Die Linkspartei und ihre Geschichte (2)

by

II. Die Tradition und ein fehlender Trailer

Paul Klee, Hauptweg und Nebenwege, 1929, Public Domain

„DIE LINKE knüpft an linksdemokratische Positionen und Traditionen aus der sozialistischen, sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiterbewegung und aus anderen emanzipatorischen Bewegungen an. Wir bündeln politische Erfahrungen aus der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland.“

Zwei Sätze, die es in sich haben. So wird man lange blättern müssen, bis man ein Programm findet, das sich auf die sozialistische, sozialdemokratische und kommunistische Arbeiterbewegung bezieht. Der Begriff „linksdemokratisch“ markiert eine Distanz zu autoritären und avantgardistischen Parteikonzepten. Der Begriff bleibt aber schwammig. Radikaldemokratisch wäre auch denkbar, aber unterm Strich auch nicht viel genauer fürchte ich. Das ist aber nicht wichtig.

Entscheidend ist die wirkliche Bereitschaft, sich neu mit dem gesamten Erbe der Arbeiterbewegung, namentlich sich auch mit der kommunistischen, auseinander zu setzen und sich nicht pauschal abzugrenzen. Aber bleiben wir mal kurz bei der Arbeiterbewegung.

Internationaler Bezug fehlt

Der Blick des Entwurfs ist da noch völlig national. Es fehlt jeder internationale Bezug. Aber kann man ernsthaft behaupten, dass man nur die „politische Erfahrungen aus der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland“ bündelt? Schon die Berliner Mauer lässt sich ohne die Herren in Moskau nicht erklären. Was ist mit einem Prager Frühling? Was mit den so Stichwortgebern des “westlichen Marxismus” oder die unorthodoxe osteuropäische Intelligenz? Was mit den westeuropäischen „linkssozialistischen“ Parteien, die in den letzten Jahren von Linkspartei wie Rosa Luxemburg Stiftung intensiv untersucht und als beispielgebend hingestellt worden sind? Was mit der Internationale eins bis x?

Der einseitige Bezug auf die BRD und die DDR wird der Realität und vor allem den Mitgliederbiographien der Linkspartei nicht gerecht. Und jede bisherige soziale Bewegung musste sich sogar ab einem gewissen Punkt ihrer Entwicklung in einen internationalen Kontext setzen, um auf den international aufgestellten politischen Gegenspieler und das gesellschaftlich-wirtschaftliche System antworten zu können. Das gilt auch für Parteien.

Den Autorinnen und Autoren des Entwurfs ist aber diese Beschränkung auf den nationalen Kontext nicht allein anzukreiden. Da gibt es allgemein einen großen blinden Fleck in der Geschichtsschreibung. So stellte der Historiker Mario Keßler kürzlich fest, dass es seit Wolfgang Abendroths Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung von 1965 (!) keine überzeugenden Versuche mehr gab, wenigstens eine überregionale Geschichte der Arbeiterbewegung zu schreiben (vgl. Hoffrogge 2010). Von einer überregionalen Geschichte sozialer Bewegungen reden wir erst gar nicht. Auch hier gibt es bestenfalls Lokal- und Einzelstudien; wie etwa die Revolutionstheorie aus Lateinamerika von der Studentenbewegung aufgenommen wurde. Da gibt es noch was zu tun.

Spielen die Alternativbewegungen nur eine Nebenrolle?

Der mangelnde internationale Bezug des Entwurfs wird übrigens noch deutlicher, wenn man an die „anderen emanzipatorischen Bewegungen“ denkt. Nehmen wir nur die globalisierungskritische Bewegung und die weltweiten Sozialforen, die auch ihre Querverbindungen zu den Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV haben. Oder man denke – mehr historisch – an die Friedensbewegung, die Antiatom-, Dritte-Welt- oder die Studentenbewegung. Immer wurden auch Impulse und Organisationsformen aus anderen Ländern aufgegriffen.

In diesen Bewegungen spielten Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten – Männer wie Frauen – immer eine wichtige, wenn auch selten eine dominierende Rolle. Schon deshalb fällt der fast lapidare Hinweis auf „andere emanzipatorische Bewegungen“ viel zu schwach aus. Es werden später noch einzelne Bewegungen (Umwelt-, Friedens- und Frauenbewegung) kurz genannt, aber im Geschichtsbild der Autoren spielen diese nur eine Nebenrolle.

Um das kurz klar zu stellen. Der Entwurf kann und soll nicht die ganze Welt erklären und kann auch nicht unendlich lang sein. Aber die Formulierungen zeigen insgesamt, was konzeptionell schon da ist und was nicht. Im Hinterkopf ist offenbar ein Denken in Gewerkschafts- und Parteiapparaten.

Das Konzept fehlt und ist das Schwierigste

Redaktionell geht es mir um eine Schärfung, die Ausdruck eines Konzepts ist. Denn das fehlt. Die einzelnen Bewegungen sind unverbunden und unvermittelt. Bislang liefert der Entwurf nur eine Aufzählung. Es wird nicht deutlich, warum diese einzelnen Bewegungen wichtig sind.

Vor der inhaltlichen Schärfung wäre auch dringend zu erörtern, ob im Entwurf nicht noch die alte Rede von den Haupt- und Nebenwidersprüchen nachklingt. Oder der Mythos einer historischen Mission der Arbeiterbewegung. Oder will man immer noch in erster Linie eine Arbeiterbewegungspartei sein? Denn man steht bei jeder Traditionsbestimmung unvermeidlich vor dem Problem, dass die Bestimmung der Traditionslinien und die Herstellung der historischen Bezüge nicht von der Aussage zu trennen ist, wer historisch wirkmächtig ist und was weitergeführt werden soll.

Und hier mag es nach wie vor richtig sein, dass zum Beispiel gewerkschaftlich organisierte Arbeiter im Unterschied zu Studentinnen und Studenten eine reale politische Macht darstellen, die Zugriff auf den Produktionsapparat hat und dadurch ein Gleichgewicht der Kräfte herstellen kann, vor dessen Hintergrund Argumente überhaupt eine Chance bekommen.

Aber genauso richtig ist die historische Erkenntnis, dass es keine dauerhaft erfolgreiche Single-Issue-Bewegung gibt. Soziale Bewegungen, auch die einzelnen Arbeiterbewegungen, waren dann erfolgreich, wenn sie unterschiedliche Teilbewegungen kombinierten – und ich sage bewusst nicht „integrierten“. Dasselbe gilt für Parteien. Man denke nur an die sozialistische Frauenbewegung im Kontext der Sozialdemokratie des 19. und 20. Jahrhunderts. Ja auch die Grünen verbanden die politischen Interessen der verschiedensten Alternativbewegungen.

Aus Problemen Fragen machen

Das ist allen klar und unstrittig. Aber wie geht man damit um, dass die Bewegungen unterschiedliche Durchschlagskraft entwickelten? Dass sie sich auch in ihrer Zielsetzung und von der intellektuellen Durchdringung der Verhältnisse unterschieden? Von der dahinterstehenden Klassenzusammensetzung mal ganz zu schweigen. Das ist das Problem.

Warum macht man aus dem Problem keine Fragestellung? Warum macht man aus dem Einstieg keinen Trailer, der den Grundgedanken der nachfolgenden Skizze der historischen Emanzipationsbewegungen anstimmt? Dann könnte man zum Beispiel sagen:

„Um die Grundsätze linker Politik neu bestimmen, müssen immer wieder die historischen Erfahrungen der bisherigen Emanzipationsbewegungen gesichtet werden. Auch die DIE LINKE kombiniert die politische Erfahrung ganz unterschiedlicher sozialer Bewegungen. Die linksdemokratischen Positionen und Traditionen der sozialistischen, sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiterbewegung bilden dabei unsere Arbeitsgrundlage, weil wir die dort gewonnene historische Erkenntnis, dass eine demokratische Gesellschaft den Kapitalismus überwinden muss und dass dies nur Ergebnis freier Diskussion sein kann, als wichtigen Beitrag zu einer umfassenderen Emanzipationsbewegung betrachten.“

Es gibt sicher glücklichere Formulierungen. Wie auch immer. Das Grundsatzprogramm darf aber im historischen Teil nicht nur irgendwelche Duftmarken setzen, sondern muss aus der Geschichte heraus argumentierend aufzeigen, welche Rolle eine Partei im Wechselspiel mit einer heterogener gewordenen, global agierenden Emanzipationsbewegung haben kann, was die Arbeitsgrundlage und der spezifische Beitrag der Linkspartei in den nächsten zehn Jahren ist. Das ist zugegeben leichter gesagt als getan.

Weiter demnächst mit Teil 3.

Zurück zu Teil 1

Literaturhinweis:

Hoffrogge, Ralf (2010): The Memory of Labour – Arbeiterbewegungen in globalen Erinnerungsprozessen, Tagungsbericht der ICLH in Linz 2010.

About these ads

Schlagwörter: ,

6 Antworten to “Die Linkspartei und ihre Geschichte (2)”

  1. Die Linkspartei und ihre Geschichte (1) « kritische geschichte Says:

    [...] notizen zur historischen analyse « Benjamin, Trotzki, Klee, Fitzgerald … Die Linkspartei und ihre Geschichte (2) [...]

  2. entdinglichung Says:

    habe das Teil noch nicht gelesen aber zumindest Marcel van der Linden Aufsatzsammlung ” Workers of the World: Essays toward a Global Labor History” soll, wie FreundInnen mir erzählt haben, schon in diese Richtung einer “überregionalen Geschichte der Arbeiterbewegung” gehen … der Satz mit der Traditionsanknüpfung ist m.E. eine pure Floskel, DIE LINKE und die meisten ihrer Mitglieder wollen m.E. nichts anderes, als eine neue alte sozialdemokratische Wahl-Partei haben, die Frage ist hierbei lediglich, welcher historischen Variante von Sozialdemokratie (50er SPD, 70er SPD, “DKP light”, etc.) den Vorzug gegeben wird

    • Richard Heigl Says:

      Den van der Linden sollte ich mir mal besorgen.
      Ja. Das mit den Floskeln ist schon wahr. Aber allein mit Floskeln kriegt man nicht einmal mehr einen Wahlverein :-)

  3. Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Says:

    [...] Geschichte Schafe auf dem Weg zur Schlachtbank?Zur Geschichts-Weblog DebatteDie Linkspartei und ihre Geschichte (2)Die Linkspartei und ihre Geschichte [...]

  4. Die Linkspartei und ihre Geschichte (3) « kritische geschichte Says:

    [...] Teil 1, Teil 2 [...]

  5. bernd Says:

    das buch von marcel van der linden schwimmt irgendwie auch als open access PDF im Internet. ich habe es (bzw. die teure, gedruckte fassung) hier http://www.prager-fruehling-magazin.de/article/178.global_labor_history_reloaded.html besprochen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 64 Followern an

%d Bloggern gefällt das: