Wikileaks – In historischer Perspektive

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Don Alphonso zieht in seinem Essay Sieben Jahrhunderte Wikileaks eine historische Linie von William von Ockham, über Jan Hus, Luther, Giordano Bruno, Diderot, Heine bis zur Spiegel-Affäre und Julian Assange.

Der Beitrag regt zum Nachdenken an und gerade deswegen habe ich mich gefragt, inwieweit die aufgezeigte Traditionslinie trägt. Ich bin noch zu keinem Schluss gekommen.

Der offensichtliche rote Faden ist, dass diejenigen, die prominent gegen den zeitgenössischen Dogmatismus für den freien Zugang zu Wissen eintraten, in der Regel die ganze Wucht öffentlicher Gewalt traf. Die Flucht vor dem Zugriff der so angegriffenen Potentaten war meist unvermeidlich. Stets stand Leib und Leben auf dem Spiel. Nehmen wir das als historische Linie Nummer 1.

Mir gefällt übrigens grundsätzlich der Ansatz, für eine aktuelle politische Debatte, historische Linien aufzuzeigen. Spannend wäre der Gesichtspunkt, dass viele dieser “Häretiker” – nennen wir sie einmal so – zumindest zeitweilig den politischen und praktischen “Schutz” von Leuten genossen, die kaum als emsige Vertreter der Meinungsfreiheit durchgehen: Ludwig der Bayer (Ockham), der Prager Erzbischof Zbynko Zajíc von Hasenburg (Hus), Kurfürst Friedrich der Weise (Luther), Heinrich der III. (Bruno), Katharina II. von Rußland (Diderot).

Das zeigt, dass die “Häretiker” immer auch Teil zeitgenössischer Auseinandersetzungen zwischen Eliten blieben. Hier fanden nicht nur Kämpfe zwischen “oben” und “unten” statt. Das von ihnen bereitgestellte Wissen wurde zur Waffe im Kampf zwischen hegemonialen Machtzentren und Peripherie auf der Ebene herrschender Klassen. Das ist m.E. bei Wikileaks nicht anders. Einflussreiche Bündnispartner aus der Peripherie: Damit hätten wir die historische Linie Nummer 2.

Das sagt nichts über die Inhalte aus. Und ebenso klar ist, dass die Publikation der Encyclopédie, die Lutherbibel oder Wikileaks wichtige Etappen auf dem Weg des freien Zugangs zu Informationen sind. Also historische Linie Nummer 3.

Ich sage aber auch bewusst Zugang zu Informationen und Wissen und bin vorsichtiger mit dem Begriff Meinungsfreiheit. Denn ebenso auffallend ist, dass die genannten “Häretiker” zwei weitere Gemeinsamkeiten verbindet. Die historischen Linien Nummer 4 und 5 sind für mich:

  • Die Eigentumsverhältnisse in der jeweiligen Gesellschaft und ihrer Medienlandschaft sind kein Thema. Zugespitzt: Luther hätte nie öffentliche Druckereien gefordert, Augstein keine öffentlich-rechtlich organisierte Zeitschriftenlandschaft. Dabei ist – und das zeigt wieder der Fall Wikileaks – der offene Zugriff auf Server, auf Anwendungen und das Distributionssystem die wichtigste Bedingung für eine demokratisierte Massenkommunikation.
  • Alle Vertreter der von Don Alphonso aufgezeigten Traditionslinie sind One-Way-Kommunikatoren. Publisher. Sie regulieren in ihrem Umfeld stark, was gesagt und verbreitet wird, was “oppositionell” ist. Foucault würde sagen, sie kontrollieren, selektieren, organisieren und kanalisieren ihre Diskurse.

Damit sind diese wichtige Neuerer, bleiben aber auch Vertreter eines sehr klassischen Konzepts von Intellektuellen und Medien. Gerade mit Blick auf die Möglichkeiten des Internets und den Anforderungen an eine demokratische Gesellschaft scheint mir hier ein historischer Bruch mit Teilen dieser Tradition nötig.

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Eine Antwort to “Wikileaks – In historischer Perspektive”

  1. Richard Heigl Says:

    Der Schockwellenreiter (Jörg Kantel) hat weitere historische Vorläufer ausgemacht: John Wilkes und Johann Georg Freymund. Außerdem ein interessanter Hinweis auf Kant.

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