Das Soziale und das Ökologische integrieren

von

Die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom erklärt wie man gemeinsam nutzt, ohne zu zerstören.

Die amerikanische Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom hat in ihrem Werk „Governing the Commons“ (1990) ein historisches Vorurteil widerlegt, das seit der Spätäufklärung die Debatte um den Zugang zu natürlichen Ressourcen beherrscht. Die Allmende sei ein verschwenderisches System, da jeder nur nutzt und sich keiner für die Erhaltung zuständig fühlt. Der Mikrobiologe Garret Hardin hat diese Aussage, die in der Konsequenz die radikale Privatisierungen von Umweltgütern bedeutet, in moderne naturwissenschaftliche Termini gegossen und die VerMarktung von Luft und Wasser gefordert, um sie zu erhalten:

Ruin is the destination toward which all men rush, each persuing his own interest in a society that believes in the freedom of the commons. Freedom in a commons brings ruin to all. (Hardin, 1244)

Schweine der New Forest Commoners (Hampshire/UK), Wikimedia, Creative Commons L., Foto: J. Champion

Schweine der New Forest Commoners (Hampshire/UK), Wikimedia, Creative Commons L., Foto: J. Champion

Hardin, der sich explizit auf historische Beispiele bezieht, missversteht dabei historische Allmendsysteme als frei von Regeln, obwohl diese fast immer lokal hoch regulierte Felder waren. In akribischen empirischen Langzeit-Studien hat Ostrom untersucht, unter welchen Bedingungen gemeinschaftliche Nutzungen (Almenden, Commons) von Land, Wald oder Wasser funktionieren. Funktionieren heißt in diesem Zusammenhang, dass die natürlichen Lebensgrundlagen einer Gemeinschaft auf lange Frist erhalten bleiben. Voraussetzungen für erfolgreich institutionalisierte Allmenden seien, so Ostrum (1990, 117), klar definierte Grenzen, Kongruenz von Aneignungs- und Erhaltungsregeln, Arrangements für kollektive Entscheidungen und Konfliktlösung, eine interne Lösung für die Überwachung sowie die Anerkennung durch überregionale (staatliche) Herrschaft.

Dass Ostrom 2009 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt dürfte der Ausnahmesituation der globalen Finanzkrise seit 2008 geschuldet sein. Wahrscheinlich hätte sie auch den Alternativen Nobelpreis verdient.

Das African Studies Center der University of Michigan bietet auf seiner Homepage einen Mitschnitt eines Vortrags an, den Ostrom im Mai 2010 hielt. In knapp 60 Minuten Vortrag und Diskussion gibt sie einen Einblick in ihre Forschungsprojekte zur Integration von Ökologie, gemeinschaftlicher oder privater Nutzung und sozialer Kontrolle von natürlichen Ressourcen, insbesondere von Wäldern. Der Vortrag ist nicht nur für Wald- und Umweltspezialisten interessant. Allerdings ist ein wenig Ausdauer gefragt, da er HistorikerInnen durchaus etwas interdisziplinäre Geduld abfordert – so zumindest mein persönlicher Eindruck.

Zitierte Literatur:

Garrett Hardin, The Tragedy of the Commons, in: Science 162 (1968), 1243-1248.

Elinor Ostrom, Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action, Cambridge 1990 (dt.: Die Verfassung der Allmende: jenseits von Staat und Markt, Tübingen 1999).

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Eine Antwort to “Das Soziale und das Ökologische integrieren”

  1. entdinglichung Says:

    einen Artikel, der die positive Bezugnahme auf die Allmende kritisch hinterfragt findet mensch auch in der (auch sonst lesenswerten) aktuellen Wildcat, bisher leider nur in der Print-Ausgabe

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