Götz Aly geht am Gröbenufer baden

6. Februar 2010 von Richard Heigl

In Berlin wird das Gröbenufer nahe der Oberbaumbrücke offiziell in May-Ayim-Ufer umbenannt. Eigentlich keine große Sache. Straßen-Umbenennungen sind in einer Stadt wie Berlin ein Dauerthema. Und es gab wohl kaum eine Umbenennung, die ohne Widerspruch vollzogen wurde. Mit einer Umbenennung kommen immer auch veränderte gesellschaftliche Machtverhältnisse zum Ausdruck. So hatten etwa die Umbenennungen unter dem Regierenden Bürgermeister Diepgen 1995 ein klaren antiemanzipatorische Charakter.

Nun soll der Kolonialist Otto Friedrich van der Gröben (1657-1728) der antirassistischen Historikerin May Ayim (1960-1996) weichen. Dazu meldete sich der Historiker Götz Aly in der Berliner Zeitung (“Straßenschänder in Kreuzberg”) zu Wort. Der Beitrag ist ein in jeder Hinsicht undiskutabler Angriff auf die Träger dieser Umbenennung. Interessanter finde ich da die Antwort von Susan Arndt, die den Hintergrund der Umbenennung sachlich aber entschieden offenlegt.

Howard Zinn gestorben

30. Januar 2010 von Richard Heigl
Howard Zinn 2009

Howard Zinn 2009 (Wikimedia Commons, User B-Fest of Athens indymedia, CC Lizenz)

Der Historiker und politische Aktivist Howard Zinn starb mit 87 Jahren an einer Herzattacke. Zinn zählte neben Noam Chomsky zu den großen linken Intellektuellen in den USA.

Zinn war ein früher Gegner des Vietnam-Kriegs und engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung. “Seine Schriften veränderten das Bewusstsein einer ganzen Generation”, schreibt Chomsky über Zinn. Das bekannteste Werk Zinns ist das Buch “A People’s History of the United States” (1980).

Siehe auch den Artikel auf kritische-geschichte.de

Mumia Abu Jamal’s Essay zu Haiti

23. Januar 2010 von Richard Heigl

Screenshot YoutTubeDer afro-amerikanische Journalist und Bürgerrechtler Mumia Abu Jamal wurde vor 28 Jahren zu Unrecht zum Tode verurteilt. Vor wenigen Tagen wies der Oberste Gerichtshof der USA seinen Fall an das Bundesberufunsggericht zurück. Der Fall wird nun neu aufgerollt und Mumia kann auf ein neues Verfahren hoffen. Weltweit setzen sich Menschenrechtsgruppen für Mumia ein, der ein Symbol im Kampf gegen die Todesstrafe und gegen rassistische Rechtssprechung geworden ist.

Weniger bekannt ist der politische Publizist Mumia Abu Jamal. Und als solcher publizierte er vor kurzem einen Essay zum Erdbeben in Haiti (“Haiti on Our Minds”, Prison Radio). Er verweist dabei auf die Geschichte Haitis -  auf die einzige Sklavenrevolte in der Geschichte (1791), die zu einem eigenen Staat führte. Und er erinnert an die imperialen Interessen nicht nur der USA, gegen die sich Haiti, wie natürlich auch alle anderen karibischen Gesellschaften, zu erwehren hatten und haben. Die jahrhundertelange Ausbeutung ist eine wesentliche Ursache für die Armut und damit auch für die verheerenden Folgen des Erdbebens. Der Essay auf Englisch “verfilmt” auf YouTube.

Wer zahlt die Zeche? Debatten um Umweltgerechtigkeit

19. Januar 2010 von Richard Hölzl

Grubenunglück Zeche Minister Stein (Dortmund) 1925, Wikimedia Commons (Deutsches Bundesarchiv)

Gedanken zu einem Artikel von Jonas Ebbesson in der schwedischen Zeitschrift Arena (engl. bei Eurozine). Sein Thema ist Umweltgerechtigkeit.

Lange Zeit schienen die Linien an der Umweltfront klar gezogen. Auf der einen Seite standen Umweltaktivisten, oft dem linken politischen Spektrum zugeordnet, auf der anderen die Wirtschaftslobby und das konservativ-liberale politische Spektrum, das auf die überragende Bedeutung von Wirtschaftswachstum hinwies, das Arbeitsplätze schuf und Wohlstand und durch übertriebene Maßnahmen zum Umweltschutz nicht gefährdet werden durfte. Sozialdemokratie und Gewerkschaften waren hin- und hergerissen zwischen Arbeitsmarktpolitik und Umweltbewegung. Seit einigen Jahren hat sich die Situation verändert. Insbesondere der Klimawandel und weltweite Debatte haben das Thema Umwelt für alle politischen Akteure attraktiv werden lassen. Den Rest des Beitrags lesen »

Traurige Tropen revisited

3. Januar 2010 von Richard Hölzl

Bororo indian, in Brazil, by Hercules Florence, french painter, during Langsdorff's expedition in amazonia (1825 - 1829), Wikimedia Commons

Ende Oktober 2009 starb Claude Lévi-Strauss, in Brüssel geborener Ethnologe, 100-jährig. Zu seinen bekanntesten Werken zählt das zuerst 1955 erschienene Buch “Traurige Tropen” (Tristes Tropiques). Ich habe es über die Weihnachtstage gelesen und möchte zur Diskussion stellen, was mir an diesem Klassiker der ethnologischen Forschung aufgefallen ist, und fragen, was wir, an einer kritische Geschichtsbetrachtung Interessierte daraus lernen können. Den Rest des Beitrags lesen »

Vor 30 Jahren: Sowjetische Invasion in Afghanistan

1. Januar 2010 von Richard Heigl

Alex Lantier beleuchtet in seinem Beitrag “Vor dreißig Jahren: Die sowjetische Invasion in Afghanistan” die politischen Hintergründe des Einmarsches. Dies ist durchaus ein Beitrag zum Verständnis der heutigen Situation dort. Leider werden dem Leser kaum Belege mitgegeben.

Generell hat die Internetseite World Socialist Web Site – als deutsche und als englische Ausgabe verfügbar – einen starken Fokus auf historische Ereignisse. Das hängt mit der trotzkistischen Tradition zusammen, in der diese Page steht und aus deren Perspektive Geschichte interpretiert wird.  Sollte man im Blick behalten.

Lernen von der Osterinsel?

29. Dezember 2009 von Richard Hölzl

Anonymous photograph: Easter Island, two Europeans and statue, c. 1880, Wikimedia Commons

Die Süddeutsche Zeitung bringt in ihrem Wirtschaftsteil derzeit eine Artikelserie zur Frage, welche Art von wirtschaftlichem Wachstum möglich und erstrebenswert ist. Zum 29.12.09 hat Moritz Koch Jared Diamond interviewt, den derzeit wohl bekanntesten wie erfolgreichsten Publizisten der globalen Umweltgeschichtsforschung. Die Spezialität des Geographen sind universalhistorische Werke, die sich mit Aufstieg und Fall ganzer Kulturen befassen, und diesen aus dem jeweiligen Umgang mit den ökologischen Grundlagen und den natürlichen Ressourcen erklären (z.B. Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften, Frankfurt/Main 1999 oder Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen, Frankfurt/Main 2005). Diamond versteht sich v.a. als politischer Autor; das SZ-Interview verdeutlicht jedoch m.E.  paradigmatisch die Schwächen und Gefahren einer Geschichtsdeutung, die sich, was ihre Narrationen angeht, v.a. an Popularität, glatter Eingängkeit und Vereinfachung, um einer möglichst breitverständlichen Didaktik willen, orientiert. Ein Beispiel: Den Rest des Beitrags lesen »

Der bürgerliche Staat – Thesen zur historischen Entwicklung

14. Dezember 2009 von Richard Heigl

H. Gerstenberger, Q: Dampfboot Verlag

Die Beschäftigung mit Staat und Staatstheorien hat spätestens dann Konjunktur, wenn Emanzipationsbewegungen Zugriff auf die Institutionen staatlicher Gewalt erhalten und entsprechende Hoffnungen in “den Staat” setzen. Dieser Nachfrage begegnet jetzt der lesenswerte Reader Staatsfragen. Einführungen in die materialistische Staatskritik, herausgegeben von der Associazione delle Talpe und der Rosa-Luxemburg-Stiftung Bremen.

Die gängigen Staatstheorien müssen aber durch sozialgeschichtliche Forschung geerdet werden. Denn

  1. lassen sich erst aus der Bestimmung der konkreten historischen und sozialen  Situation  konkrete und begründbare Handlungsoptionen aufzeigen,
  2. ist die historische Forschung ein gutes Korrektiv für Simplifikationen.

Ein hervorragendes Beispiel liefert hierzu der Beitrag von Heide Gerstenberger, eine gesellschaftspolitisch aktive Historikerin, die sicher dem einen oder anderen schon lange bekannt ist – für mich persönlich eine Entdeckung. In ihrem Artikel “Der bürgerliche Staat” liefert sie “Zehn Thesen zur historischen Konstitution einer spezifischen Form moderner Staatsgewalt.” Den Rest des Beitrags lesen »

Warum Israel

9. Dezember 2009 von kobib

Im Hamburger Kino B-Movie wird am Sonntag, 13. Dezember, 16:00 Uhr der Film “Warum Israel” (1972) von Claude  Lanzmann gezeigt. Bereits am 25. Oktober stand der Film auf dem Programm, die Aufführung fand an diesem Tag jedoch nicht statt. “Antiimperialisten und Antisemiten aus dem Umfeld des ‘internationalistischen Zentrums’ B5 verhinderten die Filmaufführung,” so berichtete die Jungle World – ein unfassbarer Vorfall, der von linker Geschichtsblindheit zeugt.

Ein Nachruf zu Lambsdorff

9. Dezember 2009 von Richard Heigl

Stephan Stracke erinnert im Freitag an eine andere Seite von Otto Graf Lambsdorff.