Wer zahlt die Zeche? Debatten um Umweltgerechtigkeit

von

Grubenunglück Zeche Minister Stein (Dortmund) 1925, Wikimedia Commons (Deutsches Bundesarchiv)

Gedanken zu einem Artikel von Jonas Ebbesson in der schwedischen Zeitschrift Arena (engl. bei Eurozine). Sein Thema ist Umweltgerechtigkeit.

Lange Zeit schienen die Linien an der Umweltfront klar gezogen. Auf der einen Seite standen Umweltaktivisten, oft dem linken politischen Spektrum zugeordnet, auf der anderen die Wirtschaftslobby und das konservativ-liberale politische Spektrum, das auf die überragende Bedeutung von Wirtschaftswachstum hinwies, das Arbeitsplätze schuf und Wohlstand und durch übertriebene Maßnahmen zum Umweltschutz nicht gefährdet werden durfte. Sozialdemokratie und Gewerkschaften waren hin- und hergerissen zwischen Arbeitsmarktpolitik und Umweltbewegung. Seit einigen Jahren hat sich die Situation verändert. Insbesondere der Klimawandel und die weltweite Debatte darüber haben das Thema Umwelt für alle politischen Akteure attraktiv werden lassen.

Dies gilt natürlich im Wahlkampf, denn die Bevölkerung zeigt sich informiert und besorgt, verlangt nach politischen Lösungen. Und es gilt für den Bereich der internationalen Politik. Längst werden auf den UN-Konferenzen zwischenstaatliche Verteilungskämpfe um Ressoucen und geostrategischen Einfluss auch über das Thema Umwelt verhandelt. Die armen Staaten des Südens haben sich durchaus ein mediales Forum schaffen können und verlangen nach einer gerechten Verteilung der Ressourcen des Planeten und der Lasten durch Umweltdegradation bzw. -wandel. Schnell wachsende Ökonomien wie China und Indien können zudem die Hebelwirkung geltend machen, die sich aus ihrem Wachstum ergibt. Der Westen stellt sich z.B. die Frage, was passiert, wenn sich diese Staaten automobilisieren – und erschrickt.

Während nun die gerechte Verteilung von Lasten und Chancen international diskutiert wird, stellt Jonas Ebbesson in der schwedischen Zeitschrift Arena am Beispiel Schwedens fest, dass dies innerhalb der westlichen Nationen noch keineswegs der Fall ist. Umweltgerechtigkeit spielt kaum eine Rolle.

Gleiches dürfte für Deutschland gelten. Auch hier werden Umweltfragen noch nach dem alten Muster debattiert. Die Gesellschaft und ihre Advokaten stehen auf einen Seite, fragen, was kostet der Umweltschutz; die Umwelt und ihre Schützer auf der anderen und fordern die Intensität der Eingriffe zu vermindern. In jüngster Zeit sind nun die aller meisten politischen Akteure für den Umweltschutz, aber aktiv handeln ist deshalb noch lange nicht auf der Agenda. Umweltschutz wird zum Objekt reiner Symbolpolitik. Der von Ebbesson vorgeschlagene Blickwinkel der Umweltgerechtigkeit (environmental justice) könnte womöglich neuen Schwung in die Debatte bringen. Umweltgerechtigkeit, seit den frühen 1980er Jahren in den USA bekannt (Encyclopedia of World Environmental History I, S. 451ff.), fordert, bei konkreten Projekten der Umweltveränderung die Verteilung der Chancen und Lasten zu prüfen. Zu fragen ist, welche Bevölkerungsgruppen (nach Geschlecht, Ethnie, Schicht o.ä.) profitieren von der Maßnahme, wer leidet darunter, wem werden Möglichkeiten vorenthalten? Also beispielsweise: wer profitiert von Lärmschutzmaßnahmen, Parkanlagen, wessen Arbeitsplätze, Wohnungen, Nahrungsmittel sind schadstofffrei? Welche Bevölkerungsgruppen leiden unter der Feinstaubbelastung an Ausfallstrassen? Wo werden atomare Endlager projektiert, wo nicht? Die Liste der Fragen liese sich beliebig verlängern.

Der große Vorteil der Perpektive der Umweltgerechtigkeit ist, dass sie in der neuen Unübersichtlichkeit der Umweltdebatte (jeder ist irgendwie für die Umwelt) einigermaßen klare Orientierungen bietet. Für Historiker bietet sich Umweltgerechtigkeit und ihre Orientierung an den Katagorien Schicht/Klasse, Ethnie, Geschlecht als kritischer Maßstab für vergangene Umweltkonflikte und Verteilungslagen an.

About these ads

Schlagwörter: , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 57 Followern an

%d Bloggern gefällt das: