Archiv für die Kategorie ‘Arbeiterbewegung’

Arno Münster: Utopie, Emanzipation, Praxis. Sozialphilosophische Interventionen; Berlin 2012 (Rezension)

6. Mai 2013

Arno Münster, emeritierter Professor für deutsche Philosophiegeschichte, Ernst Bloch-Schüler und Autor vieler Schriften, die dem Wissenstransfer zwischen der deutschen und französischen Linken dienten, legt in Utopie, Emanzipation, Praxis zehn Texte (Vorträge, Aufsätze, ein Interview) vor, deren Gemeinsamkeit er darin sieht, einen „stets kritischen, dialektischen und materialistischen Ansatz in der Gesellschaftsanalyse mit der Analyse von Denksystemen“ zu verbinden, „die die Kritik der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse immer noch mit der Hoffnung einer letztendlich vielleicht doch noch möglichen gesellschaftlich-politischen Durchsetzung des Emanzipationsgedankens und der sozialen Gerechtigkeit vereint“ (S.9).

Besonders wichtig scheint es Münster dabei der von ihm diagnostizierten „’Abwicklung’ und Marginalisierung des Marxismus nach der deutschen Wiedervereinigung“ etwas entgegenzusetzen (S.10) – indem vor allem an einen anderen, freiheitlichen Marxismus erinnert wird. Hierbei steht Ernst Bloch im Zentrum dreier Texte, und dessen „Grundverdienst“ sieht Münster dann auch darin, „dass er den Marxismus humanistisch, messianisch-utopisch bereichern, erneuern wollte“ (S.41f.). Der Aufsatz/Vortrag zu Jean Paul Sartre hebt positiv hervor, dass dieser mit seiner Kritik der dialektischen Vernunft, neben wenigen anderen „den wichtigsten theoretischen Beitrag zur Neubegründung einer kritischen, undogmatischen und auf weite Strecken neo-marxistischen Praxisphilosophie im 20.Jahrhundert“ geleistet hätte (S.98). Und zum Austromarxisten Max Adler wird auf dessen „sehr wertvollen und gleichzeitig auch sehr wichtigen Beitrag zur Entdogmatisierung des Marxismus“ aufmerksam gemacht (S.190), wie auch Pierre Bourdieu bescheinigt wird, sich „der marxistischen Kritik in zahlreichen Punkt angenähert“ zu haben (S.123). (weiterlesen…)

“Der Überlebenskampf des Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung” (Rezension)

4. April 2013

Mit zwei Aufrufen meldete sich am 4. Dezember 1989 der Arbeitsausschuss am Institut für Marxismus-Leninismus in Berlin zu Wort. Dem Gremium stand Prof. Dr. Günter Benser vor und ihm und seinen aktivsten Mitstreitern war Folgendes sehr wichtig: ein „Neuansatz der Geschichte der nationalen und internationalen Arbeiterbewegung“, die „schonungslose Aufdeckung stalinistischer Verbrechen“ sowie die „sofortige Rehabilitierung aller unschuldigen Opfer“ und die nachdrückliche Aufforderung zum Mitdenken jedes einzelnen Institutsmitarbeiters über die Perspektive des Instituts – Vorschläge seien umgehend (bis 12 Uhr des nächsten Arbeitstages) im Sekretariat abzugeben.

Couragiert agierte damals der Historiker Benser als fast einstimmig gewählter Institutsdirektor an der Spitze einer der größten gesellschaftswissenschaftlichen Institutionen der DDR. Als Abteilung des Apparats des Zentralkomitees der SED war das IML seit 1968 „im System der Gesellschaftswissenschaften der DDR zentrale Leiteinrichtung für die Tätigkeit auf den Gebieten der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, der deutschen und allgemeinen Geschichte sowie der Marx-Engel-Forschung“ und seine Mitarbeiter waren „stärker in die politischen Strukturen der DDR und speziell in den Apparat der SED eingebunden als Wissenschaftler aller anderen Institutionen“. (weiterlesen…)

Nie wieder Kommunismus? Zur linken Kritik an Stalinismus und Realsozialismus

23. September 2012

Ein Lesetipp.

Bis vor wenigen Jahren war in der aktivistischen Linken das Thema Stalinismus- bzw. DDR-Kritik toter als tot. Die antiautoritäre Linke verlor mit einigem Grund nicht viel Worte über den „Realsozialismus“, ist dieser doch Lichtjahre entfernt von einer nicht näher definierten, utopischen, herrschaftsfreien Gesellschaft („Auf Staat und Parlamente, habe ich noch nie vertraut“). Mit der Hinwendung zum Kommunismus-Begriff, den in den vergangenen Jahren größere Teile der radikalen Linken unternommen haben, wächst auch die Notwendigkeit und das Interesse daran, sich mit dem Wesen und der Genese des Stalinismus auseinanderzusetzen. Ein erster Höhepunkt war sicherlich Bini Adamczak’s Essay „gestern morgen“ aus dem Jahr 2007.

Und tatsächlich: In der Auseinandersetzung mit der autoritär gewendeten Revolution kann nur gewonnen werden, der Band der Gruppe INEX ist dafür ein gutes Beispiel. Die Entstehung des Bandes ist verbunden mit einer Reihe von Veranstaltungen, die sich zum Teil hier nachhören lassen, geht aber in seiner Breite (12 Aufsätze und eine Einleitung) weit darüber hinaus.

Der Band ist politisch auf der Höhe der Zeit sowohl wissenschaftlich als auch politisch.[bearbeitet 25.09.2012 nach Einwand P.B./Kommentar 1) Auch wenn im Folgenden nur einzelne erwähnt sind, habe ich alle Aufsätze samt Einleitung gelesen und nur bei einem einzigen Aufsatz keine rechte Lust gehabt, ihn zu Ende zu Lesen – das ist eine verdammt gute Quote. (Hier geht’s zum Inhaltsverzeichnis) (weiterlesen…)

Ralf Hoffrogge: Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland. Von den Anfangen bis 1914.

13. Dezember 2011

Cover Hoffrogge SozialismusMarion Liebhold vom Buchladenkollektiv Schwarze Risse (Berlin) hat reingeblättert.

Die Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung in Deutschland wurde lange dominiert von der Sozialdemokratie und dem orthodoxen Marxismus. Sie hat an den Niederlagen der Bewegung selbst, bis hin zu ihrer Zerschlagung 1933, gelitten. Eine Folge davon ist, dass, wie Ralf Hoffrogge in der Einführung zu diesem Buch schreibt, ein Großteil der linken „Gruppen und Bewegungen abseits von Linkspartei und Gewerkschaften in ihrer politischen Aktivität keinen Bezug mehr zur Geschichte des Sozialismus hat.“ Weil aber die „Klassenfrage“ heute aktueller denn je ist, sind es auch die Erfahrungen und Lehren, die sich aus der Geschichte der Klassenkämpfe und ihrer Organisationen ziehen lassen.

Da eine Sozialgeschichte der modernen Arbeiterbewegung den Rahmen einer theorie.org-Einführung sprengen würde, konzentriert sich Hoffrogge vor allem auf ihre politische Geschichte. Er stellt die Organisationen, ihre Entstehungsbedingungen und LeiterInnen vor und zeichnet die richtungweisenden Debatten und Entscheidungen nach. (weiterlesen…)

Zweimal linke Bewegungsgeschichte

29. Oktober 2011

Richard Müller Novemberrevolution Cover Sachen, die man lesen könnte:

Da ist zum einen das dritte Heft Beiträge zur Geschichte einer pluralen Linken. Bewegungen, Parteien, Ideen, herausgegeben von Marcel Bois und Bernd Hüttner, erschienen. Auf die beiden ersten Hefte habe ich hier schon hingewiesen.

Und dann habe ich mir noch “Eine Geschichte der Novemberrevolution” von Richard Müller angesehen. Im Original erschienen 1924 und 1925 wurde diese jetzt neu herausgegeben.
Geschichtspolitisch und historiographisch halte ich das Buch für bedeutend. So war Müller Metallarbeiter und Vorsitzender des Vollzugsrats der Arbeiter- und Soldatenräte in der deutschen Novemberrevolution. Wir erhalten mit seiner Darstellung der Geschehnisse einen Blick auf die Revolution aus Sicht der Räte und revolutionären Obleute, die in den gängigen Darstellungen nicht oder nur verzerrt widergegeben wird.
Müller ging es politisch um den Nachweis, dass die Eskalation der Konflikte eine gezielte Strategie der Gegenrevolution war: Es gab keinen Bürgerkrieg von links, vielmehr wurde der Bürgerkrieg von rechts geführt. Müller arbeitete dazu recht akribisch mit historischen Belegen. Und so ist seine “Geschichte der Novemberrevolution” auch eine im akademischen Sinn richtige Geschichtsschreibung, die in der Einleitung von Ralf Hoffrogge lesenswert in die Historiographiegeschichte eingeordnet wird.

Geschichte als Graphic Novel: Tina Modotti – Eine Frau des 20. Jahrhunderts

25. September 2011

Tina Modotti in the 1920 film The Tiger's Coat.

Spätestens seit der Publikation von „Maus“, für die der Autor Art Spiegelman 1992 mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, sind Graphic Novels ein ernst genommenes und honoriertes Genre der Literatur. Spiegelman bewies, dass man auch in comicartiger Form Lebensgeschichten erzählen und dabei spielerisch Wissen vermitteln kann. Barbara Eder, die am Soziologischen Institut der Universität Wien zur Thematik promoviert, geht davon aus, dass sich das Medium Graphic Novel zur Erzählung einer Lebensgeschichte sogar besser eigne, da

die extrem brüchige Erzählform von Comics – mit den leeren Räumen zwischen den Bildern – einer Biographie, die nicht linear verlaufen ist, möglicherweise mehr entspricht als eine literarische Erzählung.

Der spanische Comiczeichner Ángel de la Calle scheint dies ähnlich zu sehen und wählte jene Form, um das bewegte und sagenumwobene Leben der politischen Künstlerin Tina Modotti nachzuzeichnen. Bereits im Jahr 2003 erschien der erste Teil der zweibändigen Graphic Novel auf Spanisch und erhielt einige Auszeichnungen. Nun wurde er von Timo Berger ins Deutsche übersetzt und, zusammengefasst als Doppelband, beim Rotbuch Verlag herausgegeben. (weiterlesen…)

Erhard Lucas über die Märzrevolution 1920

13. August 2011

Arndt Beck widmet sich in einem Blogpost der historischen Aufarbeitung der Märzrevolution von 1920 im Ruhrgebiet. Er erinnert dabei an den wichtigen aber weitgehend vergessenen Historiker Erhard Lucas (1937-1993). Lesenswert ist vor allem dessen Artikel Die Märzrevolution von 1920 – und ihre historische Verarbeitung, mit dem Lucas in das Thema kurz und bündig einführt. Beck hat dankenswerterweise den Beitrag online gestellt.

Zu sehen gibt es dann auch ein Musikvideo von den Grenzgängern. Ich habe ja bei vielen Politbarden das Problem, dass sie mir zu “pädagogisch” daherkommen. Aber der Song 1920 gehört von der Machart her zu den Produktionen, die man sich mal anhören kann, ohne dass man gleich in den Fremd-Schäm-Modus fällt.

“Raus aus dem studentischen Milieu” – Betriebsinterventionen in den 1970ern

22. Mai 2011

In der Jungle World gibt es ein kurzes Interview mit dem Politikwissenschaftler Jan Ole Arps. Arps tourt gerade mit seinem Buch Frühschicht. Linke Fabrikintervention in den 70er Jahren (Assoziation A, 2011). In den Siebzigern gingen Tausende linke Studenten in die Fabriken, um von dort aus die soziale Revolution voranzubringen.

Global Labor History und Weltsystemanalyse – ein Artikel in der neuen Wildcat

16. April 2011

Einen guten Einblick in aktuelle Tendenzen und Aporien der beiden Forschungsansätzen gibt der Artikel Theologie versus Teleologie? – Moral, Diskurse und Staatsbezug in der Global Labor History, der dankenswerterweise auch online verfügbar ist. Der Beitrag setzt aber schon etwas Vorwissen voraus. Den Lesehinweis habe ich übrigens von Entdinglichung.

Die Linkspartei und ihre Geschichte (2)

3. Dezember 2010

II. Die Tradition und ein fehlender Trailer

Paul Klee, Hauptweg und Nebenwege, 1929, Public Domain

„DIE LINKE knüpft an linksdemokratische Positionen und Traditionen aus der sozialistischen, sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiterbewegung und aus anderen emanzipatorischen Bewegungen an. Wir bündeln politische Erfahrungen aus der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland.“

Zwei Sätze, die es in sich haben. So wird man lange blättern müssen, bis man ein Programm findet, das sich auf die sozialistische, sozialdemokratische und kommunistische Arbeiterbewegung bezieht. Der Begriff „linksdemokratisch“ markiert eine Distanz zu autoritären und avantgardistischen Parteikonzepten. Der Begriff bleibt aber schwammig. Radikaldemokratisch wäre auch denkbar, aber unterm Strich auch nicht viel genauer fürchte ich. Das ist aber nicht wichtig.

Entscheidend ist die wirkliche Bereitschaft, sich neu mit dem gesamten Erbe der Arbeiterbewegung, namentlich sich auch mit der kommunistischen, auseinander zu setzen und sich nicht pauschal abzugrenzen. Aber bleiben wir mal kurz bei der Arbeiterbewegung.

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