Neue Ausgabe des “Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung” erschienen

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Anders, als der Titel nahelegt, erscheint das “Jahrbuch” insgesamt dreimal jährlich, vor einigen Tagen wurde die Septemberausgabe ausgeliefert. Das Jahrbuch ist mittlerweile die einzige regelmäßig erscheinende wissenschaftliche Zeitschrift zum Themenbereich Arbeiterbewegung, wenn man von einigen Mitteilungsblättern und spezielleren Schriften wie dem “Jahrbuch für historische Kommunismusforschung” einmal absieht. Denn während letzteres tatsächlich nur einmal im Jahr erscheint und sich auf die Erforschung des Parteikommunismus beschränkt, ist der Ansatz des “Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung” breiter gesteckt. Hier werden nicht nur die klassischen Organisationen der Arbeiterbewegung wie kommunistische und sozialdemokratische Parteien sowie Gewerkschaften erforscht, sondern auch die Geschichte des antifaschistischen Widerstandes und die Geschichte sozialer Bewegungen werden immer wieder thematisiert.

Die neue Ausgabe setzt einen Schwerpunkt auf die Geschichte des Staatssozialismus, der sich gleich vier der Beiträge widmen.

So setzt sich Siegfried Kuntsche in seinem Aufsatz “Sozialistischer Frühling 1960″ kritisch mit der Agrarpolitik der DDR und der Bildung von landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften ab 1960 auseinander. Er untersucht die Realität hinter der Losung von “Sozialistischen Frühling” und wirft einen Blick auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und den Bäuerlichen Widerstand gegen die Genossenschaftsbildung.

Mit der “Polnischen Krise 1970/71 beschäftigt sich Christa Hübner in ihrem Beitrag. Gemeint ist damit eine Streikbewegung auf der Danziger Lenin-Werft 1970/71 die sich schnell ausweitete und zur Vorgeschichte der Solidarnosc-Bewegung zählt und die Polnische Regierung zu sozialen Zugeständnisse in der Preispolitik zwang.

Jörg Rösler analysiert in einem Aufsatz “Die `Beschäftigungswende´ 1989/1990 in der ostdeutschen Energiewirtschaft” und setzt damit einen Forschungsschwerpunkt, der in den aktuellen Jubiläumsschriften zur Wiedervereinigung in der regel nicht thematisiert wird: den, wie er es nennt, “ordnungspolitsichen Wandel vonh der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft”. Nüchtern und frei von Nostalgie und Ostalgie analysiert Roesler am Beispiel der DDR-Energiewirtschaft den letztlich erfolglosen Kampf der  Beschäftigten um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze.
Trotz des vergleichsweise niedrigen Produktionsrückgans in der auf eine Grundversorgung ausgerichteten Energiebranche gelang es mithilfe von Strukturplänen auf fragwürdiger Grundlage innerhalb von Monaten, die Zahl der Arbeitskräfte drastisch zu reduzieren.

Einen biographischen Schwerpunkt setzen schließlich Mario Keßler und Detlef Siegfried mit ihrem Biographischen Aufsatz über den DDR-Historiker Alfred Meusel “im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik”. Meusels Lebensweg führt ihn über die Politisierung als Soldat während des Ersten Weltkrieges und der Novemberrevolution weg vom bürgerlichen Milleu, dem er entstammte. Dem Scheitern der Weimarer Republik und dem erzwungene Exil folgte ab 1946 der Wiederaufbau in der SBZ. Meusel wurde im November 1946 Dekan der philosophischen Fakultät der Berliner Universität und später Direktor des Museums für Deutsche Geschichte der DDR.
Keßler und Siegfried scheuen sich nicht, das marxistisch-leninistische Geschichtsbild der DDR korrekt als Ideologie zu identifizieren – also als ein Gedankengebäude zur Rechtfertigung von Herrschaft. Der biographische Blick bewahrt sie jedoch vor einer pauschalen Dämonisierung der DDR Wissenschaft und erlaubt differenzierte
Einsichten in die Frage, wie und warum Intellektuelle sich angesichts der Katastrophen des 20. Jahrhunderts dem Marxismus zuwandten und wie selbst diese überzeugten Marxisten später immer wieder mit der dogmatischen Enge des DDR-Wissenschaftsapparates in Konflikt gerieten. Ohne ihn zum Widerstandskämpfer zu stilisiern gelingt es den Autoren, am Beispiel Meusel dieses Spannungsfeld zu beleuchten.

Die Septemberausgabe des “Jahrbuch” enthält neben den genannten Aufsätzen noch einen Beitrag von Heinz Niemann “Zur Krise der DDR und der SED” sowie einen umfangreichen und lesenswerten Rezensionsteil. Allen, die sich für eine historisch-kritische Auseinandersetzung mit den Themen DDR und Staatssozialismus interessieren, sei insbesondere das neue Heft sehr empfohlen. Auch wenn manche Beiträge eher spezieller Natur sind und daher eher für Fachleute interessant. Die Beiträge erlauben jedoch in ihrer Gesamtheit auch einen umfassenderen Blick auf das innere Scheitern des Staatssozialismus, ohne sich dabei auf den in der Gedenkkultur, aber auch in Teilen der Wissenschaft verbreiteten Triumphalismus zu beschränken, der kein eigentliches Interesse an der inneren Dynamik von staatssozialistischen Gesellschaften hat und somit kaum neue Erkenntnisse liefert.

Ralf Hoffrogge

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