchaus kritische, umweltbezogene Regionalgeschichte. Sich dafür mit der Industrie-Lobby für eine Wiedereinführung des Braunkohletagebaus einzusetzen, ist allerdings m.E. ein Fehlgriff. Diese Herren scheren sich wenig um regionale Identitäten und Traditionen. Um diesen Kommentar abzuschließen, Frank Uekötter ist in seiner Verwunderung und Kritik beizustimmen. Allerdings könnten die Hintergründe etwas tiefer liegen, als seine Analyse schürft.

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